Machs dir selbst

Mach’s dir doch selbst, Digga!

Veröffentlicht: Sonntag, 12. Mai 2013

Seit wir erwachsen sind, geht es immer nur noch darum, es sich zu besorgen. Den richtigen Mann, den richtigen Job und falsche Brüste. Und heute gilt umso mehr: Wer es sich vor allem von anderen besorgen lässt, wird schnell als faul beschimpft. Oder als nymphoman. Inzwischen leben unzählige DIY-Blogs („Do it yourself“) davon, uns zu erzählen, wir wir am besten selbst Hand anlegen. Ans Leben.

Auch meines gewann an Schwung, als ich beschloss, es mir wieder selbst zu machen. Ohne sexy Lebensberater und Psychiater. Und natürlich ohne weiterhin irgendwelche Affären zu haben mit Alkoholikern, Workaholics, Beziehungspanikern, Spannern, Größenwahnsinnigen, emotionalen Flachwichsern – und Perversen.“ Statt Deppen zu daten, versuchte ich in der Volkshochschule Tassen zu töpfern, Stulpen zu stricken und Kohl zu kochen. Das war cool. Und einsam.

Nach wenigen Wochen hatte ich zerfurchte Fingernägel, Fettflecken in den Shirts und die Schnauze voll. Ich begann wieder, Schnecken zu checken. Nur anders. Denn in der Einsamkeit von Hobbyraum und Kursküche hatte ich eins gelernt: Es geht bei DIY gar nicht darum, mit frisch zubereiteten Fressalien zu verführen, sondern darum, „die eigene Kraft als Triebfeder für Veränderungen zu sehen“. Und dann traf ich dich. Im Baumarkt.

Vielleicht hast du bereits gemerkt, dass unsere Beziehung anders ist als die Beziehungen, die du oder ich wahrscheinlich zuvor geführt hatten. Du musst mir keine Schränke aufbauen, Spinnen aus meinem Wohnzimmer tragen oder die engen Parklücken übernehmen. Aber du musst auch nicht mit mir „Germany’s next Topmodel“ gucken, so tun als schmeckte dir mein Essen oder mit mir schlafen. Bevor du dich abends umdrehst, musst du einfach nur fünf Minuten mit mir knutschen. Den Rest mach ich mir dann selbst. Zuhause.

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Wer hätte gedacht, dass es so perfekt laufen würde zwischen dir und mir? Damals in der Heimwerkerabteilung. Zwischen Nägeln, Muttern und Gewinden. Du hast bestimmt gedacht, dass bei mir ein paar Schrauben locker sind, als ich dir dreist das Smartphone aus der Hand riss, um meine Nummer einzutippen. Aber du hast angerufen. Und manchmal, wenn ich an mein altes, fremdbestimmtes Leben denke, bin ich froh darüber: die großen Romanzen, die gefangen Brautsträuße, das ewige Hand in Hand, wenn ich eigentlich gerade eine SMS schreiben wollte…

Mit dir ist das anders. Ich habe mir deine Freunde selbst vorgestellt, deinen Eltern bei Facebook bereits alles Wichtige über mich geschrieben und vorgestern deine Katzen ins Tierheim gebracht. Wir führen eine dieser perfekten Nicht-Beziehungen, in denen jeder tun kann, was er will; in denen niemand dämliche Fragen stellt; in denen wir uns blind verstehen, weil wir nichts sprechen, was von Belang sein könnte. Aber war ich nicht mal blind vor Liebe?

Es war auf einem dieser langen Heimwege vom Süden in die Mitte der Stadt, als mir klar wurde, dass mein Problem nie darin lag, Männer zu zwingen, „Germany’s next Topmodel“ zu schauen. Es lag tiefer. Und es kostete mich sechs längst überfällige Sofa-Sitzungen mit meinem sexy Psychiater, um die Hintergründe meiner Abgründe zu verstehen: Im Grunde will ich, dass du die engen Parklücken übernimmst, dass du Spinnen aus meinem Wohnzimmer trägst und meine Schränke aufbaust. Weil ich erobert werden will, weil ich eigentlich nur in der Heimwerkerabteilung war, um einen sexy Heimwerker mit heim zu nehmen. Ich habe gar keinen Werkzeugkasten.

Und nicht mehr alle Tassen im Schrank“, wirst du denken, wenn du das liest. Weil ich auf Independent Woman gemacht habe, damit du dich nicht eingeengt fühlst, verpflichtet oder gar gebunden. Und ja, ich liebe dich. Und ich würde mir wieder Fesseln anlegen lassen, freitags früh ins Bett gehen, samstags sonderbare Pärchen zum Dinner treffen und sonntags solide „Tatort“ schauen. Ich würde dir Bier besorgen, den Abwasch und danach besorg’s mir! Scheiß kurz auf den halb aufgebauten Schrank, die Spinnweben und die enge Parklücke. Weil ich am Tag an dich denke, nachts von dir träume und weil ich’s mir einfach nicht mehr selbst machen will.

Denn das ist das Problem an DIY: Selbstbefriedigung macht blind. Dann lieber blind vor Liebe.

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Don’t be blind & stay fashionable,

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