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Nach den Sternen greifen

Veröffentlicht: Sonntag, 14. September 2014

Als Kinder waren wir dem Himmel selten näher als auf einer Schaukel. Daran hat er mich erinnert. Ich weiß nicht, ob wir dem Mond oder dem Berliner Fernsehturm entgegen schaukelten, aber es war an diesem Abend in Berlin-Mitte, an dem ich endlich wieder meine Mitte fand. Definitiv. Nach Monaten voll Stress und Anspannung, voller Spannung, ob ich mich nicht nur hochgeschaukelt hatte, sondern wirklich oben bleiben sollte.

Die Schaukel steht für so viele Dinge. Für das Abheben, für die Geschwindigkeit des Aufstiegs und das Greifen nach den Sternen – oder wie in dieser Nacht nach dem Mond. Aber sie steht eben auch dafür, den Absprung zu wagen – oder zu schaffen, bevor wir uns überschlagen. Den ganzen Nachmittag über hatte er mir demonstriert, was Leichtigkeit ist. Wie leichtfertig wir vergessen, dass diese Momente in unserer Mitte wichtig sind.

Zuerst beim Spielen mit den Hunden im Park, dann beim Barbecue im vietnamesischen Restaurant, letztendlich auf der Schaukel. „Komm runter“, sagte er. „Bin ich doch längst!“, antwortete ich. Und das war wahr. Vor genau neun Stunden waren sechs Monate Stress endlich von mir abgefallen. „Tust du mir einen Gefallen?“, fragte ich, während wir von der Schaukel stiegen und Richtung Wiese liefen, „wenn ich dich das nächste Mal anrufe und sage, dass ich irgendetwas nicht schaffe, dann erinnere mich an den Moment, an dem wir so hoch schaukelten, dass ich mit den Füßen den Himmel berühren konnte?“

Er zwinkerte mir zu. Wir lagen noch eine Weile auf einer Wiese. Und da war nur noch der Mond über Berlin und alles andere weit weg. Unendlich weit weg. „Tust du mir auch einen Gefallen?“, flüsterte er. „Bleib mal unten. Wenigstens für eine Woche. Alles kommt wie es kommen soll.“ Und das war wahr. Nicht nur, weil wir bald Klarheit haben sollten, vor allem, weil wir uns bald wieder sehen sollten. In meiner Stadt.

Die neue Woche begann im ICE. Statt zu arbeiten, schaute ich nur aus dem Fenster und träumte in die Nacht hinein. Wahr ist, dass es Zeiten gibt, in denen wir uns hochschaukeln müssen. Wahr ist auch, dass wir den Absprung nicht verpassen sollten. Weil auf dem Boden der Tatsachen die wirklich wichtigen Dinge warten. Neben der Kunst, der Karriere und dem Kampf um coolen Content. „Ja, ich habe es wirklich geschafft“, dachte ich, als ich ihn Hamburg aus dem Zug stieg. An diesem Abend noch ein wenig mehr als ich vor sechs Monaten gedacht hätte.

Manchmal braucht es Menschen, die dir Schaukeln beibringen, damit du runter kommst, wenn du abhebst, um nach den Sternen zu greifen. Zumeist sind diese Menschen Freunde.

Up we fucking go,

Brad Unterschrift

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