grau

Silbergrau

Veröffentlicht: Samstag, 9. Mai 2015

Im Grunde sind wir alle Schwarz-Weiß-Seher. Ich meine, wer will schon graue Wolken an seinem Horizont, wenn er ins Schwarze treffen, oder der Welt mit einem strahlend weißen Lächeln entgegen sehen könnte?

Als ich heute Morgen aus dem Fenster blickte, blieb mir trotzdem nichts anderes übrig als einzusehen, dass sich in jedes Hohelied doch Zwischentöne mischen. Wie das Bild, das wir von der Welt da draußen bekommen, wenn Maitage an Regentagen in Graustufen zerfallen.

Ich setzt mich mit einer Tasse Kaffee ans Fenster und schaute runter auf die Straße. An Tagen wie diesen ist die Fallhöhe von weißen Wölkchen in schwarze Löcher besonders hoch. Denn ist deine Gefühlslage erst auf Höhe mit dem gefühlten November mitten im Mai angekommen, kannst du mit Hochdruck an deinem Stimmungstief arbeiten – am Ende wirst du aus Schwarz nie Weiß machen. Höchstens noch Silbergrau. Zumindest, so lange du noch die Illusion vom silbernen Streifen am Horizont hast.

Maryanto Fischer

Ich zumindest hatte mal wieder Schwarz auf Weiß, dass sich die Schlechtwetterfront in absehbarer Zeit nicht verziehen würde. Und wo ich selbst hätte mit Gewitter antworten sollen, ließ ich mit weiser Voraussicht nur Zwischentöne spreche, statt gleich mit Donner zu grollen.

Weil es die Struktur dieses immer gleichen Lieds zu sein scheint: Auf die himmelhochjauchzenden Töne folgen sofort die tieftraurigen. Würde ich manchmal nicht Grauzonen dazwischen schieben, wären wir wahrscheinlich längst von Rock’n’Roll bei Requiem gelandet. Ohne Repeat-Taste.

Wer mich kennt, weiß, dass ich ein extremer Schwarz-Weiß-Seher bin. Dennoch entscheide ich mich manchmal ganz bewusst dafür, meine Welt in Grauzonen zu hüllen. Vielleicht weil sie die eigene Sicht der Dinge vernebeln, vielleicht aber auch, weil in jedem Zwischenton ein bisschen von dem steckt, was Schwarz und Weiß nie leisten können: zwei Wahrheiten vermischen – und eine Illusion wahren.

Wenn zwei Schwarz-Weiß-Seher aufeinander treffen, sind graue Wolken, die die Fallhöhe von himmelhochjauchzenden Tönen in tiefschwarze Löcher etwas abfangen, bereits das höchste aller Gefühle. Wolken, aus denen sich im Spannungsfeld zwischen Schwarz und Weiß ständig Blitze entladen, die elektrisieren wie niederschmettern können. An Tagen, an denen die wahren Gefühlslagen in Grauzonen verschwimmen. Oder in verschleiernden Zwischentönen.

Wie im Fall dieses Liedes, von dem ich noch nie wirklich wusste, ob ich es wunderschön oder einfach nur grauenvoll finden soll…

Ein grauer Maimorgen kann sich anfühlen wie ein Regentag im November. Nur dass der Niederschlag dann nicht nur Schmutz, sondern auch den süßen Duft von Blütenstaub vom Himmel holt, der bei immer gleichen Frühlingsgefühlen ständig in der Luft liegt. Wie ein Zwischenton, der verschleiert, was wir wirklich denken, wenn wir wieder mitten in der Gewitterfront stehen. Auge in Auge vielleicht, aber immer auch Zahn um Zahn.

Use your illusion,

kurz-unterschrift11

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