Brad mag Klassik

Pop(p)musik: Warum die Liebe ein Vorspiel braucht und besser noch ein Nachspiel hat

Veröffentlicht: Sonntag, 18. Dezember 2011

 

Manchmal wünscht man sich ein Date klassisch wie eine Symphonie. Sagen wir von Mozart. Nun ist die Wahrscheinlichkeit, dass aus einer kleinen Nachtmusik gleich ein Rockkonzert auf der Zauberflöte wird, seit dem Fall der bürgerlichen Moral ständig gegeben. Dass die Kammermusik gut war, bedeutet leider noch lange nicht, dass Gleiches für die folgende Morgenstimmung gilt. Denn auf Mozart und die Wiener Klassik folgt nur in der Epochenlehre tatsächlich die Romantik. Selbst Dates, die mit Movie und McDonald’s klassisch beginnen, enden oft trotzdem in seichter Pop(p)-Musik und Schweigen. Nicht immer ist „Baby, one more time!“ das angestrebte „Da capo”.

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Music makes the people come together“, sang Pop-Queen Madonna in einem Alter, in dem der Klassik-Gott Wolfgang Amadeus bereits tot war. Recht hat sie. Denn wer behauptet, in Discotheken abzuhängen, um sein Trommelfell massieren zu lassen, der lügt. Massieren vielleicht, aber sicherlich nicht das Trommelfell. Mindestens das Ohrläppchen.

Die Wiener zog es zum Altar

Das war im Zeitalter der Wiener Klassik sicherlich anders. Zwar machte Musik bereits damals den Unterschied zwischen „the bourgeoisie and the rebel“ aus, doch wer auf den schillernden Bällen auf Schloss Schönbrunn über das Parkett fegte, der war definitiv auf einen Hochzeitsmarsch und eben nicht auf Pop(p)musik aus. Obgleich Falco uns bei „Rock me Amadeus“ etwas anderes glauben machen wollte. Ausnahme: Hausherrin Maria Theresia, die ihre16 Kinder sicherlich nicht wie die Heilige Mutter Maria empfangen hatte. Aber die Habsburgerin gehörte ja auch nicht zur Fraktion der Single Ladies. Für den Rest galt: Put a (fucking) ring on it!

Falco – Rock Me Amadeus von trashfan

Die Prinzen sind längst Schlampen

Seit der Wiener Klassik hat sich nicht nur die Zahl der verfügbaren Prinzen reduziert, sondern auch die Qualität ihrer Absichten. Denn nicht jeder verfügbare Prinz will wie Frédéric von Anhalt nur adoptieren (mehr HIER).

Weil es der Single-Markt 2.0 einfach hergibt, entpuppt sich so mancher Märchenprinz im Disco-Umfeld zwischen Menschen mit „Fick mich“-Pumps und „Ich fick dich“-V-Ausschnitten – wer könnte es ihm verübeln – schnell als Freischütz, beziehungsweise als Schürzenjäger. (*) In der Provinz bist Du der Märchenprinz?!??

  • Der Schürzenjäger sei nur erwähnt, um dem Ruf nach mehr Gleichberechtigung für unsere transsexuellen Mitbürgerinnen gerecht zu werden (mehr HIER im Spiegel); Auch, weil die meisten Männer im Rokoko dank Gehröcken, Rüschen und Zopfperücke ohnehin aussahen wie schlechte Drag Queens.

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Die Sonatenhauptsatzform spiegelt das monotone Single-Leben

Gehalten dagegen hat sich eine eiserne Grundfeste der klassischen Kompositionslehre: die Sonatenhauptsatzform. Längst ist sie zum Lehrstück des post-modernen Single-Daseins geworden. Im Grunde lassen sich die meisten Dates nämlich immer irgendwie auf die Sonatenhauptsatzform runter brechen: Exposition – Durchführung – Reprise.

Für alle, die während des Musikunterrichts nur die geilen Typen aus der letzten Reihe beim Prolen beobachtet haben, ein kleiner Exkurs:

  • Eine Sonate gewinnt ihre Spannung aus zwei gegensätzlichen Themen und besteht aus drei Pflichtteilen, nämlich der Exposition, der Durchführung und der Reprise. Eventuell sind zusätzlich eine Einleitung am Anfang und eine Coda zum Abschluss zu finden. Die Einleitung fällt vor allem bei Spontanaufrissen in der Disco weg. Kommt die Coda zum Zug, bedeutet das im Glücksfällen etwas Gutes, im Zweifel schlechten Sex.

Weil Singles im Zeitalter von Online-Prostitution und Hobby-Promiskuität eigentlich gar nichts mehr vom Fleischmarkt erwarten, bleiben wir vorerst beim zu erwartenden Standard, den den können wir sozusagen aus dem F-F-F.

