Hamburg 5

Wie wir Städte lieben lernen: Mein Fenster auf Hamburg

Veröffentlicht: Sonntag, 28. September 2014

Manche Dinge passieren einfach. Die wenigstens lassen sich erklären. Zumindest nicht mit Sinn und Verstand. Es war Freitagmorgen, 7.26 Uhr. Ich stand noch eine Weile am Fenster und sah ihm nach. Bis er am Horizont verschwand, der in Wahrheit eine U-Bahn-Station ist. Auf mich wirkt sie wie ein weiter Horizont. Weil sie meinen Blick von ihm löst. Ich zündete mir eine Zigarette an. Einfach um runter zu kommen. Nach all der Zeit war da immer noch dieses Fliegen, wenn er kam, und das Fallen, wenn er ging. Irgendwo in mir drin.

Über zwei Jahre sind vergangen, seit ich in diese Stadt kam. Er kam nur wenig später. Und so kam es, dass ich ihn nicht mehr gehen lassen wollte. Seither vergeht keine Minute, in der er mir nicht in den Sinn kommt, in der meine Gedanken nicht zu ihm fliegen. Dann sehe ich ihn in den Schiffen im Hafen und auf den Booten auf der Alster; dann fühle ich ihn im frühen Frost dieser Stadt, aber auch in ihrem langen Sommernächten. Und jeden Abend, wenn ich auf dem Heimweg ein Stück mit der Bahn aus seinem Stadtteil fahre, fühle ich mich ihm nah. Zu jeder Jahreszeit.

 

Die Zeit mag fliegen, manche Dinge bleiben gleich: Nach zwei Jahren noch sitze ich gelegentlich an diesem Fenster und schaue auf die Stadt da draußen, um mich an ihr zu erfreuen. Weil es die Stadt ist, in der wir uns trafen. Treffender gesagt: Weil seine Stadt nun meine ist, weil meine Stadt sein Gesicht trägt. Wie ein Wappen. Weil sie unsere Geschichten erzählt in warmen Worten wie diesen, manchmal auch fröstelnd, aber immer frei heraus. Wohin ich auch sehe, wohin ich auch gehe, weil ich langsam verstehe, warum das so ist.

Ich kannte Hamburg nur als Tourist. Auch aus Filmen, Reisekatalogen und Fernsehreportagen. Als Teenager war die Stadt für mich All-Day-Shopping, in meinen Zwanzigern All-Night-Clubbing und als ich mich Anfang meiner Dreißiger beim Einwohnermeldeamt vorstellte, vor allem wegen eines Every-Day-Abenteuers. Ich hatte mir Hamburg immer aufregend vorgestellt. Da war irgendwas, das mich anzog, hinzog, irgendetwas, das ich nicht erklären konnte. Zumindest nicht mit Sinn und Verstand. Nur gefühlt.

Wenn wir uns küssen, umarme ich den Traum, den ich damals von Hamburg hatte, und gleichzeitig die Realität, die ich heute hier lebe. Dann sehe ich all das in seinen Augen. Manchmal fühlt sie sich immer noch an wie ein Traum, gelegentlich ein schlechter. In Wahrheit ist er alles, was ich mir damals von Hamburg erhoffte: das Abenteuer, die Herausforderung, das unglaublich Schöne. Aber er ist auch, was ich hier jeden Tag erlebe: das Raue, das Edle, das Schönere. Die frische Brise, aber eben auch der kalte Wind, der mir in den langen, dunklen Nächten ins Gesicht peitscht, wenn ich dieses Fenster öffne, eine Zigarette rauche und an ihn denke.

Es ist das Risiko, das den Reiz an Abenteuern ausmacht, wie wir sie in Städten suchen und in Menschen, sobald unser Anspruch ist, sie zu erobern. Denn wer oben ist, fällt tiefer. Im Moment, in dem er geht, vielleicht, aber auch im Ganzen gesehen. Gelegentlich habe ich Angst, ihn irgendwo in dieser Stadt zu verlieren. So plötzlich wie ich ihn gefunden habe. Oder er mich. Inzwischen kenne ich den Grund dafür.

Er ist das Fenster, durch das ich mein Hamburg sehe. Er ist der Blick, den ich auf diese Stadt habe, der gefärbte, der geprägte, vor allem der gefühlte. Denn er war da als Hamburg für mich zu mehr als Bilder aus einem Reisekatalog oder einer Fernsehreportage wurde, mehr als flüchtige Eindrücke zwischen Kreditkarten- und Getränkerechnungen. Wenn es mir hier gut ging, habe ich mit ihm gefeiert, wenn es mir schlecht ging, habe ich mich an ihm getröstet, selbst wenn es mir seinetwegen schlecht ging. Manchmal nur an seiner Stimme bei einer Zigarette an diesem Fenster, während ich auf mein Hamburg da unten sah.

 

Warum wir Menschen lieben, lässt sich zumeist ebenso wenig erklären wie die Liebe zu einer Stadt. Weil wir statt harter Standortfaktoren weichere anlegen: Standpunktfaktoren. Eben Emotionale Werte, gefühlte Geschichten, erlebte Momente wie sie in keinem Film abgebildet werden können. Nur im Film, den wir selbst fahren. Diese Momente passieren einfach, so plötzlich wie flüchtig, irgendwo auf Straßen, auf Plätzen und in Wohnzimmern. Und manchmal sind sie gefühlt so monumental, dass sie sinngebend werden.

Wenn ich heute sage, dass mich irgendetwas anzieht an dieser Stadt, dass ich sie liebe und sie nicht mehr aufgeben möchte, dann meine ich damit immer auch ihn. Weil ich mit ihm einen Teil dieser Stadt verlieren würde, wie ich sie lieben gelernt habe – jeden Morgen, wenn ich in ihr aufwache, oder neben ihm. Da ist dieses Fenster, das ich nicht schließen will. Seinetwillen und für meinen Blick auf Hamburg.

Manchmal, wenn ich abends nach Hause komme und aus diesem Fenster schaue, sehe ich nur eine Straße. Aber immer auch ihn, wie er langsam an meinem Horizont verschwindet, der in Wahrheit eine U-Bahn-Station ist. Dann lächele ich und schreibe Dinge wie diese: „Du bedeutest mir wirklich was. Und wenn es nur ist, dass 25 Monate in Hamburg, davon 19 Monate mit dir, schon eine gewisse Relation haben. Du bist einfach Teil des Hamburgs, das ich kenne – und in gewisser Weise auch des Hamburgs, das ich haben wollte.“

So wie am Freitagabend um 21.53 Uhr.

Herz drum, fertig.

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