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Mario Gallas Buch-Performance: Model spricht über sein erstes Mal und seine Behinderung

Veröffentlicht: Sonntag, 16. Oktober 2011

Sein erstes Mal hatte Mario Galla dort, wo der Himmel stets voller Geigen hängt: in Paris. „Sie verschwenden meine Zeit. Dass Ihre Agentur Sie überhaupt zu mir geschickt hat!“ Weniger später ist er wieder in seinem Hotelzimmer. Verstört statt romantisiert. Der Job auf der Fashion Week ist geplatzt. „Bis der Designer meine Orthese sah, war alles in Ordnung“, erzählt das deutsche Topmodel (26) seinen Zuhörern. Dafür habe er eine andere Erfahrung mitgenommen: „Nie zuvor hatte mich jemand wegen meiner Behinderung so offensichtlich diskriminiert.“

Alles für den Modeljob: Solarium-Verbot und Frauensport

Wer – so sagt es der Titel seiner Biografie – „mit einem Bein im Modelbusiness“ steht, der steht – so sagt es das Klischee – gleichzeitig mit einem Bein im Fitnessstudio. Im Fall von Mario Galla ging es allerdings nicht darum, fit zu werden. Das war er bereits, als ihn jener Modelscout zufällig an einer Frittenbude aufgabelte (mehr HIER).

Aufgrund meiner Behinderung habe ich immer viel trainiert, um Muskeln als Ausgleich aufzubauen“, sagt er. Seiner zukünftigen Modelagentur war das Ergebnis allerdings ein wenig zu viel Mario.

Ich tummelte mich fortan nur noch bei den Frauen auf dem Stepper. Drei Monate später war ich von 90 Kilo auf 77 runter. Und da ich mich auch an das Solarium-Verbot gehalten hatte, nahmen sie mich schließlich in ihre Kartei auf.“

Marios erste Lesung: Nervosität macht sich breit

 

Die Zuhörer im Kelkheimer Kino hängen an Marios Lippen. Den Tag über hat er „Mit einem Bein im Modelbusiness“ (im Mosaik-Verlag erschienen) gemeinsam mit Autor Lars Amend auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert (mehr HIER). Den Abend nutzt er, um es live vorzustellen. „Es ist meine erste Lesung“, sagt er fast schüchtern.

Noch wenige Minuten zuvor hatte er im Foyer Bücher signiert; sich ablichten lassen; sich bei einem Gläschen Sekt nett unterhalten. Jetzt kommt die Nervosität durch. „Der beste Vorleser bin ich nicht“, gibt er zu. Und beginnt sogleich wieder frei Schnauze aus seinem Leben zu erzählen. „Freestyle eben.“

Ein ganz normaler Junge: Fliegen wie Magic Johnson

In seiner Familie hat Mario, der wegen einer Krankheit von Geburt an einen verkürzten Oberschenkel hat, sein Anderssein stets als normal empfunden.

Man hat mir nie gesagt, dass ich anders leben muss als meine Freunde“, erinnert er sich.

So habe auch er sich selbst nie ein Limit gesetzt, wollte fliegen wie Magic Johnson. Im heimischen Hamburg spielte er Fußball. Lachend erzählt er, wie seine Orthese während eines Matches vor dem Tor zerbarst. Oder von seiner Zeit als ambitionierter Basketballer: „Auf eine ‘unauffällig’ hautfarbene Gehhilfe hatte ich keine Lust“, stellt er klar. Das hätte etwas von „Er versucht seine Behinderung zu kaschieren, schafft es aber nicht“-Peinlichkeit gehabt.

Meine Orthese sollte so auffällig wie möglich sein. Jeder in der Halle sollte denken: Man, so was will ich auch haben.“

Inzwischen hat Mario aufgehört, offensiv Missionarsarbeit zu leisten.

Für Menschen ohne Behinderung ist sowieso alles, was ich mache, ein big deal!“

Fashion, was ist das?

