Freunde aus Frankfurt

Unter dem selben Mond, unter der anderen Kugel

Veröffentlicht: Sonntag, 29. September 2013

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins, hast du’n Mädel oder hast keins. Ich hatte eine heiße Hamburgerin an der Hand und höllisches Heimweh im Herzen. Vielleicht auch, weil ich ein paar Martini zu viel intus, sicherlich aber, weil ich gerade eine iMessage bekommen hatte. Eine, die mich tierisch traf. Dabei hatte sie keinen traurigen Text. Ganz im Gegenteil.

So ist das manchmal im Leben: Der einen Freud’ ist der anderen Leid. Besonders wenn die Freunde weit sind und sich das Live-Erlebnis seit Monaten auf Fotos via Facebook beschränkt.

Ich stand unter der Discokugel und schluckte – dann hastig noch einen Schluck Martini. Monatelang hatte ich vor lauter herrlichen Hanseaten mit blonden Haaren den Wald nicht mehr gesehen und dabei gelegentlich vergessen, dass ich im heimischen Hessen eine Armee von herrlichen Herren mit blonden Haaren verlassen hatte. Wie an diesem Abend.

Jetzt stand ich im Wald – über mich selbst überrascht und mein Heimweh. 495 Kilometer liegen zwischen dem „Herz von St. Pauli“ am Spielbudenplatz 7 und der Frankfurter Union Halle an der Hanauer Landstraße 188, wo sich Dirk und Ben gerade für ein Foto unter einer anderen Discokugel positionierten.

Freunde aus Frankfurt

Während ich Google befragte, wie lange ich bräuchte, um von der Reeperbahn nachts um halb eins nach Hause unter ihre Kugel zu kommen, kam mir in den Sinn, wie scheiß weit 495 Kilometer sind – und wie wenig Skype, SMS uns Social Media uns wirklich weiter bringen, wenn wir uns wahnsinnig wünschen, wieder zuhause zu sein. Sofort. Wenn nur für einen Drink mit alten Freunden.

Denn als ich die Nachricht öffnete, musste ich an die vielen Nächte unter der anderen Discokugel denken, als wir Fotos wie diese noch gemeinsam verschickt hatten. Ich ließ den Barmann weiter einschenken. Zwei Stunden später schaut ich beim Verlassen der Reeperbahn kurz an den tanzenden Türmen nach oben. Da musste ich traurig einsehen, dass wir samstagnachts zwar alle unter dem selben Mond tanzen, nicht aber unter der gleichen Discokugel.

Es wird Zeit also, dass ihr beiden nach Hamburg kommt, um den Mond mal aus meiner Perspektive zu sehen. Weil Welten via WLAN nur auf dem Bildschirm zusammen rücken, wenn wir Knöpfe auf dem Smartphone drücken. Denn so entstehen lediglich Live-Erlebnissen, die den Gefühlstest nicht bestehen. Weil Nähe nur ein Annäherungsversuch bleibt, bis wir uns wieder unter der selben Discokugel treffen. Nicht unbedingt im Herz von St. Pauli, aber irgendwo auf der Reeperbahn nachts um halb eins.

Ihr fehlt mir,

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