Glueck

Glück

Veröffentlicht: Samstag, 18. Mai 2013

Da saß ich wieder im Bus Richtung Routine: essen, telefonieren, schlafen. Genervt und müde. Wie jeden Abend. Und gegenüber wieder der Typ mit den roten Riesenheadphones. Er ließ auch heute keinen Zweifel daran, mindestens genauso genervt und müde zu sein wie ich. Und dass seine aktuelle Playlist aus genau einem Song besteht: Daft Punks „Get lucky“.

Ich weiß nicht mehr genau, was mich mehr nervte: die Dauerbeschallung oder der Gestank seines Döners? Doch auf halber Strecke wusste ich immerhin, dass es Zeit wurde, auszusteigen. Nicht ohne dem Typ mit den roten Riesenheadphones endlich zu sagen, dass er wohl niemals glücklich sein könne, wenn er jeden Abend wie ein Schluck Wasser in der Kurve im falschen Bus sitzt. Im Bus Richtung Routine. Nicht ohne zuvor meinen eigenen Frust geschluckt, und Britney Spears „Lucky“ von meiner Playlist verbannt zu haben. Natürlich. Was ein Befreiungsschlag.

Eine Station vor meiner Endstation schaffte ich den Absprung, drückte „Bitte halten“ und sprang auf. Ich setzte meine rosa Riesenheadphones auf, verließ meinen Bus und wartete einfach auf einen anderen. In eine andere Richtung. Denn wird die Reise erst zum „Resteficken“, sollten wir die Reißleine ziehen und Leine ziehen, bevor der Fahrer die Endstation ankündigt. Oder der Typ mit den roten Riesenheadphones rülpsen muss. Einfach aussteigen.

Mit dem Glück verhält es sich nämlich so: Es wartet meistens an der nächsten Ecke. So wie in „Pretty Woman“. Denn das Glück ist gar keine Hure, die wahllos von einem zum anderen wandert. Es steht an der Bushaltestelle. Richtung Realität. Und wahrscheinlich wartet es so lange, bis wir uns wirklich eingestanden haben, was uns so unglaublich unglücklich macht.

Macht meiner neuen Einsicht fiel es mir nicht schwer, nur ein „One-Way-Ticket zu kaufen. Während der Fahrer von der Nebenstrecke auf die Schnellstraße abbog, saß das Glück schon neben mir, setzte seine roséfarbenen Riesenheadphones auf und hörte Rihanna. „Diamonds“. Im Moment, in dem wir endlich nahe des kleinen Clubs ausstiegen, strahlte ich wieder. Hell wie ein Diamant.

Es war eine dieser Nächte, über die man später sagt, dass sie unsere Sicht auf die Dinge veränderte. Vielleicht, weil wir zu viel getrunken hatten. Vielleicht aber auch, weil wir eine schlechte Party am besten für eine gute verlassen – und schließlich gehen, wenn es am schönsten ist. Nicht ohne zuvor den ganzen Frust auf der Tanzfläche rausgeschwitzt zu haben. Natürlich.

Während das Resteficken begann, saß ich bereits im Bus Richtung Rettung. Ich setzte mich in die erste Reihe und hörte mit dem Fahrer Radio. Als die ersten Takte von Kylie Minogues „I should be so lucky“anklangen, fragte ich mich kurz, ob der Typ mit den roten Riesenheadphones noch den Absprung geschafft hatte.

Ich traf ihn drei Wochen später am Bahnhof, als ich mir eine Jahreskarte für die erweiterte Nahverkehrszone besorgte. Ich so: „Wo geht’s hin?“ Er so: „Einfach mal in die Bahn setzen und irgendwo aussteigen, wo’s schön ist.“ Ich lächelte, er setzte seine roten Riesenheadphones auf und hörte Icona Pop. In seinen Mundwinkeln hing noch ein Rest Dönersoße. Wie jeden Abend.

He didn’t care. I loved it!

Manche Dinge ändern sich eben nie. Wie die immer gleiche Soße… auf Dönern. Andere sofort – wenn wir uns in den richtigen Bus setzen. Wenn wir dann endlich dort ankommen, wo’s am schönsten ist, dann ist das Glück.

Trau dich und stay fashionable,

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Maryanto Fischer, Journalist und Redakteur

Kommentare

  1. Gepostet von Julia am Samstag, 18. Mai 2013

    schön dass du wieder schreibst! abende gerettet. wir haben dich vermisst!

  2. Gepostet von Linda am Samstag, 18. Mai 2013

    Einfach nurn geiler Text!

  3. Gepostet von Brad am Samstag, 18. Mai 2013

    Oh, vielen Dank euch! Joa, hatte mal wieder das Bedürfnis. Ist wie mit Sport, wenn du erst wieder im Training bist, willste nicht mehr aufhören. Happy weekend!

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