Brad als Lady Diana

Zu LADY DIANAS 50. Geburtstag der Herzen ein Streifzug durch die neunziger Jahre: Zeitgeist in Techno-Beats und royalen Frisuren!

Veröffentlicht: Donnerstag, 30. Juni 2011

Es war im Jahr 1994. In der Schule lernten wir den Satz des Pythagoras und den Erlkönig auswendig, zuhause die Vokabeln einer neuen Ära. Einer Ära, die gleich zu Beginn Milli Vanilli als Hampelmänner outete und konsequenterweise nicht mehr Interpreten, sondern DJs zu Stars erhob und Musik fortan ohne große Worte machte.

Drei Sommer später trugen wir einen ganz anderen Star unserer Generation zu Grabe – gemeinsam mit Millionen anderen vor den Fernsehern. Lady Diana verunglückte in einem Pariser Tunnel. Der wenige Glamour der Neunziger war dahin. Morgen wäre die große Stil-Ikone 50. Jahre alt geworden. Fuck you, Lady Gaga!

Der Zeitgeist steckte in den Beats – und in ihrer Frisur!

 

Das Ende der leidigen Generation Golf

Scooters „Hyper, Hyper“ fasste das Lebensgefühl der aufstrebenden „I can’t stop raving“-Generation zweifellos so gut zusammen wie Madonnas „Material Girl“ die Achtziger. Doch in den neunziger Jahren ging es nicht mehr um den puren Materialismus. Es ging bereits um Labels. Wir saßen vor dem CD-Player und sagten sie gebetsmühlenartig auf: Westbam, Marusha, Sven Väth. Und immer wieder: „Hyper, Hyper“. Die Generation Golf war so yesterday. Und mit ihr das ganze Yuppie-Gehabe. Wir hatten Labels, aber protzen nicht. Höchstens mit der 501 von Levi’s. In die angesagten Clubs kamen wir aber auch in Jogginghosen. Berlin calling!

Das Zeitalter der elektronischen Musik

1994 war überhaupt ein gutes Jahr für die elektronische Musik. Unter dem Motto „The spirit makes you move“ knackte die Love Parade in Berlin erstmals die 100.000-Besucher-Marke. Eine Zahl, die sich bis zum Ende des Jahrzehnts mehr als verzehnfacht haben sollte. Auf „Spiegel Online“ war jüngst vom großen Rausch zu lesen, von den Jahren der Spaßgesellschaft: „In bauchfreien Tops und Plateauschuhen feierten Millionen Techno-Jünger auf der Love Parade – jeden Sommer wieder, fast ein Jahrzehnt lang.“

Als Diana von uns ging

Ich weiß es noch ganz genau. Sogar welche Schuhe ich trug: An Lady Dianas Todestag, in der Nacht des 31. August 1997, kam ich gerade von einer Party, als ich den Fernseher anschaltete und den Tunnel sah. Der Tod Dianas kam mir absurd vor. Seit ich lesen konnte, hatte ich in jeder Ausgabe der “Neuen Post” bei meiner Oma ihre Frisurenmode verfolgt. Und plötzlich war sie weg. Ich habe geweint. Das Ende der Spaßgesellschaft zeichnete sich ab.

Mamma Mia: Von bunten Vögeln zu Spießern

Die Techno-Teenager von damals sind die Around-Thirties von heute. In gleichem Maße, wie der Techno aus dem Underground irgendwann mit dem Mainstream zusammenprallte, flirteten wir irgendwann mit dem Bürgertum unserer Eltern. Erfolgreich. Längst sind wir zu Tatort-Guckern und Bewusst-Ernährern mutiert.

Im Milleniumsjahr, jenem Scheidepunkt zwischen dem Alten und dem Neuen, sang Madonna: “Music makes the bourgeoisie and the rebel.” Wir entschieden uns für erste Variante. Der Eurodance verschwand langsam aus den Radios. Kurz zuvor war das ABBA-Musical “Mamma Mia ans Londoner West End gekommen. Willkommen in der Welt unserer Eltern!

Heute besuchen wir lieber Yogakurse und Elternschulen, statt jedes Wochenende wild durch die Gegend zu zappeln. Und wenn wir uns die Bilder von damals ansehen, befällt uns Scham: Buffalo-Plateauschuhe, neonfarbene Flokati-Jacken und knallbunte Haare. Waren das wirklich wir? Peinlich!

Endlich, Kinder der 90er: Wir sind Kult!

Trotzdem: Dank Nostalgie und einer gehörigen Portion Selbstironie haben wir es geschafft, unseren wilden Jahren den Kult-Stempel aufzudrücken. Neulich rief ich auf der Facebook-Seite meines BradSticks-Blogs zum kollektiven Nineties-Brainstorming auf. Hintereinander gelesen ergeben die Posts so etwas wie ein Lexikon des schlechten Geschmacks. Von A wie „Arabellas Talkshow“ bis Z wie „Zahnspangen mit Glitzereinlagen“. Dazwischen Diddl-Mäuse, Beverly Hills 90210, Schnullerketten und die Kelly Family.

