too hot

Schluss mit Pornosucht

Veröffentlicht: Montag, 5. Oktober 2015

Es gibt Menschen, in denen du siehst, was nicht da ist, und Menschen, in denen du nicht siehst, was ist, auf lange Sicht oder auf den ersten Blick. Meistens macht genau das den Unterschied zwischen den Menschen aus, die dich maßlos enttäuschen – und denen, die dich massiv überraschen.

Anders gesagt: Die Wahrscheinlichkeit, auf die Fresse zu fliegen, steigt in dem Maße, in dem wir die Welt sehen, wie wir sind, nicht wie sie ist. Besonders in Bereichen, in denen wir investieren. Geld, Zeit, oder den guten Glauben an die Dinge, die wir zu sehen meinen. Und weil die Welt trotzdem so bleibt, wie sie ist, nicht wie wir sie sehen, enden diese Geschichten immer auf zwei Arten:

Mit Fassaden, die bröckeln, wenn irgendwann nichts mehr von dem da ist, was du gesehen hast. Oder mit Mauern, die fallen, wenn du plötzlich viel mehr siehst als du zuvor sehen wolltest, oder konntest. Meistens macht genau das den Unterschied zwischen dem gefühlt tiefen Fall von Helden und dem faszinierenden Gefühl aus, auf ein tiefes, weites Meer zu blicken.

Weniger romantisch gesagt: Du wirst das wirklich Schöne ironischerweise nie dort sehen, wo du täglich damit beschäftigt bist, Schönheitsfehler zu kaschieren und zu ignorieren, den Schein zu wahren – einfach, um dich davor zu bewahren, dass die Fassaden der Luftschlösser, die du dir über die Jahre immer glänzender herausgeputzt hast, ihre Strahlkraft verlieren.

Bis du irgendwann kapierst, dass es nichts Trügerisches gibt als Perfektion, und auch nichts Langweiligeres. Weil Perfektion nichts anderes ist als die Welt, wie wir sie sehen wollen – und so quasi immer in einer Enttäuschung enden muss. In den wachen Momenten, die wir manchmal haben. Vielleicht, wenn wir morgens neben jemandem aufwachen, den wir faktisch ewig kennen, und gefühlt gar nicht.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, sind es immer die Abgründe, die Menschen interessant machen, die ihnen Tiefe geben. Denn wo scheinbare Perfektion, die nie mehr sein kann als eine Ansichtssache, stets eine Sackgasse ist, stellt dich Tiefe immer vor die Herausforderung, Wege auf den Grund der Dinge zu finden. Wie beim Perlentauchen im Meer.

Es wäre dennoch falsch, Menschen in perfekte und tiefgründige Menschen zu trennen. Vielmehr unterscheiden sie sich in der Frage, ob sie dich die Welt gern sehen lassen, wie du bist, oder gerade nicht – und sie dir lieber so zeigen, wie sie sind.

Tendenziell wirst du bei erstgenannten über die Zeit stets mehr und mehr Fehler finden, bei letzteren mehr und mehr Schätze. Wie beim Perlentauchen im tiefen Meer. Anders gesagt: Hinter einer Fassade sind immer Steine, die meisten davon im Weg. Hinter Mauern ist meistens ein Weg nach innen.

Zugegeben kann ich das Spiel mit der Perfektion selbst sehr gut spielen und vor allem perfekt mitspielen. Ganz selbstkritisch gesagt bin ich Weltmeister im „Die Welt sehen, wie wir sind“, im Fassaden wahren. Für das perfekte Bild.

Das wurde mir bewusst, als in einem anderen Teil der Stadt die Mauern fielen und ich mir dachte: Wie schön kann das sein, was nicht perfekt ist, oder zumindest so aussieht? Ich glaube, ich hatte es vergessen. In all diesen Filmmomenten, in denen du dich so perfekt inszeniert wiederfindest wie ein einem perfekten Porno.

Ja, wenn du die Welt siehst, wie du bist, hast du deinen Freunden auf dem Weg zur Arbeit einen perfekten Porno zu erzählen. Siehst du sie, wie sie ist, eine gute Geschichte, vielleicht von einem kurzen Spaziergang am Kanal um die Ecke.

Ich habe mein Geld immer mit guten Geschichten verdient. Vor allem, weil am Ende jedes Pornos, den ich gesehen habe, wirklich NIE jemand geheiratet hat. Vielleicht musste ich mal meine Mauern einreißen, um wieder zu sehen, wie sich gute Geschichten lesen, oder wie ein gutes Investment aussieht, zum Beispiel von Zeit. Man mag mir wenigstens das Zweite verzeihen. Schließlich bin ich kein Banker.

Herz drum, fertig.

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