Charlotte Roche Feuchtgebiete

Schlampen-Literatur: Brad Shaw zwischen sexy Goethe und sexy Charlotte Roche

Veröffentlicht: Freitag, 23. September 2011

Mit dem Verhältnis zwischen lesen und schreiben verhält es sich genauso wie mit dem zwischen Pornos schauen und poppen – es selbst zu tun, ist einfach spaßiger! Deshalb arbeite ich auch wieder an einem Buch. Mein Erstlingswerk „Heavy Rotation“ habe ich mit 18 in die Tasten gehauen. Sollte ich es jemals veröffentlichen, könnte das irgendwann fatale Folgen für die Bewertung unserer Epoche haben. Nach Klassik, Expressionismus und Moderne würde dann die Epoche des Schlampismus eingeleitet. Und jeder von euch wäre betroffen! Lest hier!

One man’s trash is another man’s treasure. Die Regel erklärt beispielsweise, warum Britney Spears immer wieder mit neuen Liebhabern abgelichtet wird, nachdem sie sogar von tragischen Gestalten wie Kevin Federline abserviert wurde. Doch nicht nur die unangefochtene „Queen of white trash“ profitiert von der „Müll gleich Schatz“-Gleichung. Archäologen zählen ebenfalls zu ihren Nutznießern. Für Spurensucher gibt es nämlich keine größeren Schätze als Müllhalden aus vergangenen Epochen. Deshalb basiert wahrscheinlich ein Großteil wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Vergangenheit auf der Interpretation von Wegwerfartikeln.

Geschichte aus Müll lesen: Die Zweitverwertung des Lebens

Die zwangsläufige Verallgemeinerung des Müll-Lesens könnte unter Umständen fatale Folgen für die spätere Klassifizierung unserer Gesellschaft haben.

Denn die Deutung unserer Lebensumstände im Jahr 3011 wird massiv davon abhängen, ob die Archäologen der Zukunft zufällig meinen, oder den Abfall meiner erzkatholischen Großmutter finden.

Ich will euch also warnen: Bereits als Teenager habe ich mich als Literat versucht – mit dem Ziel, ein Buch zu veröffentlichen; und dem Ergebnis, zumindest ein ähnlich hohes Niveau erreicht zu haben wie Charlotte Roche.

Mein Ansatz verlangte, die Hosen runter zu lassen. Ich entschied mich für die Zweitverwertung meines Lebens. Bekanntlich schreibt ja nichts schönere Geschichten als das wahre Single-Leben.

Dichtung und Scheidensekret

Zugegeben: Ich habe mich schon immer in der Tradition der großen deutschen Dichter und Denker wie Goethe gesehen, die etwas Bedeutsames zu sagen haben. Also nichts über Scheidensekret. Und mein Buch wäre niemals abgeblitzt. Glaubte ich, bis ich beim Ausmisten vor meinem letzten Umzug Manuskripte von „Heavy Rotation“ in den Händen hielt.

Den Titel – die Kinder der MTV-Generation werden den Begriff kennen (mehr HIER) – wählte ich, um unmissverständlich klar zu machen, dass es sich bei diesem Episodenroman nicht um die Dating-Erinnerungen meiner erzkatholischen Großmutter handelte. In kurzen Geschichten schilderte ich also all meine Zusammenstöße aus den neunziger Jahren – von der enttäuschten Kurzzeitliebe bis zum One Night Stand nach einer Klassenparty.

 Die Kapitel tragen bedeutungsschwangere Titel wie „Michael, das Model, das alles veränderte“ oder „Gennaro, der kleine Italiener“; sie sind peinlich und lesen sich wie folgt:

Ich sollte später noch erfahren, dass mein südländischer Typ durchaus gut ankommt. Andererseits sollte ich die ganze Aussehenssache auch noch von einem anderen, kritischeren Blickwinkel sehen. Zu dieser Zeit fand ich es durchaus erstrebenswert, als Sexobjekt gesehen zu werden.“

Vorlage für Archäologen der Zukunft

Fatalerweise landete eine Kopie des Manuskripts nicht in einer Umzugskiste, sondern direkt im Müll. Und beim Schreiben dieses Textes wurde mir erst in aller Konsequenz klar, was ich mit meinem Abfall anrichten könnte. Denn wenn Archäologen im Jahr 3011 „Heavy Rotation“ zufällig unter eingestürzten Mauern, atomarem Müll oder whatever finden, könnten sie zu dem Schluss kommen, dass in Deutschland 2011 nur Schlampen gelebt haben. Das wäre nicht nur falsch, sondern auch ungerecht. Schließlich würde diese Verallgemeinerung so manches Mauerblümchen ungerechtfertig aufwerten.

Jetzt werdet ihr denken: „Glück gehabt. Papier verrottet!“ Sorry, everybody… In den neunziger Jahren speicherte man Texte auf Disketten ab. Und auf genau so einer Kunststoff-Scheibe war „Heavy Rotation“ gesichert – bis sie in der Tonne landete. Sollten die Spurensucher der Zukunft also über einen PC mit Diskettenlaufwerk verfügen, könnten sie unter Umständen auf meinen Roman stoßen.

Und dann werden sich eure Nachfahren für unser Jahrhundert in Grund und Boden schämen!

Druck mich!

Warum ich „Heavy Rotation“ nie veröffentlicht habe? Wie ich euch vor ein paar Wochen berichtete, wollte ich eigentlich Popstar werden. Eine intellektuelle Vorgeschichte als literarisch ambitionierte Schlampe wäre da eher hinderlich gewesen. Inzwischen könnt ihr glücklicherweise alles Wichtige auf meinem Blog nachlesen. Aktuell schreibe ich wieder an einem Buch. Einem Sachbuch. Es soll in der Tradition von Florian Illies‘ „Generation Golf“ (Eighties) und dem „Lexikon der Jugendsünden“ (Nineties – mehr HIER!) die Nuller-Jahre behandeln. Das Intro liest sich wie folgt:

2004 haben wir uns Dates übers Internet nach Hause kommen lassen wie die Spießer nebenan ihr kalorienarmes Sushi. Wir waren nicht gerade auf Diät… and dinner was served hot. Always! Warum auch nicht? In den Nuller-Jahren war sowieso alles oberflächlich gecastet – und wenig auf Nachhaltigkeit angelegt. Popstars, Superstars, Topmodels und eben auch Abendabschnittspartner. Mal ehrlich: Wir haben Dates konsumiert wie Fast Food. Ohne anschließende Kommunenbildung und ohne Anspruch auf Rebellion gegen das Establishment. Wer zweimal mit dem selben pennte, hatte einfach noch kein DSL.“

Mit der Literatur verhält es sich dann doch so wie mit dem wahren Leben: Eigentlich können wir gar nicht aus unserer Haut heraus…

By the way, Wer hat heute Lust auf einen DVD-Abend? Ich schreibe auch nicht mit!

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