RealityCheck

Realitäts-Check: Life in plastic, it’s fantastic!

Veröffentlicht: Sonntag, 1. September 2013

Während ich durch die Linse schaute, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Und irgendwie wollte ich ihnen trotzdem nicht ganz trauen. Noch nicht. Vielleicht, weil ich verlernt hatte, mich auf sie zu verlassen. Wahrscheinlich, weil wir uns in der Multi-Channel-Realität daran gewöhnt haben, vor allem zu sehen, was wir wollen – beziehungsweise die Realität auf multiplen Kanälen willentlich zu manipulieren. Nicht nur, um die komplexe Welt da draußen zu verstehen. Vor allem, um besser auszusehen. In allen möglichen Lebenslagen, speziell in den weniger speziellen.

Es war einer dieser Hamburger Samstagabende, an denen sich Wind und Regen derart penetrant vom Himmel bewegen, dass Couching als einziger Ausweg aus der aussichtslosen Ungemütlichkeit der grauen Welt da draußen erscheint.

Ich war wie ein begossener Pudel erschienen. Er schien nicht, als plante er, die trockene Wohnung noch einmal verlassen zu wollen. Also blieben wir auf dem Sofa und machten uns die Welt, wie sie uns gefällt: bunt! Eine Welt in warmen Farben, weichem Licht und wilden Rahmen. Rahmen, die Realitäten nicht fixieren, sondern verflüchtigen. Auf Knopfdruck.

 

Retro-Funktionalität

Nach dem zehnten Foto mit digitalem Vintage-Filter kamen wir auf die fixe Idee, Retro-Flair nicht nur künstlich zu erzeugen, sondern zu erforschen, wie unsere Realität auf reale Retro-Funktionalität reagiert.

So kam es, dass wir die auf alt gemacht und doch hochmoderne Polaroid-Kamera vom Accessoire zum Arbeitsgerät umfunktionierten. Wenig später sollte ein Bild unser Weltbild ins Wanken bringen. Doch das wussten wir nicht. Noch nicht.

Der Blick durch die Linse war beängstigend beengend. Außerdem war er matt. Als hätte ein Mensch mit matter Birne vergessen, den Instagram-Filter anzuknipsen – oder wenigstens das Licht. Während ich ihn mit einem zugekniffenen Auge via Blick durch die Linse fixierte, wollte ich am liebsten beide Augen zukneifen, denn er hatte gar kein Glitzern in den Augen. Er hatte auch keinen tadellosen Teint. Schlimmer: um seinen Kopf kreisten weder Sterne noch Schmetterlinge. Ich drückte den Auslöser und löste Enttäuschung aus.

Den Einsatz der Polaroid-Kamera habe ich bereut. Dafür habe ich mich nach Ansicht der Bilder über eine neue Einsicht gefreut. Sie fiel mir wirklich wie Schuppen von den Augen: Die verschwenderische Verwendung digitaler Fotofilter hatte uns zu Abziehbildern einer rosaroten Comicwelt gemacht, die genauer betrachtet mehr komisch als cool daher kam. Dachte ich. Noch. Nicht, dass wir in einer photogeshoppten und fotomontierten Welt nicht mehr als winzig kleine Fische waren, wenn es um die charmante Täuschung ging. Aber wollten wir das wirklich? Wollten wir in einem Filter leben?

Ja, ich will!“, sagte er. Ich nickte und legte die Kamera in den Abfalleimer und Aqua auf.


Realitäts-Check

So kam es, dass wir den ultimativen Realitätscheck starteten: Zusammen genommen hatten das rosaroten Instagram-Foto mit kombinierten Pop-Up- und Vintage-Filtern auf allen relevanten Social Media Plattformen innerhalb weniger Minuten einen Like-Zahl größer als 20 generiert. Da habe ich kapiert, dass wir uns doch noch vor die Tür bewegen können. Dorthin, wo die Farben schön und die Lichter weich sind. In einen Club!

Im kalten Licht des Hamburger U-Bahn-Systems habe ich vorsichtshalber nur noch nach unten fotografiert und trotzdem einen Filter drüber gelegt. Aber nur für die Corporate Identity in der Faked Reality.

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Denn so ist das mit Filtern: Sie befreien der Realität, von allem, was wir nicht wollen, und legen den schönsten Mantel des Schweigens auf das Ergebnis. Ob über den duftenden Kaffee ohne Satz, den Business-Account ohne Spam-Mails oder das Sofa an einem verregneten Nachmittag ohne Ermattungserscheinungen im Gesicht.

Als ich mir heute morgen die Bilder aus dem Club noch einmal auf Instagram ansah, fiel mir wieder ein, wie heiß wir aussahen und wie cool unsere Nacht war.

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Und dann fiel es mir wieder wie Schuppen von den Augen: Life in plastic, it’s fantastic!

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Imagination, life is your creation!

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