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Neues aus dem Pärchenwahn: Das “Wir” wird wohnhaft

Veröffentlicht: Montag, 1. Dezember 2014

Vier Monate später ist es also soweit. Eins und eins macht „Wir“ - jetzt nicht mehr nur gefühlt, sondern bald auch gewohnt. Nicht, dass ich mich nicht längst daran gewöhnt habe, zwei ehemals Einzelne im Kopf gleich nur noch als „Zwei in Eins“ einzutüten. Und bald wird das Wir Nägel mit Köpfen machen und die Kajüten zusammen legen. Ja, das Wir zieht in eine gemeinsame Wohnung. Der perfekte Pärchenhimmel auf 100 Quadratmetern – mit Veranda. Würde mir nie in die Tüte kommen…

Ich beobachte das Wir auf dem Sofa. Hier ein Notebook, da das andere. Beide besuchen seit geraumer Zeit zahllose Möbelhäuser im Internet – in unbeirrbarer Gleichförmigkeit. „Guck mal“, sagt der eine manchmal. „Geil, ja“, antwortet gleich der andere. Dann steckt das Wir die Köpfe zusammen und kichert. Wirklich…

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Ich gucke mir die Szene vom anderen Ende des Raums an, rolle mit den Augen und nippe weiter an meinem Drink, während sich das Wir weiter mit Möbeln und Teppichen torpediert. Hier geht ein Perser in den Warenkorb, dort eine Kommode. Und es wird gekichert und geknutscht, sobald die Kreditkartennummer wieder einen Bezahlvorgang abgeschlossen hat. „Kopf oder Zahl, Schatz?“ Was? „Bei Kopf nehmen wir den verschnörkelten Holzschrank, den du ausgesucht hast, bei Zahl diesen simplen. Ich find den besser!“

Ich glaube, es ist besser zu gehen. Während die Suche nach einem Zwei-Euro-Stück beginnt, suche ich unauffällig das Weite. Das Wir bemerkt das gar nicht. Es ist zu sehr mit Zahlen beschäftigt. Die Länge der Wohnzimmerwand und der günstigste Internetanbieter. Soll es jetzt endlich auch den Pärchen-Tarif bei der Telekom in Anspruch nehmen? „Ja, perfekt!“ Während ich die Tür leise hinter mir schließe, höre ich Metall auf die Tischplatte fallen. „Zahl!“ Der nüchterne Einrichtungsstil hat gewonnen. Ernüchtert verlasse ich das Haus. Vom Pärchenhimmel zurück in die „Single-Hölle“… Who’s bad?!

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Wir für seine Kompromissbereitschaft beneiden oder bemitleiden soll. Sicher, auch als Single ist man gelegentlich mit Einrichtungsfragen beschäftigt. Vorrangig allerdings mit Ausrichtungsfragen – denn wenn man es sich in seiner Single-Welt gemütlich einrichten will, ist vor allem ambitioniert ausgesprochene Attitüde angesagt: perfekte Unabhängigkeit, verpackt in Sätzen wie „Passt mir ganz gut nur zu machen, was ich will!“ Um es unverblümt schnörkellos zu sagen: Wenn ich einen verschnörkelten Schlafzimmerschrank will, kriege ich den auch!

Persönlich frage ich mich, wie es wirklich wäre, all das aufzugeben, was in meiner wohl eingerichteten Single-Welt die Würze ausmacht: mein Secret Single Behaviour. Heißt: Den Abwasch stehen lassen, bis mir der Sinn nach Ordnung steht, nachts nackt durch die Wohnung tanzen oder spontan Freunde auf einen Film einladen – oder nen coolen Typen zur Kissenschlacht. Wäre doch gelacht, wenn das nicht auch glücklich macht: zu tun und zu lassen, was man will – statt Wir-Overkill mit Sonntagsspaziergängen und so. Geht gar nicht.

Man darf den hohen Wert von uneingeschränktem Secret Single Behaviours nicht unterschätzen. Ich schätze, deshalb plagt mindestens einen Teil des Wirs gelegentlich Zweifel – nicht nur, wenn er seine Kreditkartenabrechnung sieht. Das sieht dann so aus, beziehungsweise hört sich dann so an: „Ja, es ist alles perfekt. Nur manchmal habe ich einfach Angst, dass es zu perfekt ist.“ Das sei so, wenn man einen so großen Schritt wage.

