sms

kurz runtergerattert / Sonntagsfrauen #Exposé

Veröffentlicht: Donnerstag, 18. September 2014

(…) Meine Freundin Désirée ist alleinerziehend und datet neuerdings einen Hammertypen mit Hammerarmen und himmelblauen Augen. Der heißt Max. Ich bin eifersüchtig. Denn ich date einen Kevin. Kevin ist – wie der Name es vermuten lässt – eine maximale Vollkatastrophe. Wir haben sowas wie eine Fickfreundschaft. Früher hieß das „Affäre“, neudeutsch sind wir „Fuckbuddys“. Aber Fickfreundschaft trifft es ganz im Kern.

In der Öffentlichkeit nenne ich diesen Ist-Zustand lieber „Nicht-Beziehung“. Da ich in der Wahrnehmung der anderen lieber eine Nicht-Beziehung habe als gar keine Beziehung. Beziehungsweise meine ich einfach, dass man mit 33 wenigstens irgendeine Beziehung haben sollte, außer zu Wodka. Bevor man noch als Bestie gilt, als einer, der nicht richtig tickt.

Tatsächlich höre ich nur meine biologische Uhr ticken. Jungs haben die ebenfalls. Tick-Tack! Weil man eben auch als Mann schauen muss, dass man einen Ring am Finger hat, bevor die Augenringe zu Tränensäcken mutiert sind. Zumindest das habe ich kapiert. Auch, dass ich quasi auf einer tickenden Zeitbombe sitze, die jedes Mal los geht, wenn mir ein Arzt Anatomie erklärt – oder ein Fußballer die Abseitsregel. Dann brennen mir die Sicherungen durch. In Wahrheit bin ich Anatomie-Experte – und natürlich kenne ich die Abseitsregel: Zeig beim ersten Date zu viel Anatomie, und du begibst dich direkt ins Abseits.

Aber auch das habe ich kapiert: Gib Männern das Gefühl, dir überlegen zu sein, und sie legen dir den Himmel zu Füßen. Funktioniert fast immer – nur nicht beim SMS schreiben. Das kennen wir schon. Desi kennt Männer wie ihre Westentasche. Sie war bereits verheiratet. Irgendwann zwischen ihrer Scheidung und Max hat sie mal beschlossen, keine eitlen Ekel mehr für 30 Euro pro Monat über Elitepartner zu daten, sondern Kerle kostenlos über die Jobbörse Xing klar zu machen.

Ihr Bekenntnis drei Monate später: Nur weil ein Typ auf seinem Profilfoto mal ein Hemd trägt, hat er noch lange keine weiße Weste. Wie dieser Franzose, der sein Herz leider nicht auf der Zunge, dafür sein komplettes Hirn in der Hose trug. Irgendwann hatte sie ihn sogar so weit, dass er sie nicht mehr nur zum Spaß am Dienstag, sondern auch am Wochenende treffen wollte. Ich zitiere eine SMS: „Er will sich am Sonntag mit mir treffen! Am Sonntag? Ich bin die Sonntagsfrau. Ich wäre lieber die Samstagsfrau. Oder wenigstens die Freitagsfrau. Ich bin berufstätig!“ Merke: Sonntags- bis Donnerstagsfrauen schlafen mit Männern. Freitags- und Samstagsfrauen bleiben über Nacht. Natürlich sagte sie „Ja, ich will“ zum Sonntagsdeal.

So wurde Desi von der Frau, die Dienstags nie kann, zur Frau, die immer konnte, wenn der Franzose rief. Dabei wusste sie ganz genau, dass nichts Fataler ist, als einem Mann alles zu geben. Weil man dann garantiert NICHTS zurückbekommt. Nicht mal eine SMS. Aber wenn er vor ihr stand und so nen Scheiß wie „Isch liebe nur disch“, sagte, schiss sie auf ihr Wissen und ging aufs Ganze. Bis sie feststellte, dass der Franzose ein Zonk war. Fürs wahre Leben als alleinerziehende Mutter eben völlig ungeeignet und mindestens so unerzogen wie mein Kevin, was mich außerhalb des Bettes massiv stört. Das geht jetzt seit 1,5 Jahren so. Meine Freunde sagen, ich sei gestört, Kevin überhaupt noch zu daten. Stört mich nicht. Habe ich eine Wahl?

Ich date seit ich 16 bin. Im November sind das 18 Jahre. Ich habe mich quasi volljährig gedatet – und ende trotzdem immer wieder in einer Vollkatastrophe. Warum also nicht bei Kevin bleiben und wenigstens guten Sex haben? Das „Prinzip Rieke“, nur in desperate. Meine andere Freundin, Rieke, hat nämlich beides – den Traummann und den traumhaften Sex. Manchmal sagt sie so furchtbar naive Sachen wie „Wenn ich mich scheiden lassen würde, nehmen wir das jetzt einfach mal an, ohne Grund, ich wüsste gar nicht mehr, wie Dating geht. Wir sind jetzt 16 Jahre zusammen.“

Dann muss ich mich immer zusammen reißen. Denn Rieke glaubt gar nicht, wie schnell man wieder auf dem Singlemarkt, der in Wahrheit ein großer Viehmarkt ist, ankommt – und wie wenig sich die Regeln in den letzten 16 Jahren verändert haben: Bist du heiß, steigt dein Preis.