Über viele Jahre hatte Mario viel mehr Berührungspunkte mit dem Sport als mit der Mode.

Das einzige Label, das ich kannte, war Hugo Boss. Aber nur, weil die Marke in Deutschland so bekannt ist wie BMW.“

Mit dem Einstieg ins Modelbusiness sollte sich das schnell ändern. Im Nachhinein betrachtet, wurde er trotzdem behutsam in das neue Leben eingeführt. Sein erster Kunde war nämlich ausgerechnet Hugo Boss!

 

Das wahre Model-Leben ist nicht so fies wie Heidi Klum

Am Vorabend der großen Show – einer Jahrespräsentation vor Prominenten und Großkunden des Labels – bekam Mario erste lebhafte Eindrücke vom Leben hinter den Laufsteg-Kulissen. „Die Kollegen feierten und demolierten die halbe Hotel-Lobby. Ah, so geht das also ab“, dachte er sich. Befremdlich ging es später gleichfalls auf seinem Zimmer zu. Als sich ein Hausangestellter erkundigte, ob Mario noch etwas essen wolle, habe er die Fürsorge zuerst für eine Fangfrage gehalten.

Models und essen? Ich befürchtete, dass das wie bei ‘Germany’s next Topmodel‘ ablaufen würde: Eine falsche Antwort und du bist raus.“

Ich gucke auch hin, wenn etwas anders ist“

Mario fängt wieder an zu schmunzeln, wenn er vom Folgetag erzählt. Beim Fitting mit den Boss-Mitarbeitern sei dem Kunden nämlich erst aufgefallen, dass etwas an Mario anders ist. Er ließ die Hosen runter. „Meine Agentur hatte nicht kommuniziert, dass ich nur ein Bein habe“, sagt er. „Ich hielt das für falsch, konnte aber nichts mehr daran ändern.” In lustigen Bildern beschreibt er die verdutzten Gesichter der Stylisten.

Ich konnte in ihnen lesen: Was ist das bitte für ‘ne freakige Scheiße?“

Das Model zeigt Verständnis: „Ich schaue selbst hin, wenn etwas anders ist.“ Letztendlich war das Label sehr zufrieden mit seiner Neuentdeckung. Und die kämpfte sich in der Branche weiter nach oben. „Klar, die Behinderung hat mich immer wieder Jobs gekostet“, sagt Mario.

Wenn jemand einen blonden Jungen ohne Behinderung buchen kann, warum sollte er mich nehmen? Ich stelle für viele einen Risikofaktor dar, weil wenige über Erfahrungswerte mit Menschen verfügen, die ein Handikap haben.

Durchbruch bei Michalsky

Michael Michalsky hatte keine Berührungsängste.

Er holte sich Mario Galla von einem Casting persönlich in seine Show auf der Berlin Fashion Week.

Für den deutschen Designer lief dieser in der Hauptstadt sogar mit kurzen Hosen über den Catwalk. Die Resonanz war gewaltig.

Nach einem RTL-Beitrag hatte ich die ersten 500 Freundschaftsanfragen bei Facebook.”

Und die Frauen? “Läuft!”

Das Interesse riss nicht mehr ab. Auch in Kelkheim ist das zu spüren. Fasziniert löchern die Besucher der Lesung den Stargast. Von „Sind Models dumm?“ bis zu der Frage nach den Frauen. „ Das läuft“, gibt Mario Auskunft, ob es ihm wegen seiner Behinderung schwer falle, Frauen kennen zu lernen. Neuerdings verweise er sie direkt an Amazon.

