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Scheinbar unscheinbar

Veröffentlicht: Montag, 15. Dezember 2014

Und da stand ich wieder. An der selben Stelle, unter den selben Bäumen, über der selben Stadt, die sich vor mir ausbreitete wie ein funkelnder Teppich, ein Meer aus bunten Lichtern. Ich folgte ihnen. Mit den Augen durch dicht bebaute Boulevards, über prächtige Plätze weiter an tiefen Häuserschluchten entlang. Schnell zerstreute sich mein Blick in alle Himmelsrichtungen. Rastlos und doch nach Ruhe suchend.

Hin und wieder hielt ich dann inne und erinnerte mich. An Sackgassen, an Irrwege, aber immer auch an Inseln, die ich gefunden hatte. Auf meiner Reise durch den Strom. Des Alltags vielleicht, den Strom von Menschen, den Strom an Möglichkeiten. Jetzt stauten sich all diese Erlebnisse vor meinen Augen auf einer überschaubaren Fläche, die irgendwo am Horizont im Nebel unterging. Der silberne Schleier, der sich abends gern über diese Stadt legt und sie trübt, der trügt, weil der Horizont keine Begrenzung hat, nur unser Sichtfeld.

Ein Jahr etwa war vergangen, seit ich zum letzten Mal hier oben war. Wahrscheinlich an einem ähnlichen Abend, an dem der Wind den kalten Regen genauso schonungslos gegen mein Gesicht gepeitschte hatte wie gerade, an dem die Wellen weit unten ebenso gewaltig gegen die Befestigungen am Ufer geprallt waren, an dem ich ebenso fest davon überzeugt gewesen war, Wechsel in der Luft zu spüren. Sicherlich sogar. Definitiv war es ein Tag irgendwo zwischen dem alten und dem neuen Jahr.

Wenn wir zurückschauen, dann ist unser Blick oft verklärt. Wie der Blick von oben auf eine Stadt. Aus einer Distanz, die es uns leicht macht, nur noch die großen Fixpunkte zu sehen. Die Leuchttürme, die Meilensteine, die großen Arenen, in denen wir unsere ganz persönlichen Kämpfe ausgetragen haben. Manchmal mit gutem, manchmal mit schlechtem Ende, aber immer mit großen Erwartungen. Und während mein Blick weiter wahllos durch den Strom watete, wurde mir klar, dass es gar nicht diese Orte waren, die das Leben im vergangenen Jahr bestimmten hatten.

Ich fokussierte und zoomte mich mitten in die Stadt hinein, versuchte angestrengt, meine Straße auszumachen, mein Haus, meine Wohnung. Schließlich schloss ich die Augen. Augenblicklich klärte sich mein Blick. Es waren nicht die großen Erfolge, die mich hier her gebracht hatten. An diesen Punkt meines Lebens, auch nicht an den Aussichtspunkt hoch über der Stadt, an dem ich die letzten Monate noch einmal Revue passieren lassen wollte. Einfach um sicher zu sein, dass mehr als Schein geblieben war, mehr als bunte Lichter und Silberglanz. Von diesem Jahr.

Nein, es waren die scheinbar unscheinbaren Momente, die mir Aufwind gegeben hatten, vielleicht den Aufwind, den es brauchte, um wieder hoch auf diesen Punkt zu kommen, an dem wir uns nicht mehr scheuen, nach unten oder nach hinten zu schauen. Weil wir endlich klar sehen.

Wenn wir genauer darüber nachdenken, bleibt von einem Jahr immer mehr übrig als Aufstiege auf Karriereleitern, in Hierarchien oder in neue Status. Highlights, die wir gern vor anderen ausbreiten wie die Stadt ihre frohlockenden Lichter – an genau dem Punkt, an dem wir oben ankommen.

