Tagebuch

Mein erstes Mal und andere Geilheiten: Tagebuchlesung der Clubkinder

Veröffentlicht: Freitag, 1. November 2013

Der Unterschied zwischen Tagebuch schreiben mit 16 und Tagebuch schreiben mit 32 ist folgender: Mit 16 sinnieren wir in Tagebucheinträge darüber, wie es wäre, mit all den süßen Jungs aus der Schule rumzumachen – und therapieren uns beim Scheiben später von unseren unwahrhaftigen Tagträumen. Mit 32 echauffieren wir uns in Tagebucheinträgen über all die süßen Typen, mit denen wir rumgemacht haben, und therapieren uns beim Schreiben später von unseren wahr gewordenen Alpträumen. Denn gelernt haben wir seit der Schule wenig. Zumindest nicht, was Jungs betrifft.

Frust und Lust üben sich früh. So ist irgendwann in jedem Teenager-Tagebuch doch vom ersten Mal zu lesen. Das hört sich dann so an:

Ich fühlte mich so neu, so weltoffen!“

Und dieser Satz, meine Damen und Herren, stammt nicht aus meinem Tagebuch – obwohl er genauso in Brad’s Diary hätte auftauchen können. Statt mich weiter im Exhibitionismus zu üben, habe ich mich heute Abend nämlich dem Voyeurismus hingegeben – auf der 8. Tagebuchlesung der Hamburger Clubkinder im Kulturhaus III&70. Weil ich tippte, dass es sich bei Veranstaltungen wie diesen eigentlich nur um Jungs drehen kann. Volltreffer! Wann ist die neunte, Leute?

Bevor ich euch gleich den Tagebucheintrag zu meinem ersten Mal am 11. November 1994 samt Beweisfoto abtippe, erzähle ich euch jetzt von den Tagebucheinträgen der anderen – nur um mal klar zu stellen, dass auch andere erste Male sonderbar waren.

Clubkinder Hamburg Tagebuch-Lesung

Hamburg: Tagebuchlesung der Clubkinder

Die Offline-Tagebücher der anderen

Fakt ist: Seit Franzi (Name geändert) auf der Bühne verraten hat, dass bei ihrem ersten Mal „Wind of change“ von den Scorpions lief, schäme ich mich nicht mehr, dass ich nebenbei die Sportschau geschaut habe. Und weil sich Ulla (Name geändert) nach Verlust ihrer Jungfräulichkeit über ihre neue Weltoffenheit ereiferte, schäme ich mich auch nicht mehr, mein erstes Mal als ekstatisch beschrieben zu haben – am Tag, als ich dieses Wort wahrscheinlich zum ersten Mal überhaupt geschrieben habe. Merke: Auch die Tagebücher der anderen können therapeutisch wirken!

Tagebücher waren Schätze, gerade als sie noch offline geschrieben wurden – exklusiv in überkandidelt schicke Bücher mit Glitzereinband, parfümierten Seiten und leicht knackbarem Schloss. Denn damals war alles, was heimlich unter der Bettdecke getextet wurde, wirklich geheim – gerade wenn eine Schreiberin geknackt wurde. Und weil das Tagebuch quasi die Rolle eines Beichtvaters einnahm, wurde es stets persönlich angesprochen, sobald wir unsere Sorgen, Nöte und Freuden mit ihm teilten. Teilweise über Klassenarbeiten – zumeist über klasse Jungs, sogar über Jungs, die lange Haare hatten. Total beknackt also.

Franzi zum Beispiel war in Paddy Kelly verliebt und hat in ihrem Tagebuch lustige Herzcollagen aus Fotos von sich und Bravo-Bildern von ihm gestaltet. Ulla rundete einen ihrer Einträge mit dem eingeklebten Fussel von Pascals Pulli ab. Pascal, der Typ, bei dem sie weiche Knie bekam, wenn „er mit seinem lässigen Gang und mit seinem verträumten Blick durch die Aula lief”. Dabei war sie noch kurz zuvor in Dieter verliebt gewesen, was ihr schier inflationäre Gebrauch des Satzes „I love Dieter“ unter jedem vorangestellten Text beweist.

Beweise für das Fremdgehen mit 16 sind in Tagebüchern ebenso zu finden wie Beweise für die Tatsache, dass wir schon mit 14 nie Frettchen und immer nur Alpha-Tiere gedatet haben. Ich zumindest hatte mein erste Mal mit dem coolsten Typ der Schule. Wir nannten in Toast – doch in Wahrheit war er leckerer. Er war das Filet-Stück unter den bayrischen Leistungsschwimmern, und er wurde zu meiner ersten Trophäe. So steht es in meinem ersten Tagebuch: Ein linierter Ringbuchblock aus recyceltem Papier, den ich mit einem fancy Levi’s-Stundenplan beklebt hatte, übrigens.