Übrigens: Mich kriegt man mit Mozarts 7. Symphonie rum. Do a little chasing!

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Exposition = Flirten

In der Exposition werden die zwei gegensätzlichen Themen vorgestellt. Die Herausforderung besteht darin, ihre Gegensätze mit formalen Gestaltungsmitteln zu verstärken. Sprich: Boy meets Girl, Transsexuelle oder wen auch immer. Da die Exposition längst zur Darstellung körperlicher Vorzüge verkommen ist, werden die Gegensätze meistens schon an Outfits, Haarfarben und der Bereitschaft, Haut zu zeigen, sichtbar. Manchmal auch an sexuellen Präferenzen, wenn man aktiv danach fragt.

Durchführung = Ficken

Per Definition gibt es „in der Durchführung keinerlei formale Vorgaben. Ihr Sinn besteht darin, sich mit dem Konflikt auseinander zu setzen, den die Gegensätzlichkeit der beiden Themen aus der Exposition ausgelöst hat. Hier ist Raum für die dabei nötige thematische Arbeit.“ Sollte die Frage nach den sexuellen Präferenzen in der Exposition noch nicht geklärt worden sein, könnte es sein, dass sich die Durchführung nur in ihrer B-Variante vollzieht: „Es können dabei beide Themen (A) verarbeitet werden oder nur eines (B) von beiden.“

Reprise = Flüchten

Die Reprise schließlich wiederholt die Exposition, allerdings nicht ohne die Folgen der Durchführung hörbar zu machen: Es findet nämlich kein Tonartwechsel mehr statt. Man geht oft wortkarg auseinander. „Wir hören uns“, beziehungsweise in der Variation „Wir lesen uns“, which is… awful.

Die Liebe braucht ein Vor- und ein Nachspiel

Ironischerweise führt also ausgerechnet das für die Klassik tonangebende Kompositionsprinzip nicht zu einer erbaulichen Symphonie, sondern zu seichter Pop(p)musik.

Für klassische Date-Geschichten braucht es dann eben doch eine Einleitung im Sinne eines nicht-körperlichen Vorspiels und eine Coda im Sinne eines Nachspiels. Dieser optionale Schlussteil entwickelt Themen weiter und kann zu einer zweiten Durchführung und damit zu einer Beziehung führen: „Wer zwei Mal mit dem selben pennt, gehört schon zum Establishment.“

Paradebeispiel für die Sonatenhauptsatzform mit all ihren Finessen ist übrigens Beethovens 5. Symphonie, der seine Zeitgenossen nicht grundlos den Beinamen Schicksalssymphonie gaben.

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Und so ist es eben mit der Liebe: Ob beim spontanen ersten Kuss Richtung Beifahrersitz nach dem Kino/Burger-Date gerade „Die Hochzeit des Figaro“ oder doch nur „Die Zauberflöte“ läuft, ist schlichtweg Schicksal. In beiden Fällen lohnt es sich manchmal, den Repeat-Button zu drücken. Denn „Da capo“ ist super – solange daraus weder verliebte Fuckbuddys (siehe Link), noch lieblose On-Off-Beziehung (siehe Link) entstehen.

Von beiden kann ich ein Lied singen. Und das stammt auch von Mozart: „Leck mich im Arsch!“ – übrigens ein sechsstimmiger Kanon!

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Wenn uns die Liebe zu überrennen scheint, sollten wir immer demütig an die Königin des Rokoko denken. Nämlich Marie-Antoinette, die die Wiener Klassik am Hofe ihrer Mutter Maria Theresia quasi vom goldenen Löffel schlürfte. Und ihr Beispiel lehrt uns: Niemals den Kopf verlieren. Im Leben geht es um mehr als… Kronjuwelen.

Hey, Mister DJ! put a record on… Wir lesen uns!

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Kommentare

  1. Gepostet von Bettina am Sonntag, 18. Dezember 2011

    Selbst Märchenprinzen brauchen manchmal etwas Nachhhilfe, bevor sie als solche erkannt werden können… In diesem Sinne gilt bereits die klasssische Vorbereitung des Dates als Königsdisziplin (Kino & Burger… das geht doch besser, Mr. Sticks!!). Hat man dann ein blaublütiges Exemplar in Liebesdingen gefunden, lohnt sich vielleicht auch noch ein Nachspiel

  2. Gepostet von Brad am Sonntag, 18. Dezember 2011

    Liebe Bettina, Burger & Movie sind sehr American! Und Hollywood auch!

  3. Gepostet von Melly am Sonntag, 18. Dezember 2011

    Ich hab die Morgenstimmung schon sooo lange nicht gehört. Daaanke dafür!

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