Ich bin der Mario. Mein Buch kannst du gleich im Internet bestellen!“

Mario lacht. „Ja, ich verkloppe meine Biografie direkt im Club.“ Dann wird er kurz ernst. „Selbstverständlich ist es gerade beim Kennenlernen wichtig, offen mit seiner Behinderung umzugehen.“

Models brauchen ein dickes Fell

Die Orthese (mehr bei Wikipedia HIER) ist Marios kugelsichere Weste. Mit ihr fühlt er sich sicher. Der Rest ist Kopfsache. „Als Model brauchst du mit oder ohne Behinderung ein dickes Fell, um mit Ablehnung klar zu kommen“, stellt er fest. „Zum Glück habe ich Freunde, die mich nach Enttäuschungen auffangen.“

Prinzipiell ist er stolz auf seinen Körper. Anders, betont er, könne er kaum in seinem Beruf arbeiten. Eine große Sache macht er aus dem Broterwerb ohnehin nicht. „Wenn ich Leute kennenlerne, erzähle ich lieber von meinem Studium.“

Model und Buchautor

Nicht nur auf den internationalen Laufstegen legt Mario Galla derzeit einen frischen Durchmarsch hin.

„Mit einem Bein im Modelbusiness“ kommt super an. Gerade für Menschen mit Behinderung ist sein Beispiel besonders wertvoll. „Mich rührt es, wenn mir jemand schreibt, dass ich ihm Mut mache“, sagt er.

Dennoch fühle er sich manchmal überfordert, Lebensratschläge zu geben. „Ich bin doch selbst erst 26. Und leider habe ich weder Medizin noch Philosophie studiert.“

Ich bin sicherlich kein Opfer“

Mario hat sich nie als Opfer gesehen. Lange hatte seine Mutter mit der Krankenkasse gekämpft, damit er eine Orthese bekam, mit der er nicht nur gehen, sondern auch Sport treiben konnte.

Letztendlich gaben sie nach, weil sie merkten wie sehr ich darum kämpfte.“

Heute gehört eine große deutsche Krankenkasse zu seinen Kunden (mehr HIER). Die Mitarbeiter empfinden ihn nicht mehr als finanzielle Belastung, sondern als Gewinn. Sie nutzen seine positive Lebenseinstellung, um Jugendliche zu begeistern. Im AOK-Projekt „Vigozone“ hat Mario gerade die Nachfolge von prominenten Paten wie Samy Deluxe und Clueso angetreten.

Der Rest ist nachzulesen

Nach zwei Stunden hat Mario Galla die mit gelben Post-Its markierten Passagen abgearbeitet. „Lars hat mich gleich zur Feuertaufe gezwungen, richtig viel zu lesen“, sagt er. Der Autor nickt. „Wir haben uns tagelang eingeschlossen, um zu erzählen“, beschreibt Amend die Entstehung des Buches. An diesem Abend will er den Gästen möglichst viele Recherche-Ergebnisse bieten. „Übrigens haben wir uns über Facebook kennen gelernt.“ Der Rest ist nachzulesen.

Zweimal Pommes, bitte!

Nach Lesungsende noch ein kurzer Plausch mit Mario, dann geht’s aus dem Taunus zurück Richtung Frankfurt.

Der Hunger kommt, McDonald’s naht. Oder doch der Chinese gegenüber?

„Nein“, sage ich zu Sven. „Wir bestellen Fritten und warten am Tresen, bis wir entdeckt werden.“ Natürlich hat mir Mario gerade ein Exemplar seines Buches signiert. Ob ich gestern noch bei Ford Models unterschrieben habe?

Who knows,

Mehr über Marios Buch – HIER!

Auch Daniela Katzenberger war auf der Buchmesse – HIER!

Warum sehen Models so gut aus? Christian Deerberg beantwortet eure Beauty-Fragen – HIER!

Mehr zur Lesung – HIER!

Kommentare

  1. Gepostet von Ahmet am Freitag, 14. Oktober 2011

    Moin. Ich habe das Buch gelesen. Sehr beeindruckende Vita! Die Hamburger rocken eben. Alles Gute, Mario! Mehr Swag :)

    Ahmet

  2. Gepostet von Perry am Freitag, 14. Oktober 2011

    respekt !

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