Brad Shaw von Bradsticks - Foto von Gift Amlumyong

Meine digitale Date-Identity: Even Lady Gaga is jealous!

Veröffentlicht: Montag, 27. Mai 2013

Es gibt Baustellen und Baustellen. Die einen rauben uns täglich 30 Minuten auf dem Weg zur Arbeit, die anderen machen uns Arbeit – alle 30 Minuten. Im Leben von Singles um die 30 gibt es vor allem eine Dauerbaustelle: das Zwischenmenschliche, beziehungsweise dessen Nichtvorhandensein. Denn die Suche nach dem richtigen Partner ist nicht nur eine lange Straße mit vielen Schlaglöchern, sondern in vielen Fällen auch eine architektonische Meisterleistung.

Im Mittelalter haben sich die Ritter eine Burg gebaut, ein weißes Ross davor gestellt und gefreit. Irgendwann mieteten sie sich ein chices Loft, stellten einen geleasten Sportwagen davor und dateten. Im Onlinezeitalter nun gestaltet sich das Werben allerdings fundamental anders. Und trotzdem geht es um Real Estate. Immer. Wir bauen uns märchenhafte Luftschlösser in die digitale Web 2.0-Galaxie. Doch selbst das Wissen um ihr Trugbild befreit keinen Alleinstehenden von der Notwendigkeit, sich dieses Marketinginstruments zu bedienen.

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Singles waren schon immer Baumeister: Sie stehen aus Ruinen auf, sie bauen trotzig Mauern um sich herum, bis jemand kommt, der die Mauern wieder einreißt. Dann schlagen sie eine Brücke von der Insel des Ichs zurück in die Welt der anderen. Vielleicht bauen sie ab diesem Zeitpunkt sogar gemeinsam; vielleicht ein Haus mit Rosengarten – im wörtlichen wie im metaphorischen Sinn. Doch irgendwann gibt leider jedes Fundament der Kraft eines Bebens nach. Fortan verbleibt wieder jeder in seinem Teil der Ruine.

Veranschaulicht wird dieser Prozess heute vor allem in Netzwerken wie Facebook. Da schreibt der eine „Ich hatte gerade den schönsten Abend meines Lebens“, während der andere bereits Fotos von den Flitterwochen auf den Malediven postet. Und ein dritter lässt die Welt wissen, dass er gerade Roxettes „It must have been love“ hört. In besonders tragischen Fällen wahlweise Sabrina Setlurs „Du liebst mich nicht“ mit dem obligatorischen Kommentar, „Schick deine Rosen deinen Schlampen, die auf Blumen abfahren!“.

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Pinnwände auf Social-Media-Plattformen und Profile auf Dating-Plattformen sind die anstrengendsten Baustellen des modernen Single-Lebens. Statusmeldungen werden mauerartig wie Steine aufeinander getürmt. Symbolträchtig teilen wir Zeitungsartikel als Fenster zu unserem Intellekt und ebenso bedeutungsschwanger Lieder als Fenster zu unserem Herzen. Verlinkte Freunde und betonte Interessen geben dem Ganzen den perfekten, immer neuen Anstrich. Wir posten Bilder, die unsere Körper schön gemeißelt wie antike Statuen zeigen; Statuen, deren reales Vorbild sich andere Bauwillige unbedingt dauerhaft auf ihr Anwesen holen sollten. Oder wenigstens leihweise ins Schlafzimmer. Die Renaissance – hier: des Narzissmus.

Zuletzt bauen wir Türen, nein Tore aus Zaunpfählen, die das Eintreten erleichtern. „Wie ein Marketingstratege, der für seine Auftraggeber eine Corporate Identity, eine Unternehmensidentität aus Briefkopf, Werbejingle und Konzernduft erschafft, entwickeln wir ein Image von uns selbst, eine Demoversion“, schrieb Lara Fritzsche im März 2010 in der NEON.

Gerade Singles konstruieren ihr Online-Haus gemäß einer extrem gut durchdachten Architektur. Denn wir posten nichts ohne Intention und niemals ohne Hoffnung auf Reaktion. Wenn ich auf der Facebook-Seite meines Blogs schreibe, dass ich für einen Burger gerade ALLES tun würde, heißt das sicherlich: „Heute bin ich billig zu haben. Und du bist das Dessert.“ Fritzsche treibt das Online-Spiel mit folgender Statusmeldung auf die Spitze: „Noch im Nachthemdchen. Gleich ein bisschen Playstation zur Entspannung und danach eine ordentliche Haxe in die Röhre schieben. Sie liefert gleich noch den Subtext dazu: „Männer, verehrt mich, denn ich bin eure Traumfrau, verdammt noch mal.“

Das Web 2.0 hat Singles mehr denn je zu Baumeistern gemacht. Und wie beim Turmbau zu Babel gilt: Wir wollen göttergleich sein! Bis dahin tun wir einfach so, als wären wir es bereits. Fatal ist, dass die narzisstische Selbstüberhöhung im Luftschloss gelegentlich genauso schnell in sich zusammen fallen kann wie ein Kartenhaus. „Welcome to my bedroom. I am so hot, even Lady Gaga is jealous!“, gab ich nach meiner vorletzten Trennung trotzig in das Facebook-Statusfeld ein. Als das Fieber weiter stieg, musste ich kurz nach Mitternacht demütig meinen Ex anrufen, damit er mich in die Notaufnahme fährt.

In meinem Schloss gab es kein Doppelbett mehr, glücklicherweise aber eine Hintertür. Das ändert trotzdem nichts daran, dass sich jeder Aschenputtel-Zauber in den einsamen Stunden nach Mitternacht auflöst. Beim Betreten jener Treppen in die Welt außerhalb der Märchenschlösser. Maryanto Fischer

Meistert eure digitalen Dauerbaustellen & stay fashionable,

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Erschiene im Magazin Streifzug unter dem Titel „digitale Dauerbaustelle“

Kommentare

  1. Gepostet von Martin am Montag, 27. Mai 2013

    Ich bleibe alleine in meiner Ruine und das ist auch gut so :)

  2. Gepostet von Brad am Montag, 27. Mai 2013

    dann verschwendest du dich doppelt. komm in meine. ich habe warmes wasser!

  3. Gepostet von Vanessa Piccola am Montag, 27. Mai 2013

    Schick deine Rosen deinen Schlampen, die auf Blumen abfahren? Ohne Worte.

    Das werde ich mir für die Tage merken, an denen ich keine zu Tode gefilterten Instagramfotos zum Posten habe.

    <3!

  4. Gepostet von Brad am Montag, 27. Mai 2013

    das ist natürlich das Werk von Sabrina Setlur meine Liebe, deshalb in “Gänsefüßchen” – wollen ja nicht guttenbergen hier. Guter Text zum Thema übrigens auch auf deinem Blog, HIER! Grüße an Manni72

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