Tempo

Wenn das richtige Tempo keins ist

Veröffentlicht: Dienstag, 16. Juni 2015

Vielleicht ist es wirklich so, dass wir die Dinge vor allem voranbringen können, weniger beschleunigen; dass wir zwar die Bahnen bestimmen können, nicht aber die Umdrehungen; dass wir immer mehr den Takt angeben, weniger das Tempo. Weil das Tempo immer jene Größe ist, die wir subjektiv empfinden – sobald wir Dingen Bedeutungen geben.

Ich hatte mein Zeitempfinden längst zu Gunsten vieler Empfindsamkeiten aufgegeben. Genauer gesagt vor 2 Jahren, 3 Monaten und 13 Tagen…

Tempo

Es war einer dieser Sonntage, an denen die Zeit zur letzten Samstagnacht bereits zu weit weg, und die zur nächsten noch viel zu fern ist, als ich plötzlich klar sah: „Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige.“

Richtig ist, dass ich seit 2 Jahren, 3 Monaten und 13 Tagen Zeit eigentlich nur noch anhand der Abstände messe, in denen wir uns sehen – und vielleicht auch gerade falsch. Denn das Ding ist doch folgendes: Je mehr Bedeutung wir einer Sache geben, desto schneller vergeht die Zeit, wenn wir es haben – und desto langsamer, wenn nicht. Genau dann wird sie qualvoll.

Ich hatte etwa zwanzig Jahre auf jemanden gewartet, von dem ich immer nur eine vage Vorstellung, ein Traumbild hatte – bis er plötzlich vor mir stand. Seither versuche ich die meiste Zeit der Woche, uns auf das gleiche Tempo zu bringen, und damit auf Sichtweite.

Doch wenn einer Gas gibt, während der andere bremst, entsteht keine Durchschnittsgeschwindigkeit, sondern nur ein beschleunigtes Voneinanderfortbewegen. Bis aus Sichtweite wieder unendliche Weite wird.

So entschied ich mich, die Dinge laufen zu lassen, statt ihnen hinterherzulaufen. Oder schlimmer, sie überholen zu wollen, wie es sonst meine Art ist. Ich ließ mich auf dein Tempo ein und spielte auf Zeit. Weil nichts mehr Bedeutung für mich besitzt als du. Weil du den Takt bestimmst, in dem ich diese Zeit empfinde. Ganz subjektiv.

Objektiver betrachtet: Was sind schon 2 Jahre, 3 Monate und 13 Tage des Wartens, wenn du etwa zwanzig Jahre nur von etwas geträumt hast? Oder jemandem. Wenn es wirklich so ist, dass es nur ein Tempo gibt, nämlich das richtige, richte ich mich lieber darauf ein, noch etwas länger warten zu müssen.

Die Zeit bis dahin will ich weiter mit dir totschlagen. Besonders für die Momente, in denen sie stillsteht – und das richtige Tempo kein Tempo ist.

kurz-unterschrift11

Mehr aus meinem Tagebuch – HIER!

Antworten

Teil mir Deine Meinung mit. Ich freue mich über Feedback!