Das Lexikon der Jugendsünden

Im neu erschienenen Buch „Lexikon der Jugendsünden“ rechnen die beiden Journalistinnen Elena Senft und Lisa Seelig, beide Jahrgang 1979, herrlich mit dem schlechten Geschmack unserer Generation ab: mit Pizza-Baguettes aus der Tiefkühltruhe, mit David Hasselhoff, Cliff-Duschern und eben auch mit den billigen Beats aus der Techno- und Eurodance-Konserve. Sie kommen zu einem absehbaren Resümee: „Schön, dass wir nie wieder Teenager sein müssen. Aber schön auch, sich daran zu erinnern.“

Kaum gedruckt, rätseln die Rezensenten, was die nächste Generation in zehn, zwanzig Jahren als peinlich empfinden wird: Emo-Frisuren, Pietro Lombardi, Ed Hardy oder Germany’s next Topmodel? Vielleicht sogar Lady Gaga?

Über Lady Diana verlieren die Autorinnen übrigens kein Wort. Sie zu lieben war keine Sünde. Nein, das war der Zeitgeist.

Bevor die Medienlandschaft explodierte: Grunger und Raver

In den neunziger Jahren war weder Medienlandschaft, noch Mediennutzung so vielfältig wie heute. Wir guckten ein MTV. Europaweit. Da warst du entweder Grunger oder Raver. Zwischendrin dümpelten höchstens noch Vanilla Ice, die Spice Girls und die Backstreet Boys. Aber der Hip-Hop gehörte den Amis. Und die Popper hatten noch nie Profil. Girl Power? Coolnessfaktor: gleich Null!

Retrospektiv gesehen: „Hyper, Hyper“ kam zum richtigen Zeitpunkt. Denn 1994 gab sich Kurt Cobain die Kugel. Peng, der Grunge war tot! Wir ravten: „Over the rainbow“ zu „Hardcore vibes“, ohne Limit und manchmal sogar „Out of space”. Endlich mal wieder eine Jungendbewegung, die ihren Siegeszug um die Welt in Deutschland begann. Diesmal ohne Nenas unrasierte Achseln. Wohin ihre zunehmende Kommerzialisierung führen sollte, wurde uns erst Jahre später schmerzhaft bewusst. Am 24. Juli 2010. 21 Tote, 500 Verletzte.

Over: Love Parade 2010

Die Love Parade fand in Duisburg ein tragisches Ende. Wir waren schockiert, weil sie für unsere Generation doch immer das bedeutet hatte, was Woodstock für die Sechziger war, die Discowelle für die Siebziger und Live Aid für die Achtziger: ein friedlicher Gipfel der Jugendkultur. Und so saßen wir wieder weinend vor den Bildschirmen. Wie damals beim Tod Lady Dianas, als der Glamour der Neunziger in einem Tunnel verendete. Jetzt hatte es die Spaßgesellschaft, den Rausch unserer Ära getroffen. Ebenfalls in einem Tunnel. Die große Party war offiziell vorüber. Seit wenigen Tagen erinnert ein zehn Tonnen schweres Mahnmal an die Opfer.

Das goldene Zeitalter des Techno ist seither endgültig vorbei. Nach dem Dorian Gray und dem Omen ist mit dem Massenrave schlechthin die letzte legendäre Bastion gefallen. Widerstandslos. Doch der Zeitgeist lebt in den Beats von damals weiter. Scooter haben überlebt – und mit ihnen die Geschmacksverirrungen unserer Jugend, obgleich sich diese nicht überall unverblümt offenbaren.

Ludwigshafen: Das gallische Dorf

Mein Nostalgie-Tipp: Fahrt mal nach Ludwigshafen. Dort tragen die Menschen noch heute Buffalos mit Plateau. Und dort spielt der DJ noch immer Scooters „Hyper, Hyper“ – traditionsbewusst seit 1994. Ehrlich!

Ich werde mir gleich mal Elton Johns “Candle in the Wind” anhören. Am Wochenende werden Charles und Camilla zur Fürstenhochzeit von Albert II und Charlene in Monaco erwartet. Und damn… ich hätte lieber Diana gesehen.

We miss you, girl – and all your fucking drama!

Love,

 

 

 

Mehr Neunziger HIER!

MTV wird 30 HIER!

Bravo-Jugendlieben HIER!

Zweite Version des Textes im STREIFZUG/Juli – HIER!

Kommentare

  1. Gepostet von KJ am Donnerstag, 30. Juni 2011

    MAl wieder toller Text, Brad

  2. Gepostet von Kathryin am Freitag, 1. Juli 2011

    Brad – was fuer eine schoene Runde Selbstmitleid Du mir soeben beschert hast. Wo ist unsere Jugend geblieben?

    Ich hatte genau so eine Diddl Tasse mitbekommen als ich in die USA zum Austauschjahr ging. Dort hoerte ich von Di’s Tod als ich in Ekalaka, Montana (oder auch: hinter dem Mond) in einem Pub (in dem ich auch noch nicht trinken durfte) stand und dachte “Mann, die is bestimmt schon ewig tot, es hat nur laenger gedauert bis hierher – ans Ende der Welt)…

  3. Gepostet von Brad am Samstag, 2. Juli 2011

    Danke dir, Kat!

Antworten

Teil mir Deine Meinung mit. Ich freue mich über Feedback!