Unbreakable Kimmy Schmidt

Unbreakable Kimmy Schmidt: Warum es geil ist, der Durchschnitt zu sein

Veröffentlicht: Sonntag, 27. Dezember 2015

Ich mal über mich geschrieben, dass Hamburg mein New York – und drei Jahre später über mich gelesen, dass ich Hamburgs Carrie Bradshaw sei. Bis vor wenigen Stunden hätte ich das auch genauso unterschrieben. Genauso – bei einem Cosmopolitan in einer schicken Bar im Westen dieser Stadt, wo ich wahrscheinlich mit drei attraktiven Kumpels und noch mehr Drinks auf Mister Right gewartet, und die Zwischenzeit dazu genutzt hätte, mit ihnen die bemerkenswertesten Männer zu diskutieren, die wir jemals gedatet haben.

Zum Glück lernen wir im Laufe des Lebens immer mehr, vor allem über uns selbst. Beziehungsweise entwickeln wir uns weiter, oder einfach nur ein wenig näher an das, was wir wirklich wollen. Es war in der gestrigen Nacht. Ich kam nicht umhin mich zu fragen: Bin ich vielleicht gar nicht mehr der dauernd denkende Shaw, sondern der durchschnittlich dumme Schmidt? Das würde zumindest ein großes Problem aus der Welt schaffen: Das ewige Warten auf Godot, in dem das „Sex and the City“-Warten auf Mister Big seine literarische Vorlage finden muss.

Wer sind wir wirklich?

Vielleicht dreht sich das Leben ja gar nicht wirklich um die unendliche Geschichte, auf der großen Suche den passenden Schuh zu finden, beziehungsweise den perfekten Deckel. Ende! Vielleicht geht es in meinem New York auch einfach darum, sich mit sich selbst so sicher zu fühlen, dass die guten Dinge einfach von allein passieren. Vielleicht sind wir in Wahrheit gar nicht Cinderella, sondern eine der unbedeutenden anderen Prinzessinnen auf dem Ball. Vielleicht ist das gerade gut so.

Nachdem ich die erste Staffel „Unbreakable Kimmy Schmidt“ in einer spontanen Nacht- und Nebelaktion komplett in mich aufgesaugt hatte, war ich zumindest kurz davor, meinen Namen zu ändern – und aus meinem Bradshaw-Bunker auszubrechen.

Fake it ‘til you make it (out of the bunker). #KimmySchmidt

Posted by Unbreakable Kimmy Schmidt on Dienstag, 8. Dezember 2015

 

Sicher ironisch, dass ich ausgerechnet im perfekten „Sex and the City“-Alter darüber nachdenke, ob ich euch „Sex and the City“ und das Versprechen, dass Mister Big irgendwann kommt, beziehungsweise zur Einsicht, überhaupt noch verkaufen kann. Vielleicht ist das nach dem letzten Sommer aber auch einfach verständlich.

Tatsächlich war ich in den letzten Wochen eher der Meinung, Jessica Jones zu sein: verhinderter Superheld, der in einer grauenvollen Wohnung in einer lauten Gegend mitten in der Stadt wohnt, und sein Leben damit verbringt, die ganz große Katastrophen, zum Beispiel Männer, die deine Gedanken kontrollieren, abzuwenden – und nebenbei versucht, einen knallharten Job zu bewältigen.

Großartige Eigenproduktion

Im Grunde meines Herzens entdeckte ich heute Nacht dann das Kind in mir wieder, das zwar nicht in einem Keller in Indiana, aber in einem durchschnittlichen Haus auf dem Land aufwuchs. Lange bevor ich „Mach Big-City-Beats – und tanze auf vielen ultra-coole Schuhe auf möglichst vielen Hochzeiten“ in den Mittelpunkt meiner Existenz rückte. Plötzlich sah ich ein, dass noch eine ganze Menge vom Durchschnittsschmidt in mir steckt: Kimmy Schmidt, die immerhin Sneakers trägt.

„Unbreakable Kimmy Schmidt“ ist eine dieser großartigen Eigenproduktionen mit unglaublich spitzen Dialogen, für die allein Schweden Netflix endlich den Literaturnobelpreis verleihen sollte: „Sex and the City“ ohne Sex, „Natürlich blond“ ohne Blondine, „Die Nanny“ ohne die Nanny, „Bridget Jones“ ohne Übergewicht und „Gossip Girl“ ohne heiße Typen wie Nate – das perfekte Late-Night-Programm für alle, die unbedingt mal über die eigene Unbedeutsamkeit lachen müssen.

Wer ist Kimmy Schmidt?

Kimmy Schmidt ist eine Maulwurfsfrau. Sie wurde als Teenager von einem Sektenführer gekidnappt und 15 Jahre lang mit drei anderen Frauen in einem Keller unter Indiana gefangen gehalten. Kurz vor ihrem 30. Geburtstag kommt sie frei, beschließt postwendend, in New York ein neues Leben zu beginnen. Sie zieht zu einem schwulen Schauspieler in eine grauenvolle WG mitten im Problemviertel und verdingt bei einer neureichen Upper-Eastside-Family als Nanny. Schnell lernt sie Erste-Welt-Probleme, die Mechanismen, Vollidioten abzuwehren, und die Herausforderungen, zwischen Google und Smartphones zu überleben, kennen.

Im Gegensatz zur von Alltagsphilosophie getrieben Carrie Bradshaw und zur von Aufopferung geleiteten Jessica Jones löst sie ihre große Aufgabe mit herrlicher Natürlichkeit und Naivität. Sie ist weder auf der Suche wie Bradshaw, noch versucht sie wie Jones, irgendetwas wieder gut zu machen. Sie ist nicht vorbelastet oder verdorben. Sie nullt ihr Leben mit dem Ankommen in New York und lässt den Rest einfach auf sich zukommen. Ein Weg, auf dem sie ihre Weltfremde nutzt, um sich allein auf den Glauben auf das Gute im Menschen allein zu verlassen. Kimmy ist ukaputtbar – im Gegensatz zur dauerheulenden Carrie und zur trinkenden Jessica.

We survived another week. IT’S A MIRACLE! Celebrate accordingly, and get #SchmidtFaced this weekend.

Posted by Unbreakable Kimmy Schmidt on Freitag, 23. Oktober 2015

 

Der Befreiungsschlag

Mit Unbreakable Kimmy Schmidt“ hat Autorin Tina Fey („30 Rocks“, „Saturday Night Live“, „Mean Girls”) eine neue Benchmark für Around-Thirty-Comedy geschaffen, die etwas Wunderbares leistet: Es fühlte sich nie cooler an, einfach der Durschnitt zu sein, beziehungsweise selten hoffnungsvoller. Ein Befreiungsschlag! Übrigens auch für alle, die bisher der Meinung waren, dass zum guten Schnitt mindestens Mister Big gehört – oder das Superhelden-Potenzial. Seid älter, seid weiser, seid Kimmy Schmidt :)

A true foot slut never ages.

Posted by Unbreakable Kimmy Schmidt on Mittwoch, 19. August 2015

 

Today, I feel so Schmidt,

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Mehr aus meinem Tagebuch – HIER!

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