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Mit etwas Abstand sieht nicht alles besser aus

Veröffentlicht: Sonntag, 21. August 2016

Schnell gelt er sich noch einmal die Haare. Ich muss mir einfach nur die Kappe zurechtrücken. „Rück noch ein wenig weiter zu mir“, sagt er und legt seinen Arm locker über meine Schulter. „Sieht besser aus“, signalisiert uns der Fotograf mit einem Handzeichen. Zwei, drei Einstellungen später ist das Bild im Kasten.

Das muss im Sommer 2008 gewesen sein. Beziehungsweise weiß ich es. Weil ich mich noch ganz genau daran erinnere, dass im Studio „Stark“ von „Ich & Ich“ in der Dauerschleife lief. Ich und er waren beste Freunde. Beziehungsweise würde ich ihn noch heute als einen meiner besten Freunde bezeichnen.

Seit ich nach Hamburg gezogen bin, hängt besagtes Foto neben vielen anderen Erinnerungen ausgedruckt an meiner Küchenwand. Ich sehe es morgens flüchtig, wenn ich noch im Halbschlaf in die Küche torkele um mir einen Kaffee zu machen. Wäre es 2016 entstanden, hätte es sich auf meiner Facebook-Pinnwand bereits wieder verflüchtigt. Das hätte auch der angenommene Hashtag #goodtimes nicht verhindert können.

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Manchmal, wenn ich morgens mit dem ersten Kaffee am Küchentisch sitze, schaue ich dieses Bild an und frage mich, wann sich diese Vertrautheit verflüchtigte; sich diese Enge auflöste, die mir von der Wand entgegen lacht. Ja, wir würden uns noch immer anrufen, wenn es wirklich drückt. In der Theorie. In der Realität war meine Welt längst weit von seiner abgerückt – oder umgekehrt. So genau weiß man das ja nie.

Weil sich gute Zeiten ändern können, manchmal auch ganze Lebenswelten. Eventuell im Laufe eines Jahres, manchmal in einem ganz bestimmten Moment. Plötzlich fliehen sie sich. Aus Scham, aus Wut, meistens, weil dir jemand aus der anderen Welt einen Spiegel vorhält, wenn du dich gerade selbst nicht sehen magst. Manchmal weil bestimmte Zeiten erfordern, dass du vor allem auf dich selbst schaust.

Auf dem letzten Bild, das uns gemeinsam zeigt, scheinen sich augenscheinlich nur Kleinigkeiten geändert zu haben. Er lässt sich die Haare inzwischen ins Gesicht fallen, ich trage Snapback. Wir sitzen etwas weiter auseinander, denke ich, während mein Blick lächelnd über das Foto fährt. „Auf die alten Zeiten“ steht darüber. Das klingt nostalgisch-schön, aber eben auch ganz schön bittersüß.

Auf die alten Zeiten… Impliziert irgendwie, dass die Dinge mal besser standen. Zwischen ihm und mir. In den #goodtimes. Und das stimmt. Wahr ist auch, dass wir immer die Wahl haben: Wir können Worte um der alten Zeiten willen so stehen lassen, oder sie gerade rücken. Ich entschied mich, beim nächsten Foto wieder näher heranzurücken. Irgendwann hatte ich auch die Worte gefunden, um ihm das mitzuteilen.

Unser Treffen kostete mich Kraft. Ich bin mir sicher, er hat das gemerkt – weil er mich seit 15 Jahren in allen Lebenslagen kennt. Bereits an meinem verunsicherten Blick, als er plötzlich jemandem vor dem Club fragte, ob er kurz ein Foto von uns machen könne. Könnte, hätte, müsste… Manchmal steckt man eben nicht drin, sondern nur in seiner eigenen Welt. Wir hatten beide unsere Gründe. Ich bedauere meine nicht. Nur diesen Abstand.

„Ich weiß, du hasst Silbermond”, schrieb er mir am nächsten Tag. Und schickte mir „Das Leichteste der Welt”. Ich grinste und summte „Stark” vor mich hin. Ja, wir können die Dinge mit der gleichen Kraft gerade rücken, mit der wir sie auseinander gerissen haben. Allerdings fühlt es sich manchmal sicherer an, behutsam näher zu rücken.

Das Gute an sozialen Netzwerken ist, dass sich ein Foto samt Text innerhalb weniger Stunden von deiner Facebook-Wand verflüchtigt. Das Bild, das uns 2008 zeigt, hängt immer noch an meiner Wand. Aus #gutemgrund.

Du denkst ich hab alles im Griff und kontrollier’ was geschieht?

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