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Thema Tatort: Krimi = Verkorkste Liebesgeschichte

Veröffentlicht: Freitag, 28. Februar 2014

Für die Kollegen vom Streifzug habe ich mich mal wieder zu Themen geäußert, von denen ich keine Ahnung habe – und deshalb lieber auf meine Art und Weise. Ganz weise, finde ich. Den Tatort-Text werde ich euch trotzdem nicht ersparen. Wer in besserer Auflösung sehen will, wie ich aussehe, wenn ich mich angstvoll hinter einer Decke verstecke, klickt hier!

Am Ende kriegen sie alle Es gibt die wenigen Gelegenheiten, zu denen sich Deutschland doch irgendwie vollends vereint fühlt. In der Grillsaison vielleicht, während wichtiger Länderspiele der Nationalelf oder sonntagabends. Und spätestens, wenn am nächsten Morgen in den Teeküchen der Nation die Beziehungsprobleme der frustrierten Kolleginnen abgehandelt sind, kommt keiner mehr drumherum, sich zum gestrigen Tatort zu äußern. Wenn nur, um zu betonen, dass er sich Tatorte nicht ansieht. Niemals.

Aber das ist eben auch eine Aussage. Eine, die mindestens so aussagekräftig ist, wie kein Dschungelcamp zu gucken. Oder Vegetarier zu sein. Weil sie jahrelang vor allem zwei Sorten Mensch voneinander abgrenzte: Menschen, die um 20.15 Uhr schon freudig auf dem Sofa liegen, und Menschen, die zur gleichen Zeit noch fertig im Samstagnachtkoma liegen. Spießer gegen die Spaßfraktion. Vielleicht ist das so, weil Kinder kategorisch alles ablehnen, was Eltern gut finden. Besonders sonntags: Sonntagsspaziergänge, den Sonntagskaffee und den sonntäglichen Tatort.

Dieses Grundprinzip ist in vielen Lebenslagen zu beobachten: Wenn wir den ersten Freund haben, tun wir viele Dinge aus Rebellion. Gegen unsere Eltern. Wenn unsere kleine Schwester den ersten Freund hat, verstehen wir zumindest ihre gut gemeinte Intention. Und wenn wir mit Freude zuhause ausziehen, kommt der Punkt, an dem wir uns entscheiden: zu werden wie unsere Eltern, oder nicht. Und zumindest, was den Tatort betrifft, muss sich keiner schämen, irgendwann mit Mama und Papa auf Linie zu sein.

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Glücklicherweise kommen Kinder irgendwann über ihre krampfhafte Coolness hinweg. In diesem Moment kriegt sie der Tatort. Weil er ab einem bestimmten Zeitpunkt im Leben unser Verlangen nach der heilen Welt mehr befriedigt als die Hero Turtles, Sailormoon oder Benjamin Blümchen. Als „Märchen für Erwachsene“ wurde die Krimi-Serie gelegentlich zu Recht beschrieben. Weil am Ende immer alles gut wird, weil das Gute am Ende gegen das Böse siegt.

„Weniges bedient das menschliche Grundbedürfnis nach Gerechtigkeit so stark wie ein rechtschaffener Krimi“, sagte der Medienpsychologe Jo Groebel in einem Interview. Eine symbolisch ins Wanken gebrachte Ordnung werde dank des konsequenten Aufklärungswillens des Ermittlers binnen 45 oder 90 Minuten wieder in Ordnung gebracht. „Der Rechtsstaat, siegt immer am Sonntag.“

Irgendwie will sich in diesem Schema jeder wiederfinden. Und manchmal, aber nur manchmal, versteht der Zuschauer sogar die Motive der Gauner. Besonders wenn es um die Liebe geht. Denn wer hat im Zuge rasender Eifersucht oder enttäuschter Gefühle noch nie laut daran gedacht, jemanden umbringen zu wollen? Zumindest im Konjunktiv.

Ja, es gibt die verschiedensten Motive, jemanden umzubringen zu wollen. Oder sich. Entsetzliche Frisuren vielleicht, entartete Partypics, definitiv enttäuschte Lieben. Für letztere gibt es sogar einen Begriff: Intimizid. Und vor allem der zieht sich durch Millionen spannende Geschichten, die erzählt wurden. Die von gefährlichen Liebschaften. Gelegentlich sind sich Liebesgeschichten und das wilde Morden in Krimis ohnehin ziemlich ähnlich, weshalb auch Menschen, die sonst eher „Pretty Woman“ schauen, sonntags gern den Tatort einschalten.

Kurioserweise sind viele Krimis im Grunde verkorkste Liebesgeschichten ohne Happy End. Liebesgeschichten dagegen sind oft Thriller mit Happy End. Beide laufen schnell auf das Gleiche hinaus: auf die Suche im Heuhaufen. Nach der einen Person. Und nach Gerechtigkeit. In der Tat unterscheiden sich schauderhafte Krimis und krasse Schnulzen lediglich in ihrem Ausgang, nämlich der Frage, ob der Gesuchte unfreiwillig in Handschellen oder freiwillig Ketten gelegt wird. Ihr Ausdruck dagegen ist identisch: Ein Netz aus Irrungen und Wirrungen, aus Hoffnungen und Horrorszenarien, aus Täuschungen und Enttäuschungen. Aus Alibis für Abartigkeiten und Gründe für Grausamkeiten – und der tiefen Befriedigung, letztendlich den Richtigen zu schnappen. Vielleicht…

Und so vereint der Tatort letztendlich sogar die Interessen von Romantikern und Actionfanatikern miteinander. Umso mehr, seit die ARD an der Besetzung gearbeitet hat. Denn Sonntagsspaziergänge und der sonntägliche Tatort sind nicht die einzigen Dinge im Leben, die im Alter immer attraktiver werden. Gleiches gilt für Til Schweiger.

Til Schweiger im Tatort. Foto: NDR

Til Schweiger im Tatort. Foto: NDR

Als der Schweiger vergangenes Jahr erstmals als Nick Tschiller in Hamburg ermittelte, brachte er auch die zum Schweigen, die den „Tatort“ immer noch für ätzendes Elternfernsehen gehalten hatten. Es war wirklich allerhöchste Zeit für mehr Sexappeal und Action am so spießigen Sonntagabend. Während sich die Alten über amerikanische Verhältnisse auf dem klassischsten aller deutschen Sendeplätze erregten, ereiferten sich die Herangewachsenen über den gelungenen Generationenwechsel. Und so werden die Tatort-Kommissare am Ende wohl wirklich alle kriegen.

Wenn Schweiger mit seinem zweiten Tatort auf Sendung geht, werden Millionen Deutsche das anhaltende Samstagnachtkoma rechtzeitig um 20.15 Uhr beenden, um einzuschalten. Vielleicht nur, um am nächsten Morgen in der Teeküche das Thema wechseln zu können, bevor sie die dauerhaft frustrierten Kolleginnen mit all ihren Beziehungsproblemen erschießen. Aber das ist eben auch ein Motiv.

Wir lesen uns,

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