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Nicht verliebt – nicht mal in Max Kruse

Veröffentlicht: Montag, 23. Mai 2016

Wir setzten uns in die Bar, in der wir sonst nur sitzen, wenn nebenan nichts frei ist. Für eine Stunde längst überfällige Unterredung unter Freunden. Bewusst ganz nach hinten. Nur, um sicher zu gehen, dass sie uns nicht sehen, in ihrer ausgelassenen Champagnerlaune. Ich knöpfte mein Hemd zu, bestellte eine Eisschokolade und hörte einfach nur zu.

„Es wäre schon schön, sich mal wieder zu verlieben“, sagte er und nippte an seinem Wein. Der gleichgültige Unterton war nicht gespielt. „Ich meine, du weißt selbst wie das ist. Wie viel Energie man aus diesem Zustand zieht, viele Ideen. Die Pläne, die man plötzlich schmiedet…“ Ich nickte. Empathisch und gleichzeitig doch gleichgültig.

Für mich galt noch immer: Vom Verlieben bin ich so weit entfernt wie vom Nichtrauchen oder davon, meinen Netflix-Account abzumelden. Nämlich zehn Therapiestunden – gesetzt dem Fall, es handelte sich um einen wirklich attraktiven Therapeuten. Dabei hatte ich mir das ganze Jahr über wirklich Mühe gegeben, Dates ernst zu nehmen. Eben nicht nur zu daten, um die Zeit bis zur nächsten Staffel „House of Cards“ zu überbrücken.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, ist das der erste Frühling, seit ich neun Jahre alt war, in dem ich nicht in irgendjemanden verliebt bin, oder wenigstens in irgendetwas – wie damals meine ersten Air Max oder Gin Tonic. Um zwischen all den emotionsgeladenen Menschen um mich herum nicht wie die Eiskönigin zu wirken, behaupte ich gelegentlich, in Max Kruse verliebt zu sein. Manchmal glaube ich das sogar selbst.

Meine Freunde sagen, das sei nur, weil ich sein berüchtigtes Intim-Video gesehen habe. Das stimmt nicht. Ich fand schon immer, dass Max Kruse ein cooler Typ ist. Ich schaue mir lieber meine eigenen Sex-Tapes an, was wahrscheinlich der Grund ist, warum ich (immer noch nicht) verliebt bin. Ist eigentlich auch egal.

Wobei ich zugeben muss, dass ich gern Frühlingsgefühle hätte. Weil er schon recht hat: Diese Art von Euphorie macht allein die Körperchemie. Das sind die Hormone. „Noch eine Eisschokolade?“, fragte der Kellner. „Nein, einen Gin Tonic“, dachte ich und sagte: „Zahlen!“ Wahrscheinlich zahle ich noch immer den Preis für die großen Pläne, die einmal in den schönsten blauen Augen der Welt gesehen habe.

Ganz ehrlich: Inzwischen ist mir das egal. Nur hätte ich gern wieder diese Energie, diese Euphorie. Der einzige Plan, den ich derzeit habe, ist, mich wieder den Dingen zu widmen, die mir wichtig sind. Ich verbringe also wieder extrem viel Zeit mit meinen Freunden. Außerdem checke ich regelmäßig Max Kruses Facebook-Seite, drehe nach der Arbeit die Pflichtrunde durch „Snipes“ und erforsche, wo auf der Reeperbahn das Preis-Leistungs-Verhältnis von Gin Tonic am besten ist.

Einen Frühlingsgefühle-Text habe ich dieses Jahr nicht auf die Reihe bekommen, auch meinen Waschbrettbauch nicht zurück – und der einzige Typ, den ich 2016 mehr als zweimal gedatet habe, spielt in Pornos mit. Meine Freunde sagen ja, dass es doch ganz angenehm sein müsste, wenn das Leben einfach mal ruhig vor sich hinplätschert. Dann zucke ich jedesmal gleichgültig mit den Schultern und checke Max Kruses Facebook-Seite.

Denn in Wahrheit fehlt es mir wirklich. Nicht das Verliebt-Sein. Mir fehlt diese Euphorie, diese Energie, das Pläne-Schmieden. Hat sich für mich immer bewährt, gerade beim kreativen Arbeiten. Heute musste dafür trotzdem wieder ein Gin Tonic herhalten. Den habe ich beim Schreiben gerade leer gemacht.

Und damit mal gute Nacht. Ich meine, vielleicht verliebe ich mich ja morgen. Letzte Woche habe ich einen Therapeuten gedatet. Vielleicht sollte ich den mal anrufen. Einfach so. aus Langeweile.

Herz drum, fertig.

kurz-unterschrift11

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