Ganz im Gegenteil. Oft sind die kleinen Momente die wirklich großen. Klein – gemessen am Lauf der Welt, an der Wahrnehmung aus unserem Umfeld. Groß aber gemessen am Effekt, den sie auf uns haben. Manchmal genau an dem Punkt, an dem wir ganz unten sind. Ich hielt die Augen geschlossen und lenkte meinen Blick nach Osten. Durch die langen Straßen vor mein Haus, hoch in den ersten Stock zu meinem Wohnzimmerfenster, wo er an der Scheibe kleben blieb.

Vielleicht hatte ich hier die wirklich wichtigen Momente des letzten Jahres verbracht, die wirklich weitreichenden Entscheidungen getroffen. Wahrscheinlich habe ich hier sogar die wenigen wirklich ungetrübten Glücksmomente erlebt. Kuschelnd auf der Couch, bei einem Kaffee mit Kumpels oder ganz allein mit Rotwein und Céline Dion. Momente, die mich für einen Moment aus dem Strom nahmen, Momenten, in denen ich wieder aufladen konnte.

Nein, wenn ich später auf das letzte Jahr zurückschaue, dann werde ich nicht an die Verträge denken, die ich unterschrieben, nicht an die Höhenflüge, die ich hingelegt, nicht an die Meilensteine, die ich gemeistert habe. Vor allem werde ich an die Tiefpunkte denken – und die wertvollen Momente, in denen ich verstand, dass es immer die Menschen sind, die ein Jahr so besonders machen. Nicht die Vormachtstellungen. Die Menschen, die mir die Hand reichten, wenn ich nicht allein aufstehen konnte, die mich ins Bett brachten, wenn ich vor Erschöpfung nicht schlafen konnte, in deren Armen ich morgens aufwachte, wenn ich mich an jemandem festhalten musste.

All das sah ich durch mein Wohnzimmerfenster, dessen Türen zum Schlaf- und Arbeitszimmer weit geöffnet waren. Und ich sah mich. Mit Menschen, die ich liebe. Zwischen Chipstüten und Bierdosen, zwischen Entwürfen und Skripten, zwischen schnell ausgezogenen Kleidungsstücken und langsamen abgebrannten Kerzen.

Da wurde der Lärm der Boulevards zu lautem Lachen, das Rauschen der Wellen zu angeregten Gesprächen und der Regen in meinem Gesicht zu Tränen, die ich geweint hatte. Viele vor Freude, manche in Trauer. Tiefe Trauer um scheinbar triviale Dinge: die SMS, auf die keine Antwort kam, die Lieblingstasse, die auf dem Boden zerschellte, der Freund, der in die Ferne zog.

So zogen meine Gedanken an mir vorbei durch das leere Wohnzimmer. Plötzlich wusste ich, dass alles, was im letzten Jahr geschehen war, immer nur dann zählte, wenn es sich nicht in Zahlen ausdrücken ließ. In Summen, Setzlisten und Superlativen. Denn die großen Individualerfolge folgen meist auf harte Arbeit. Aber Glück lässt sich weder auszahlen, noch erringen. Es lässt sich nur schenken.

Wenn ich recht überlege, war mein schönster Tag des letzten Jahres eine Nacht. Nicht diese Nacht, aber eine, in der ich ganz wie von selbst gekommen bin. Fast in Trance wie auf diesen Aussichtspunkt. Denn die wahren Höhepunkte bleiben für den Strom da draußen verborgen, weil sie sich meist in unscheinbaren Zimmern abspielen. Wie das, durch dessen Scheibe ich gerade blickte. Aus einer Distanz, die sie vielleicht noch gewaltiger machte. Zumindest größer als all das, von dem die anderen sagen, es zähle im Leben.

Doch wenn sie ganz ehrlich sind, messen sie weder ihr Jahr, noch sich selbst an den offenkundig herausragenden Highlights. Vielmehr an mitunter kleinen Glücksmomenten, die zusammen mehr Strahlkraft haben als alle Lichter einer Stadt. Weil sie dem Schein ein Sein einhauchen. Immer dann, wenn Menschen da sind, mit denen wir sie teilen, denen wir sie schenken. Die Leute sagen, wir sollen immer nach vorn sehen, nie nach hinten. Ich glaube, sie irren sich.

Herz drum, fertig.

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