Meiner war mal hoch. In den Pionierstagen des Internet-Datings war ich auf einer Plattform angemeldet, die Sixpack-Party hieß. Da musste man sich bewerben. Und ich hatte einen Sixpack! Heute kann jeder überall heiter mitdaten – und die einen profitieren dabei vom Umstand, dass die anderen ihre Suchraster aufgrund vorangeschrittener Verzweiflung nicht wirklich eng fassen. So kommt es immer wieder zu Chatverläufen, die zumindest meinen Vater fassungslos machen würden:

Was würdest du mit mir machen, wenn ich eine Auster wäre?“
Nichts?!“
Würdest du mich nicht essen?“
Pffff. Vielleicht.“
Mit Zitrone oder einfach so?“
Was?“
Ob du mich mit einem Spritzer Zitrone essen würdest?“
Mir egal.“
Würdest du mich zerkauen, oder einfach schlucken?“
Mir egal.“
Echt?“
Alter, ich würd schnell essen, und dich dann…“
Aber wenn ich dann wehrlos in deiner Magensäure zappel würde…“

Mir verging der Heißhunger. Beziehungsweise der Appetit auf Sex.

Daten heißt Dramen ertragen bis dir die Galle hochkommt. Daran hat sich nichts geändert. Nicht einmal im neuen Jahrtausend, das das Dating dank DSL immerhin ungemein erleichterte. 2002 haben wir uns Dates übers Internet nach Hause kommen lassen wie die Spießer nebenan ihr kalorienarmes Sushi und Coke light. Wir waren leicht zu beeindrucken und nicht gerade auf Diät… and dinner was served hot. Always!

Warum auch nicht? In den Nuller-Jahren war sowieso alles oberflächlich gecastet – und null auf Nachhaltigkeit angelegt. Popstars, Superstars, Topmodels und eben auch Abendabschnittspartner. Mal ehrlich: Wir haben Dates konsumiert wie Fast Food. Ohne anschließende Kommunenbildung und ohne Anspruch auf Rebellion gegen das Establishment. Wer zweimal mit dem selben pennte, hatte einfach noch kein DSL.

Heute sind unsere iPhones voll von Dating-Apps. Also UNSERE. Rieke hat nur Wetter-Apps auf ihrem Display. Und in ihrer Welt herrscht immer eitel Sonnenschein. Ich glaube ihr übrigens nicht, dass sie keine Ahnung von Dating hat. Schließlich habe ich eine Standleitung zu ihrem Telefon. Täglich geht mindestens ein verzweifelter Anruf bei ihr ein. Meistens, wenn ich mal wieder seit Stunden auf eine SMS von Kevin warte.

Ohne Rieke wäre ich der Versuchung, mich aus Verzweiflung, wir nennen diesen Zustand einfach weiter „desperate“, vor einen Zug zu legen, schon mehrmals erlegen gewesen. Andererseits: Ohne Rieke und ihre Ideale hätte ich mich viel öfter von Kevin flachlegen lassen. Im Grunde bin ich also nicht sicher, ob ihr Einfluss auf mein Leben nun positiv oder negativ ist. Denn würde ich erstmal auf den Gleisen liegen und Kevin eine Abschieds-SMS schreiben, würde er mich doch sofort retten. Oder nicht?

Ihr seht schon, mein Problem ist folgendes: Ich glaube daran, dass diese Helden wirklich existieren. Und ich will einfach nicht kapieren, dass die meisten Typen nur zum Totalausfall taugen, nicht zum Tafelrunden-Traummann. Damit wenigstens die anderen lernen, habe ich mich entschlossen, die großen Dramen des Datings für alle sichtbar zu machen. Wie Luther seine Thesen – oder der Lehrer Merksätze an der Tafel. Dort, wo sogar die Vollidioten mitlesen können, die mir meine Existenz 30plus ohne Ring eingebrockt haben: im Internet!

Seit ich einen Dating-Blog habe, bin ich quasi zur eine Ikone geworden. Einer Ikone der Verzweiflung. Aber besser als gar keine Ikone. Für die Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist das sowieso egal. Schließlich sind auch die Desperate Housewives Ikonen geworden. Und die sind nun wirklich bemitleidenswert. (…)

INTERVIEWPARTNER zum Thema ONLINE-DATING gesucht!
Mail: brad@bradsticks.com

Antworten

Teil mir Deine Meinung mit. Ich freue mich über Feedback!