hot butter popcorn dance

Wenn sich Kollegen die Kleider von den Leibern reißen

Veröffentlicht: Montag, 23. Mai 2016

Von meinem Schreibtisch aus habe ich einen wunderschönen Ausblick auf den Spiegel und die Speicherstadt. Allerdings ist das nicht der Grund, warum ich versuche, die Zeit im Home Office so gering wie möglich zu halten. Was den Spaß an meinen Job konstant hoch hält, ist viel mehr, dass ich inmitten meiner Redaktion sitze. Das heißt im Regelfall auf Sichtweite, so dass jedes Zwinkern, jedes Augenrollen und jeder ungläubige Blick direkt ankommen. Genauso wie jedes Schmunzeln, jeder Lacher, jeder Schenkelklopfer.

Man darf einfach den Spaß an seiner Arbeit nicht verlieren. Gelegentlich lasse ich deshalb meinen Blick von links nach rechts im Kreis schweifen und grinse. Dann habe ich gerade irgendeinen Play-Button gedrückt und stelle mir vor, wie alle Kollegen gleichzeitig ihre Arbeitskluft von sich reißen und plötzlich in weißen Klamotten auf den Tischen stehen, in Videoclip-Slowmotion tanzen und sich dabei mit Farbe bewerfen. Und ich meine, meine Redaktion weiß inzwischen, bei welchem Song das zumeist passiert:

Zumeist gehen diesen Gedankenspielen Abende voraus, die man mit Mitte 30 nicht mehr haben sollte. Angeblich. Diese Abende, an denen ich Maik aus Köln oder Dirk aus Frankfurt anrufe – Dominik aus Hamburg schläft dann meistens schon –, um mich zu erkundigen, was mit mir eigentlich nicht stimmt. Ob ich nie aus der Pubertät rausgekommen bin, oder ob das bereits die Midlife Crisis ist.

Maik sagt dann immer beruhigend, dass auch die Menschen an den Schreibtischen um mich herum ein Privatleben hätten. Und Dirk weist mich zu solchen Gelegenheiten gern darauf hin, dass ich mir einfach mal ohne schlechtes Gewissen erlauben sollte, Spaß zu haben.

Diesen Rat setze ich immer direkt am nächsten Arbeitstag, zumeist handelt es sich um einen Montag, um. Dann strapaziere ich mein Daten-Volumen auf dem Weg zur Arbeit, um mir „Popcorn“ in mindestens drei unterschiedlichen Versionen anzuhören, gehe im Verlag einen Umweg und stelle mir an jedem Glaskasten, hinter dem bereits Kollegen vor ihren Bildschirmen sitzen, die gleiche Szene vor: den Flashmob zu Elektro-Beats, die erhobenen Hände, die nickenden Köpfe – als befände ich mich in Wahrheit auf einem Elektro-Open-Air.

Gelegentlich kommt es vor, dass mir irgendjemand bei der Zigarettenpause mit Blick auf Spiegel und Speicherstadt erzählt, dass er das schlimmste Wochenende seines Lebens gehabt habe. Wie der Chefredakteur, der mir heute von seinem riesigen Pickel berichtete. „Ist doch irgendwie auch schön, dass das mit Ende 30 noch passiert“, habe ich ihn lachdend beruhigt, ebenso wie die Ressortleiterin, die wenig später wegen irgendwelchen SMS von ihrem Loser-Ex heulend auf der Toilette verschwand, oder die Star-Reporterin, die am Sonntagmorgen offensichtlich orientierungslos an der S1-Endstation aufgewacht war.

Am meisten hat mich dieser Satz heute allerdings selbst beruhigt, weil er im positiven Sinn einen Spiegel vorhielt. An einem Montag, an dem ich etwa 200 mal Popcorn gehört und meine Redaktion habe tanzen sehen.

Ich liebe meinen Job. Weil ich meinen Redakteuren vor dem geistigen Auge so gern beim Tanzen zusehe – und am Ende der Woche immer wieder feststelle, wie viel gute Arbeit sie trotz straffen Rhythmus‘ und vielen Anschlägen per minute geleistet haben. Macht es mir leichter, am Wochenende wirklich wieder ein Privatleben zu haben, und ihnen den Wochenenddienst mehr und mehr eigenverantwortlich zu überlassen.

Manchmal sitze ich sonntagnachmittags zuhause mit Popcorn auf dem Sofa und lese ihre Texte. Dann freue ich mich schon wieder auf Montag, um eben diese Frage stellen: „Na, wer hat am Wochenende irgendwas furchtbar Spannendes erlebt?!“ Es gibt Dinge, die sollte man seinem Chef nicht erzählen. Diese schon.

Popcorn für alle,

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