Raudin-Skultur der Denker - Paris

Wer zu viel denkt, vergisst zu vergessen

Veröffentlicht: Mittwoch, 31. Juli 2013

Wer zu viel denkt, vergisst zu vergessen. Denn im Rad der Reflexionen drehen wir uns irgendwann so schnell um uns selbst, dass wir kaum den Absprung schaffen. Wie der Mond von seiner Umlaufbahn, wenn wir Für und Wider wiederholen wie er Ebbe und Flut. Und so fluten wir uns weiter mit Gedankenspielen und drehen uns weiter, weil Gefühle nicht zyklisch abebben. Manchmal bis wir durchdrehen, wenn wir beidrehen sollten – und schließlich schlaflos bleiben wie bei kreisrundem Vollmond. Ein grausames Spiel.

Heute ist so eine Nacht. Dabei dachte ich immer, dass es leicht ist, zu vergessen, wenn man die Mechanismen des Verdrängens kennt. Selbst in den schlaflosesten Nächten hatte ich diese wachen Momente, in denen ich Nummern und Nachrichten gelöscht habe wie Gedanken aus dem digitalen Gedächtnis. Lieber ‘delete’ als ‘repeat’. Weil sich manche Geschichten nicht weiter drehen, nur wiederholen. Dachte ich – und dachte lieber nicht mehr.

Ich war immer Meister im Vergessen. Meistens, um mich zu schützen. Vor allem vor mir selbst: vorm Drehen bis zum Durchdrehen, vorm Kreisen bis zum Kotzen. Ich habe mich lange lieber auf Tanzflächen gedreht als um Gedanken; ich habe lieber mit Menschen gebrochen als mich brechen zu lassen – oder einen Zacken aus meiner Krone. Doch diesmal ist alles anders. Vielleicht weil ich bereits ein wenig zu viel an dich und ein wenig zu wenig an mich gedacht habe. Vielleicht, weil ich mich bereits so lange im Kreis gedreht habe, dass ich die Sache endlich rund machen will.

Bis gestern dachte ich, mich über dich vergessen zu haben. Beiläufig aber bereitwillig. In Wahrheit war ich weit davon entfernt, irgendetwas zu vergessen. Schon gar nicht, was ich will. Es wäre auch zu leicht, Gefühle ausschalten zu können, um ausschließlich mit dem Kopf zu entscheiden. Vor allem wäre es irreführend. Denn die Gedanken drehen sich im Hirn, nicht im Herz.

Ich könnte mir jetzt den Kopf darüber zerbrechen, ob du mir irgendwann das Herz brechen wirst. Ich denke aber lieber an Bacon-Burger, meinen Frisör-Termin und unser Wiedersehen. Eigentlich völlig verrückt. Doch wer nicht wagt, auch nicht gewinnt, nicht mal in Gedankenspielen.

Wahrscheinlich sollten wir öfter mal etwas völlig Verrücktes tun. Einfach aus dem Bauch heraus, vorbei an Hirn und Herz. Etwas, das sie nicht erwarten, das reinhaut und sie umhaut – und uns selbst. Denn wer zu viel denkt, vergisst oft, was er wirklich will. Leider ist nichts schwerer als aus der eigenen Haut zu kommen und dabei nicht nur den Arsch in der Hose, sondern auch noch ein gutes Gefühl in der Brust zu behalten. Aber eben auch nichts befreiender.

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Ich denke, ich sollte deine Nummer löschen.
Ich denke, also bin ich.
Und ich bin ein Hauptgewinn.

Vergiss das nicht,

Brad Unterschrift

Mehr aus meinem Tagebuch – HIER!

Kommentare

  1. Gepostet von Lasse am Mittwoch, 31. Juli 2013

    Kafka sieht das übrigens so: Liebe ist, daß Du mir das Messer bist, mit dem ich in mir wühle.

    Und ich so: I don’t care. I love it.

    ;)

  2. Gepostet von Julia am Mittwoch, 31. Juli 2013

    PURE POESIE!!!!!

  3. Gepostet von Basti am Mittwoch, 31. Juli 2013

    Das ist einfach so schön so schön, so wahr. Oh man…

  4. Gepostet von Leon am Mittwoch, 31. Juli 2013

    Deine Texte sind einfach immer ein Highlight. Unglaublich gut. Ja, wirklich Poesie!!

  5. Gepostet von Brad am Mittwoch, 31. Juli 2013

    Danke euch. Das motiviert :)

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