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Prachtkerle mit Prollschlitten: Studenten daten!

Veröffentlicht: Mittwoch, 15. Mai 2013

Interessanterweise werden zuvor quotenträchtigen Teenager-Serien zunehmend qualvoll, wenn ihre Protagonisten von der High School aufs College wechseln – spätestens nach der vierten Staffel. Sprich, wenn sie plötzlich ätzend erwachsene Probleme wie Psychosen, ungewollte Schwangerschaft und Drogenmissbrauch haben; wenn wir gebotoxten US-Schauspielern Mitte 20 ohnehin nicht mehr abnehmen, noch irgendeinem ersten Mal nach dem gefühlt zehnten Prom entgegenzufiebern. Prompt sinken sie in der Gunst der Zuschauer, die doch eher Petting auf der Pyjama-Party als Philosophieren im Plenarsaal sehen wollen.

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Dabei ist das Studium doch die spannendste Zeit, die wir unterhalb der 30 erleben – klammern wir gewollte Schwangerschaften in der Mittelstufe mal aus. Ich zumindest verließ die Schule desillusioniert und hatte an das Danach ganz geringe Erwartungen. Seit meinem 14. Lebensjahr war ich fest davon ausgegangen, dass die Zeit kurz vor dem Geschachere um Zulassungen an den besten Hochschulen tatsächlich so abläuft wie in besagten High-School-Serien: Poolpartys, Partnertausch und Prachtkerle mit Prollschlitten. Doch Beverly Hills war eben nur Teil der Traumfabrik und 90210 nicht meine Postleitzahl. Also ließ ich mich von einer anderen Zahl leiten – vorerst mit unbekanntem Ziel. Nur die Eckdaten waren klar:

Erstens: Ich war zu schlecht in Mathematik, um eine Naturwissenschaft zu studieren und rauchte zu viel, um Mediziner zu werden,

Zweitens: Ich wollte auf keinen Fall in Tübingen studieren. Was sollten rote Wähler im fernen Baden-Württemberg?

Drittens: Ich wollte eine Sozialwissenschaft studieren.

Die Eins vor dem Komma war immerhin gut genug, um sich im Geschachere um die Zulassung an der bevorzugten Hochschule auch ohne Härteantrag einen entscheidenden Vorteil zu verschaffen. Zumindest auf den ersten Blick. Denn ein Numerus Clausus sorgt eben in vielerlei Hinsicht für eine geschlossene Gesellschaft. Drin waren vor allem Menschen, die die Oberstufe gänzlich auf dem Gymnasium und ganz und gar nicht im Gym verbracht hatten. Oberätzend! Ich stellte mich also gänzlich auf Lernen und ganz und gar nicht auf Libido ein. Kurz vor dem Langeweiletod warf ich alle elitären Beschränkungen über Bord. Ich begann, außerhalb meines Numerus Clausus’ zu daten und die Traumfabrik zu übertrumpfen.

Wer außerhalb seines Numerus Clausus’ datet, hat auf jeden Fall beste Chancen, auf die volle Packung Studentenfutter: von harten Nüssen wie Diplomsportlern bis zu Weichfrüchten wie Sozialpädagogen – und anderen Rosinen. Die trockene Theorie ist den Praxistest auf jeden Fall wert. Schließlich lautet ein Zauberwort moderner Bildung interdisziplinäres Lernen. Glücklicherweise kommt der Appetit beim Essen. Und er kam. Und kam. Irgendwann später sollten wir uns fragen, warum wir all die angehenden Ärzte, Anwälte und Architekten, die uns irgendwann mal zum Essen ausgeführt haben, nach dem vierten Semester abgeschossen haben, um doch wieder Jungs zu daten, die nach der Gymnasialzeit auch das Studium mehr mit Kampf- als mit Denksport verbrachten.

Etikettenschwindel auf dem Campus

Die Kunst, an überfüllten Unis erfolgreich zu daten, besteht umso mehr darum, nicht auf Etikettenschwindel reinzufallen. Wir haben tatsächlich mal zehn Euro Eintritt für eine Sportler-Party, die sich letztendlich als zu Marketingzwecken getarnte Pharmazeuten-Party entpuppte. Die sind bekannterweise auch nicht ohne, allerdings wenig sexy, zumindest ohne die Ergebnisse der privaten Laborexperimente. Später wussten wir immerhin, warum die Drehbuchschreiber unsere liebsten Teenager-Serien ab Staffel vier mit Psychosen, ungewollten Schwangerschaften und Drogenmissbrauch geißelten.

Interessanterweise haben sich alle Klischees, die das Date-Verhalten von Studenten betreffen, über die Jahre ebenso wenig verändert wie die tollen Traumbilder, die uns amerikanische Teenager-Serien verkaufen. Im August 1968 resümierte der SPIEGEL die groß angelegten Studie „Studenten-Sexualität“ von Giese & Schmidt (erschienen bei Rohwolt) folgendermaßen:

Erstens: „Studenten, die oft lieben, haben früh damit begonnen, sind schwach in Mathematik, trinken mehr und rauchen stärker als andere.“

Zweitens: „Studentinnen, die in Berlin leben, lieben lieber als die in Tübingen. Kommilitoninnen, die politisch links stehen, sind erfahrener als andere Mädchen.“

Drittens: „Wer Technik oder Theologie studiert, lebt meist enthaltsamer als Hochschüler, die sich mit Volkswirtschaft oder Pädagogik beschäftigen.“

Das Studium ist wirklich die spannendste Zeit, die wir unterhalb der 30 erleben. Ich zumindest verließ die Uni übermotiviert und hatte an das Danach ganz große Erwartungen. Noch heute denke ich gern an improvisiertes Paaren in hellhörigen in Mini-WGs, an minimales Schlafpensum in dunklen Prüfungsphasen und maximales Ausreizen jeder Packung 30-Cent-Tomatensoße. Wenn heute amerikanische Teenager-Serien anlaufen, schalte ich erst ab Staffel 4 ein. Wenn auf die poplige Pubertät endlich das pralle Leben folgt: Poolpartys, Partnertausch und Prachtkerle mit Prollschlitten.

Entert den Campus & stay fashionable,

Zum Semesterbeginn (SS/2013) für die Gießener Allgemeinen Zeitung

Mehr aus meinem Tagebuch – HIER!

Kommentare

  1. Gepostet von Brad am Samstag, 25. Mai 2013

    tu das unbedingt!

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