Vorerst ist es Samstagmorgen. Der perfekt Tag also, um sich mit dem Wir waghalsig dem Shopping-Wahn auszusetzen. Im prospektiven Pärchenhimmel fehlt es nämlich noch am perfekten Allwettermöbeln für die Veranda und der kompletten Wohnzimmereinrichtung. Ich begleite das Wir ins Möbelhaus Knutzen in Hamburg. Welche Wohnwelt darf’s denn sein? Nordischer Landhausstil, Motto „Pure Elegance“ oder doch „Bohemian Night“? Früher war ein Teil des Wirs mal ein Bohemian. „Was meinst denn du?“, spricht er mich plötzlich an. „Stil ‘City Loft’, das passt zu dir“, gebe ich geistesgegenwärtig zurück.

Das Teil-Wir nickt und kämpft sich weiter durch die weiten Räume mit hellen Holzmöbeln, himmelblauen Gardinen und heimeligen Kerzen. Da fasst er sich ein Herz und zieht mich zur Seite: „Glaubst du nicht, dass das bei uns nicht zuuuu perfekt ist?“ Es fällt mir schwer, zwischen den perfekten Möbeln für prospektive Pärchenhimmel irgendeine Form von Perfektion in Frage zu stellen. Also fasse ich mir ebenfalls ein Herz und sage, was ein Single normalerweise nie zu einem Wir sagen würde: „Du hast den perfekten Typ, das perfekte Timing und bald schon die perfekten Tapeten. Hör endlich auf, ständig alles in Frage zu stellen!“

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Zwei Stunden später verlassen das Wir und ich das Möbelhaus. Das Wir lässt mich vor meiner Wohnung raus und wird den Resttag damit verbringen, mit den Notebooks auf dem Schoß im Bett nach hellen Buddha-Figuren aus Holz zu suchen – und anderen Accessoires, die es im hippen City Loft so braucht. Ich brauche erstmal eine Pause. Zuhause drehe ich die Musik auf und tanze zu irgendwas von Britney Spears peinlich vor dem Spiegel herum, bevor ich spartanisch koche später ohne zu spülen, Playstation spiele und auf meinen Lover warte, der mich Sonntagmorgen frisch geküsst wieder meinem Secret Single Behaviour überlassen wird.

Die perfekte Nacht ohne Nachwehen wie einen Sonntagsspaziergang bei Eiseskälte also – und trotzdem zweifele ich am Sonntagmorgen wieder an meinem Lebensentwurf: Wäre ich in Wahrheit nicht gern selbst ein Wir? Gemeinsames Frühstück mit frischen Brötchen und frisch gepresstem Orangensaft? Als ich feststelle, dass der Lover vor dem Gehen noch das letzte Kaffee-Pad verbraucht hat, stelle ich mein Single-Leben kurz in Frage.

Das Wir ist schon wach. „Hast du noch Kaffee?“, gähne ich also in den Hörer. „Da hast du Glück, wir sind gerade vom Spaziergang heimgekommen, komm rüber“, schallt es einstimmig aus zwei Mündern, „wir haben auch Croissants!“ „Du hast den Lautsprecher an?“ „Ja, wir hängen gerade über ein paar Einrichtungskatalogen!“ Na dann…

Dann und wann bin ich wirklich neidisch auf das Wir. Sagen wir mal so: Ja, man sollte Perfektion kritisch hinterfragen, aber sie eben auch zulassen, wenn alle Fragen beantwortet sind. Zum Beispiel die nach der Einrichtung des Gästezimmers für die besten Freunde. „Ich stehe übrigens auf den Landhausstil nordisch inspiriert“, sage ich, während ich mir den ersten Kaffee fahre. „Schon kapiert“, sagt das Wir, „haben wir dir schon dieses Bett gezeigt?“

Meine Augen glühen wir gleich die Kreditkarte des Wirs. Da ist es: mein Himmelbett im Pärchenhimmel! „Hey“, flüstere ich ihm später zu. „Alles ist perfekt. Hör endlich auf zu zweifeln!“

Wie es mit dem Wir weiter geht, erfahrt ihr demnächst hier. Ende Januar kommen die Umzugswagen. Leider bin ich zu zerbrechlich, um schwere Möbel zu tragen. Zumindest aber trage ich die Wohnungswahl des Wirs inzwischen vollends mit – wirklich! Und wenn es mir doch mal zu viel wird, schaue ich auf das Buddha-Bildnis aus dem City Loft – und bewahre einfach Ruhe…

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Ohhhhhhhhhm,

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