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MTV wird 30 – Der Coolnessfaktor ist weg!

Veröffentlicht: Freitag, 29. Juli 2011

Dass neben Queen auch Abba zu den Pionieren der Videoclip-Kultur zählen, wundert nicht. Die schöne Agnetha Fältskog fand Tourneereisen nämlich grässlich. Und das ist noch gelinde ausgedrückt. Schnell entdeckten viele Musiker, dass sie sich mit einem Video nicht nur lange Flüge sparen konnten. Das neue Medium eröffnete außerdem Möglichkeiten, sich besser in Szene zu setzten als in den Fernsehstudios der Siebziger Jahre. Die überließ man fortan Mireille Mathieu. Weil das Kabelfernsehen in den USA damals boomte, wurde schließlich MTV geboren.

Nächste Woche wird der Sender, der einst die Musikwelt revolutionierte, 30 Jahre alt. Doch sein Glanz ist lange dahin. „Wie keine anderer prägte MTV die Achtziger und regierte die Neunziger“, heißt es bei der Deutschen Presseagentur. Heute geht es ihm wie allen Around-Thirtys: Der Lack ist ab, der Coolnessfaktor zerronnen. Übrigens auch der Zusatz „Music Television“ im Logo. Nicht ohne Grund.

Bibel in bewegten Bildern

Bevor Reality-Trash wie „Flavour of Love“ das Programm eroberte, war MTV für nach Orientierung suchende Teenager mehr als nur ein Sender. MTV war eine Bibel in bewegten, bunten Bildern mit schnellen Schnitten: Modemagazin, Kulturprogramm und Lebenssoundtrack simultan. Künstlern wie Madonna oder Michael Jackson wäre der Aufstieg zum Megastar ohne MTV sicherlich nie gelungen. Jacksons bahnbrechender Clip zu „Thriller“ (HIER) oder Madonnas legendärer Video-Music-Awards-Auftritt 1984, während dem sie sich zu „Like a Virgin“ im Hochzeitskleid sexy am Boden räkelte (HIER), – bei MTV wurde Glamour gemacht, fanden Pop-Mythen ihren Kanal zur Welt.

Die “European Top 20″ und andere Kultsendungen

Ich kenne eigentlich niemanden, der Mitte der 90er Jahre auch nur eine Ausgabe der European Top 20 verpasste – dem wöchentlichen Eurovision Song Contest der Jugend (mehr HIER). Um zuzusehen, wie vergötterte VJs in coolen Klamotten betont agil in der Blue-Box herum hüpften und Europas großen Musikcountdown herunter zählten. Jeden Samstag zwischen 19 und 21 Uhr.

Ich erinnere mich, dass ich meinen ersten Kuss mit meinem ersten Freund genau in dem Moment startete, in dem Loonas „Bailando“ (Video HIER) in den Top 20 Aerosmith’ „I don’t wanna miss a thing“ (Video HIER) von der Pole-Position verdrängte. Nebenbei blinzelte ich auf den Fernseher. Selbst in lustvollen Momenten wollten Teenager ihr MTV nicht verpassen.

„I want my MTV”, sang Sting bereits 1985. Wir wollten auch. Beispielsweise Sendungen wie MTV’s Most Wanted mit Kultmoderator Ray Cokes, dessen Stimme mir immer noch im Ohr klingt. Bei ihm gingen die Stars der Ära ein und aus. Von Take That über East 17 bis zu Lucilectric, die ihren Deutschpop-Hit „Mädchen“ bei Ray in der englischen Version „Girlie Girl“ sang.

Leute aus ganz Europa wurden per Telefon in die Sendung geholt. Man fühlte sich so nah! Wie gefesselt saßen wir vor der Mattscheibe, wenn die Sendung „3 from 1“ gleich drei Hits unseres Lieblingskünstlers im Teletext angekündigt hatte – den Finger auf der Aufnahmetaste des Videorekorders. Gerade in Deutschland beliebt: der „Coca Cola Report“ mit Kristiane Backer. Unserer Kristiane. Die erste deutschen VJane, die Petra Schürmann unserer Generation.

Das Ende kam mit „MTV Hot“

Der Niedergang von MTV Europe begann 1997. Als Christian Ulmen die Moderation von „MTV Hot“ übernahm. Erst noch auf Englisch, schnell in seiner Muttersprache. Auf einem Regionalsender: MTV Germany. Schnell brachen noch Klingeltonwerbungen, Zeichentrickserien und schließlich die amerikanischen Reality-Formate über den Sender herein. Produktionen die schlechter waren als „Beavis and Butt-Head” oder „Jackass“. Das war’s dann.

Nach dem Millennium war MTV nur noch dann Gesprächsthema, wenn sich Britney und Madonna im Rahmen der Music-Awards küssten (mehr HIER) oder Kanye West Tylor Swift von der Bühne scheuchte (mehr HIER).

Ich habe zu einer Zeit angefangen MTV zu schauen, als Ace of Bases „All that she wants“ (Video HIER), Janet Jacksons „That’s the way love goes“ (Video HIER, Jennifer Lopez tanzt im Background!) und Two Unlimiteds „No Limit“ auf Heavy Rotation gefahren wurden. Glorious times!  17 Jahre später ist MTV lediglich ein Sender, für den niemand ernsthaft Pay-TV-Gebühren zahlen würde.

Youtube hat MTV den Rang abgelaufen

„Video killed the radio star“ (Video HIER) war der erste Titel, den der Sender am 1. August 1981 ausstrahlte. Inzwischen hat neben der zweifelhaften Programmzusammenstellung auch das Internet MTV den Gar aus gemacht. Stars wie Justin Bieber oder Glee-Sängerin Charice wurden bereits auf Youtube geboren – und tauchen heute eher nebensächlich zwischen „Flavour of Love“ und „Next!“ auf MTV auf. Andere kommen durch Casting-Shows zu Aufmerksamkeit wie Leona Lewis.

Geblieben sind Erinnerungen

Geblieben sind die Erinnerungen an ganze Wochenenden mit Ray Cokes, Kristiane Backer oder Simone Angel. Und die Gewissheit, dass die 30 auch angesagte Phänomene der Popkultur eiskalt erwischt.

Der Coolnessfaktor ist weg. Laut der Deutschen Presseagentur besitzt beispielsweise die Serie Two and a Half Men diesen aber noch. In einer Folge sagt Jon Cryer, er und sein Bruder seien nicht mehr so jugendlich, „so MTV“. Der andere, gespielt von Charlie Sheen, guckt ihn entsetzt an und erwidert: „MTV? Sag’ mal, haben sie Dich gerade aufgetaut?“

Stay tuned,

Mehr Nostalgie: ein “Streifzug durch die Neunziger” HIER oder das “Lexikon der Jugendsünden” HIER!

Kommentare

  1. Gepostet von Michi am Freitag, 29. Juli 2011

    Recht hast du! Ich habe Most Wanted auch geliebt. Und cooler Blog!!!

  2. Gepostet von Brad am Freitag, 29. Juli 2011

    Hey, das freut mich. Falls du ihn gerade erst entdeckt hast… viel Spaß beim Stöbern ;) *Brad*

  3. Gepostet von Milli am Montag, 1. August 2011

    OMG. Wir hatten Anfang der 90er keine Schüssel. Teen-Milli besuchte also brav ihre Freundin und bannte (nein, nicht brannte…) die Clips auf eine VHS-Kassette fürs Videogerät zuhause. Runaway Train von Soul Asylum oder Dreamlover von Mariah Carey … Nicht zu vergessen das phänomenale MTV unplugged mit Nirvana. Good old times ;)

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