orlando

Sorry, ich bin nicht “Orlando”

Veröffentlicht: Montag, 13. Juni 2016

Ich kann ein richtiges Arschloch sein. In manchen Momenten meines Lebens vereine ich absolut alles, was es braucht, um ein absolut schlechter Mensch zu werden: Schadenfreude, Missgunst, Hass – vor allem Ignoranz. Und müsste ich jetzt schwören, nie etwas zum Schaden eines anderen getan zu haben, vorzüglich vorsätzlich und voller Vergnügen, müsste ich lügen.

Trotzdem bin ich noch nie in einen Club gerannt, und habe Leute mit einem Maschinengewehr erschossen. Der Grund ist, dass ich Menschen liebe. Okay, es gibt ein paar Vollidioten da draußen, aber im Grunde liebe ich Menschen.

Ich freue mich, morgens mein Team und meine Kollegen zu sehen, abends auf meinen besten Freund, ich freue mich über witzige Leute in Clubs oder spontane Bekanntschaften auf der Straße. An den Wochenenden freue ich mich auf meine Crew. Obwohl mich der eine oder andere heute sicher gern abgeknallt hätte.

Zuerst, weil ich jedes mit Vorlage erstellte „Wir sind Orlando“-Foto auf Facebook mit dem Kommentar abgekanzelt habe, mein Profilbild gleich in Legolas aus „Herr der Ringe“ zu ändern. Mit der Zeile: „Ich bin Orlando – Bloom“.

Dann, weil ich mich mal wieder nicht solidarisiert habe. Mit Schwulen. „Sag mal, kannst du nicht einmal mit der Community solidarisieren und Flagge zeigen?“

Nein, kann ich nicht. Beziehungsweise will ich das gar nicht. Weil „Orlando“ für mich weder Disneyland, noch ein Community-Ding ist. Übrigens gefühlt auch nicht primär ein Angriff auf die westliche Welt und ihre Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die ich ohnehin nicht immer zu erkennen vermag. Für mich ist dieses Attentat schlicht eine menschliche Katastrophe – und der Täter ein gottverdammter Wichser. Wie im Fall von Paris im November des vergangenen Jahres habe ich das Symbol dieser Katastrophe trotzdem nicht weiterverbreitet. Beziehungsweise: deshalb.

Das heißt allerdings nicht, dass ich kein Mitgefühl für die Opfer und ihre Familien empfinde. Ebenfalls nicht, dass ich, der jeden Tag mindestens 20 Postings auf soziale Netzwerke raushaut, keine schönen und vollautomatisierten Grafikvorlagen zu schätzen wüsste. Ganz im Gegenteil eigentlich.

Vorhin las ich bei einem Kumpel auf Facebook folgendes Statement:

Statement

Das hat mich bewegt und zum Nachdenken gebracht. Mehr als diese Bilder in Regenbogenfarben, die sich verbreiten wie ein Kettenbrief und selbst in der Masse eben gar nichts sagen. Beziehunsweise: gerade. Auf den sozialen Netzwerken sind Betroffenheit, Solidarität und sozial erwünschtes Trauern inzwischen so inflationär, dass man sich mehr persönlich formulierte Statements wünscht – und weniger Photoshop-Werke, die Kettenbrief-artig verteilt werden und für mich nicht mehr oder weniger wert sind als Worthülsen.

Warum ändern Menschen nicht an einem x-beliebigen Tag des Jahres kollektiv ihre Profilbilder in Friedenstauben?

Für mich ist „Orlando“ weder ein Schwulen-Ding noch ein Anlass, mein Facebook-Profilbild zu ändern. Vielmehr eine menschliche Katastrophe. Ob der Täter weiß, schwarz oder gelb war, empfinde ich als ebenso irrelevant wie den Tatort. Ich fände es genauso schlimm, hätte sich die Tragödie in einem türkischen Gemüseladen voller frigider A-Sexueller abgespielt. In meiner Bewertung macht weder das „Wer?“ noch das „Wo?“ die Tat besser oder schlechter.

Vielleicht bin ich ein schlechter Schwuler. Aber ich bin einfach nicht Orlando, oder der Typ „Orlando-Profilbild“. Weil es nicht der Terror sein darf, der uns vereint, integriert und Verbundenheit spüren lässt, sondern nur das, was sie landläufig Liebe nennen. Menschenliebe.

#lovewins

kurz-unterschrift11

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