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SMS von gestern Nacht

Veröffentlicht: Dienstag, 5. Juli 2011

Es gibt Momente im Leben, da tut man genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich tun wollte. Zum Beispiel, wenn jemand den Raum betritt, den man sehr gern mag, dem man das aber nur sehr ungern zeigen möchte. Kommt es zu einer Verkettung besagter Momente, endet ein Abend meistens mit drei Promille und mit tragischen Nachrichten aus der Kategorie SMS von gestern Nacht – die selten ohne Wörter wie “Liebe” oder “Vögeln” auskommen…

Gestern Morgen bedankte sich ein Kollege freundlich grinsend für das nette Gedicht, das ich ihm angeblich hatte zukommen lassen. Ich verließ den Raum mit einem ebenso freundlichen „Gern geschehen“ und beklemmenden Vorahnungen. Eine Stunde später fasste ich mir ein Herz und ging zurück an seinen Schreibtisch: „Habe ich dir etwa… Samstagnacht auch eine SMS geschrieben?“

Hatte ich glücklicherweise nicht. Nur vergessen, dass ich meine Kritik an einem seiner Texte letzte Woche ansatzweise poetisch zu Papier gebracht hatte: „Ich weiß, du bist ein großer Junge (er ist ungefähr 1,93 Meter groß), aber deshalb müssen deine Bildtexte nicht ebenso groß sein.“ Sind die wirklich großen Dinge des Lebens gemeint, gehen die passenden Worte wie gesagt weniger leicht von der Hand, geschweige denn über die Lippen.

Lass die Erde unter mir aufgehen

Die „SMS von gestern Nacht“ nehmen hier eine Sonderstellung ein: Erstens entstehen sie erst in Gemütsverfassungen, die ohne vier Jägermeister und zwei Vodka Red Bullnicht zu erreichen sind. Das macht sie zwar grundehrlich, aber immer mindestens genauso peinlich.

Zweitens erfüllen sie aus eben diesem Grund eher eine auto-katharsische als eine informative Funktion. Denn der Verfasser schämt sich bereits im Moment des Versendens derart für seine Botschaft, dass alle Erregungszustände für mindestens drei Tage vom Gefühl überlagert werden, er müsse sich SOFORT umbringen. Fremdschämen beim RTL2-Frauentausch-Gucken ist ein Scheiß dagegen!

Glücklicherweise ist zumeist weder eine ägyptische Kobra, noch ein Porsche 550 Spyder oder ein ähnlich Instrument für den heroischen Tod vorhanden. Es bleibt also nicht viel übrig, außer die peinliche Situation durch ein weiteres Schriftwerk aufzulösen. Dieses Mal mit aufgeräumtem Kopf und nicht per SMS. Denn die wirklich großen Dinge des Lebens sind mindestens 55 Cent für einen Standardbrief wert.

Als wir noch Briefe schrieben

 

Es gab eine Zeit, in denen ich noch kein Handy besaß und dafür viele Briefe schrieb. Ich hätte auch niemals ein derart gutes Abitur hingelegt, hätte ich pro Klausur weiterhin zwei Punkte Abzug für mangelhafte Rechtschreibung kassiert wie in meiner Prä-Liebesbriefphase. In der wurde nämlich jedes Wort im Duden nachgeblättert, bevor der pathetisch geküsste Bogen mit einer furchtbar geschmacklosen Postkarte kombiniert (-> Mehr zur Diddl-Maus HIER) in das Kuvert gepresst und zur Post gebracht wurde.

Heute kam ich mit dem Gefühl von der Post nach Hause, dass sich seither zwar mein Geschmack bezüglich der in das Kuvert gepressten Karte, nicht aber das grundlegende Problem von Singles verbessert hat: Wenn es um die wirklich großen Dinge des Lebens geht, steht Mut einer Gewinnchance von maximal 2:8 gegenüber. Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Express yourself (hey, hey)!

Kommentare

  1. Gepostet von Oli am Mittwoch, 6. Juli 2011

    Zur Vor-Handy-Phase: SMS von gestern Nacht haben definitiv Anrufbeantworter-Botschaften von gestern Nacht ersetzt ;)

  2. Gepostet von Milli am Mittwoch, 6. Juli 2011

    Hach … Früher hatte man auch noch Brieffreunde und jeden Tag voller Hoffnung in diesen kleinen Kasten vor der Haustür nach neuen Botschaften geguckt.
    Peinliche SMS im Vollrausch kenne ich natürlich nicht, liebster Brad ;)
    [img]http://bradsticks.com/wp-content/uploads/2011/07/DSC_0221_s1-e1281260618161.jpg[/img]

  3. Gepostet von Milli am Mittwoch, 6. Juli 2011

    Ähmja, so war das jetzt aber nicht gedacht!

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