Tagebuch Eintrag vom 11.11.1994

Wir haben zwar schon den 12.11, aber ich trage (mal wieder) nach. Schwimmen war peinlich. Wir mussten einen Köpper vormachen (Toast in Badehose). Er hatte eh schlechte Laune und hat als rumgemotzt, besonders in Erdkunde, wo wir tanzen mussten! Nach der Schule sind wir kurz zu mir, dann zu Toast. Als wir da waren, wollte ich DAS Versprechen einlösen, also machten wir’s dunkel. Es war für beide arschpeinlich. Deshalb grapschten wir nur * rum. (* Spaßeshalber) Später hat uns Toasts Mutter in die Eissporthalle gefahren. Toast und Diane haben sich als von Moni, Lulu, Silja und mir abgeseilt, was mir aber in keinster Weise den Spaß verdarb. Um halb 10 sind wir wieder mit dem Bus zu ihm, was auch peinlich war (Ingos Kumpels) Ja, ja… In Toasts Zimmer haben wir uns im Bett zusammen gekuschelt weil’s so kalt war (peinlich, wehe das liest jemand…), was sehr bequem und erregend war. Dann haben wir uns am ganzen Körper gestreichelt und massiert. Es war geil! Langsam, zuerst zaghaft sind wir (…).

zensur

 

Es war einerseits sehr schön, andererseits hatten wir auch ein schlechtes Gewissen. (…) Jetzt fühlte ich mich total komisch, aber wir wissen, daß es nur der Geilheit wegen war. Nachdem wir uns (und das Bett) gesäubert hatten, schworen wir, es für uns zu behalten, es nie mehr zu tun und nichts Schlechtes vom anderen zu denken. Jetzt denke ich, es ist eine Erfahrung, die jeder ** (Randnotiz an der Seite: ** fast) Junge mal macht, und ich finde es auch nicht schlimm. (…) Wir schwallten noch bis 0.48 Uhr, dann sagten wir uns „Gute Nacht“ (Subber Satz). In dieser Nacht hat der Toast übrigens im Schlaf gesagt: „Halt die Gosche.“ (…) Ich war in der Nacht oft wach, aber um 10 haben wir uns angeguckt und festgestellt, daß der andere auch wach war. Toll. (…) Danach sind wir auf den Dachboden zum Computer, da war’s schweinekalt, also haben wir uns gewärmt, was wieder in Fummeln ausartete. Also landeten wir wieder in Toasts Bett. (…)

Tagebuch Brad's Diary

Krankenakten der Teenagerschaft

Ja, Tagebücher sind wie Krankenakten von Teenagern. Voller Liebeswahn, Alkoholsucht und anderen Spinnereien. Außerdem so lehrreich: Denn auch Reflektieren geht über Studieren! Wie es in meinem „Mackerbuch”, dieses Wort habe ich von Franzi gelernt, weitergeht, verrate ich euch ein andermal. Denn ich glaube, dass meine Offline-Tagebücher noch weitere Köstlichkeiten verbergen. Vorerst halte ich es wie Franzi herself. Die schloss einen Eintrag mal mit folgendem Satz: „Ich glaube nicht, dass mein Tagebuch so berühmt wird wie Anne Franks. Aber das macht ja nix.“ Gut für Toast!

An alle Damen und Herren in meiner Facebook-Freundesliste, die sich noch an diese glorreichen Zeiten kurz vor Mitte der 90er Jahre erinnern: Wisst ihr eigentlich noch, warum wir mit 13 bei „Free Willy“ beinahe aus dem Kino geflogen sind?

In diesem Sinne:

Memories are gold,

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Mehr aus meinem Online-Tagebuch – HIER!

Mehr zu den Clubkindern – HIER!

Kommentare

  1. Gepostet von Martin am Freitag, 1. November 2013

    Ulla fühlte sich weltoffen? Was ein (vermeindlicher) Orgasmus doch alles für Gefühle erwecken kann :D

  2. Gepostet von Brad am Freitag, 1. November 2013

    Ich frage morgen nochmal nach :)

  3. Gepostet von Lasse Holstenbeck am Freitag, 1. November 2013

    Stimmt! Früher ist man immer zusammen zu “dem einen Computer im Haushalt” gegangen, der meistens an einem kalten Ort stand! :D

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