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Tom im Taxi

Veröffentlicht: Samstag, 5. Oktober 2013

Er war einer dieser Typen, von denen ich mich normalerweise nie nach Hause fahren lassen würde: irgendwo aus dem Ghetto und irgendwie aufdringlich. Irgendwann stieg ich trotzdem ein. Ich hatte keine andere Wahl: Er fuhr einen neuen Benz und ich hatte genug getankt, um nirgendwo mehr hinzufahren.

„Genau so beginnen die großen Romanzen“, dachte ich, während die Leuchtreklame des Clubs im Rückspiegel verschwand. Ich drehte mich nach links und öffnete meine Lippen. Als ich die Augen öffnete, verstand ich, dass wir weder in Hollywood, noch in Paris waren. Statt den Mann anzumachen, konzentrierte ich mich fortan darauf, die Margaritas im Magen zu behalten und hielt mich lieber am Türöffner fest als an seinem Bein. Fest entschlossen, alles zu vergessen. All das Beinharte, was geschehen war, seit mir der Türsteher gesteckt hatte, dass Tim an der Bar war. Masel tov!

Wahrscheinlich wäre der Abend besser ausgegangen, wäre Tim allein an der Bar gewesen. War er aber nicht. Also knipste ich mir die Lichter aus. Als ich ging, war ich bereit, dem Nächstbesten zu folgen. Überall hin. Der Mann am Tempolimit hieß Tom und war schneller vor meiner Tür als meine Tränen getrocknet waren. „Kaffee?“, fragte ich bereitwillig. Er sah mich fragend an. „12 Euro und 70 Cent!“

Da fiel der Groschen: Er war gar kein Held, der mich knallen wollte. Er war der Herr von der Hotline, den ich noch gerufen hatte, bevor ich Tim mein Handy an den Kopf geknallt hatte. Ich kotzte an seine Windschutzscheibe. „Genau so beginnen die großen Romanzen“, murmelte ich, während ich seine Scheibe mit meinem Chanel-Shirt wischte. „Das macht 500 Euro“, sagte er.

Ich war pleite. Er war mein Taxifahrer – und er hatte dank Dienstausfall plötzlich Dienstschluss. Ich ließ die Scheibe in Windeseile Scheibe sein und schielte nochmal nach links. „Ich habe oben noch Bargeld oben“, sagte ich schließlich. Er machte das Beste aus der feierabendlichen Oben-Ohne-Situation und folgte mir. Bereitwillig. „Scheiß auf das Chanel-Shirt, dachte ich, als die Tür ins Schloss fiel. Plötzlich war Tim gegessen. Ich hatte keinen Butterkuchen. Aber wirklich noch Kaffee…

 

Butter bei die Fische: Ausgerechnet den Taxifahrer abzuschleppen, ist wenig überraschend, selbst wenn der eine gar keine Reifenpanne, und der andere gar kein Auto hat. Denn im Grunde ist eine Taxifahrt wie das wahre Leben. Nur, dass in Echtzeit abgerechnet wird: Wir hetzten schnellstmöglich zum nächsten Ziel und verlassen uns im Zweifelsfall auf den, der weiß, wo’s lang geht. Weil Zeit Geld ist.

Meistens kommen wir irgendwo anders an. So wie ein Kumpel aus Hessen, der am Kölner Hauptbahnhof in breitem Dialekt ein Taxi bestellte – und nicht vor dem Hotel Hilton, sondern kurz vor der Stadt Hilden aufwachte. Da war auch er pleite. Scheiß Dialekt… Tom hatte den süßen hamburgischen Dialekt und wusste genau, wo er hin wollte. Ich legte „könnte, müsste, sollte“ an der Schwelle ab – und ab ging’s. „Ansnallen, bidde!“

Ich glaube ja, dass bei vielen Menschen im Taxi genau das abgeht, was sonst auch in den eigenen vier Wänden ansteht: sich von Wildfremden trösten lassen, wilde Partys feiern oder wie wild böse Nachrichten ins Smartphone tippen. Mein Tipp: Die Smartesten unter euch hatten nach Feierabend im Taxi schon Verkehr im Feierabendverkehr. Wahrscheinlich nicht mit dem Fahrer. Aber sicherlich guten.

Ich zumindest sah Tom nie wieder. Vielleicht, weil die Hotline beschlossen hatte, mich fortan nur noch an Typen zu vermitteln, die ich definitiv nie abschleppen würde. Vielleicht aber auch, weil er beschlossen hatte, mein Chanel-Shirt zu behalten. Ich hielt es ohnehin für klüger, die Folgen des maximalen Margarita-Missbrauchs zu vergessen und rief Tim an. Weil Menschen manchmal auf Irrwegen wandeln. So wie er zur Bar. Mit dem falschen Beifahrer.

Die Reise mit Tim war seit Monaten eine Fahrt ins Blaue. Ohne wirkliches Ziel. Was mir an der Blau-Fahrt mit Tom gefiel, war vor allem die Tatsache, dass das Ziel klar definiert und die Reise schnell war. Denn mehr noch als im Leben ist Zeit im Taxi Geld. Tim nahm sich seit Monaten alle Zeit der Welt, unser Ziel zu definieren. Und weil kein Taxameter mitlief, hatte er keine Eile. Bis ich ihm von Tom erzählte. Plötzlich fuhr er am Tempolimit. Ich kaufte limitierte Designer-Ringe. Genau so beginnen die großen Romanzen!

Was wir daraus lernen: Ersetzte „Max & Moritz“ durch „Tim & Tom“ und du hast den perfekten Taxi-Text. Denn das war nur fantastische Fiktion. Ihr würdet doch nicht ernsthaft im Taxi ficken, oder gleich den Fahrer vögeln?!

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Scream if you wanna go faster,

kurz-unterschrift11

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