Jugendwort 2016

Was für 1 Totalausfall: Das Jugendwort 2016 zwischen Tintling und Tindergarten

Veröffentlicht: Sonntag, 4. September 2016

Meine Berufswahl begründete sich primär auf der Liebe zur Sprache. Weder auf investigativen Ambitionen, weitere Watergates aufzudecken, noch auf Dokumentarzwang oder Wissenstransfer. Nein, ich liebe einfach Sprache: ihre Dynamik, ihre Unmittelbarkeit, ihre Fähigkeit, menschliche Erfahrungen wieder zu spiegeln. In Sprachrhythmen, Sprachbildern und immer wieder in ihren Klängen, wenn diese wie in der Poesie selbst zu Ausdrucksträgern werden.

Glücklicherweise habe ich das Privileg, mindestens 40 Stunden pro Woche von Menschen umgeben zu sein, die ebenfalls gern mit Sprache spielen – und diese immer wieder spontan um neue Vokabeln erweitern. Wobei ich „Aus der Felltasse schlürfen“ für lesbischen Sex ebenso wenig selbst verwenden würde wie „Doppelverschwertung“ für einen Dreier mit einem Mann und zwei Frauen.

Jugendsprache: Authentizität ist alles

Zumindest kann ich mich sehr an diesen situativen Ausdrücken erfreuen. Weil sie mir authentisch erscheinen, im Moment und im Kontext ihrer Entstehung. Insofern finde ich nachvollziehbar, dass die Briten die Vokabeln „Zig-a-zig-ah“ und „Girl Power“ nach dem globalen Erfolg der Spice Girls Mitte der Neunziger offiziell in ihr Wörterbuch aufnahmen. „Girl Power“ – das stand für das Lebensgefühl einer ganzen Generation junger Frauen.

Aus dieser Perspektive betrachte ich die Wahl zum „Jugendwort des Jahres“ stets mit einer Mischung aus Neugierde und Unverständnis. Vielleicht, weil ich zu alt bin, um wirklich abschätzen zu können, was wirklich Jugendslang, und was einfach punktuelle Perversion unserer Sprache ist. Vielleicht aber auch, weil ich bei vielen Wörtern auf der Vorschlagsliste daran zweifele, dass sie im Alltag wirklich zur Anwendung kommen.

Wie ich und meine Freundin Jenna unserem Kollegen Nick letztens in einem anderen Zusammenhang  zu bedenken gaben: „Wirklich niemand würde, wenn er mit seinen Freunden über Sex redet, das Wort ‘Fleischpeitsche‘ benutzen. Hörst du, niemand!“

Alle 15 Vorschläge zum Jugendwort 2016 in einem Text

Während ich mir die 15 Vorschläge für das Jugendwort 2016 gerade noch einmal durchlas, ließ ich zumindest die Möglichkeit zu, dass ich einfach zu alt bin, um mit den jugendlichen Worten der Straße zu sprechen. Als ich selbst noch Teenager war, kamen gerade Auslassungen wie „Ich geh‘ Arzt“ in Mode. Außerdem das Wort „Krassomat“ für etwas wirklich Krasses. Bis heute bin ich übrigens nicht sicher, ob es sich dabei um ein Substantiv oder ein Adjektiv handelte. Das war’s.

Rein spekulativ: Wörter wie „Hopfensmoothie“ als Synonym für ein Bier kann ich mir gerade noch als wirklich verwendete Vokabel vorstellen. „Isso“, auf der Favoritenliste zum Jugendwort 2016 derzeit immerhin auf Platz 2, nutze ich zumindest in der Schriftsprache gelegentlich selbst. Als Stilmittel.

Der aktuelle Spitzenreiter dagegen verwirrt mich doch ungemein: „Tintling“ – eine abwertende Bezeichnung für Tätowierte, die auf die Facebook-Seite „Tattoofrei – Es ist schön, keine Tattoos zu haben“ zurückgehen soll.

Auch im Fall von „Tindergarten“ – „Wer Kontakte auf Dating-Plattformen sammelt, erhält einen Tindergarten“ – bezweifele ich die Alltagsanwendung ebenso wie beim Verb „darthvadern“, das so viel meint wie „die Vaterrolle übermäßig raushängen lassen.“

Ich lasse mich nun trotzdem dazu hinreißen, einen kurzen Text mit allen Vorschlägen zum „Jugendwort 2016“ möglichst selbsterklärend zu verfassen. Möge der beste gewinnen:

Da rücken sich der Tintling und seine Neue also vor ihrer Vollpfostenantenne kuschelnd ins rechte Licht. Nur um der Welt auf Twitter zu demonstrieren, dass sie längst über den Tindergarten hinaus gewachsen ist. Der Anblick wird auch nach dem dritten Hopfensmoothie nicht besser. „Mois, du bist ja ein richtiger Swaggernaut, gz“, kommentiere ich das Bild – und meine das, natürlich, ironisch. Tatsächlich war er trotz neuer Tattoos und neuer Freundin auf diesem Foto alles andere als cool. Muss die Midlife Crisis sein. Wäre ich sein Vater, würde ich jetzt ein wenig darthvadern wollen. So nach dem Motto: „Such dir mal jemanden, der nicht 15 Jahre jünger ist.“ Er würde das nicht verstehen – wie das letzte Mal, als ich ihn kritisierte. Das Ganze endete in einem fiesen Online-Streit. Als Uhrensohn hatte ich mich damals beschimpfen lassen müssen. „Du weißt einfach nicht, wann es Zeit ist, die Klappe zu halten.“ Im Zug von Hamburg nach Berlin ließ ich das einfach so stehen. Denn erst hatte ich ‘ne Bambusleitung, dann einfach keine Lust mehr auf Tweef. Er dagegen war einfach weiter am Fly – bis er merkte, dass ich nicht mehr antwortete. Zum Glück schien er meine Ironie diesmal nicht aus dem Kommentar herauszulesen. „Isso!“, antwortete er und textete noch schnell in einer Privatmessage: „Sie ist echt die beste Bae!“ Ich beließ es bei einem weiteren Banalverkehr: „Freut mich!“

Stay tuned,

kurz-unterschrift11

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