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Scheiß auf Kollateralschäden: Das Leben… ist mein Kampf

Veröffentlicht: Samstag, 27. September 2014

Menschen wie ich sind immer auf der Suche nach dem Kick, nach Adrenalin in allen Lebenslagen, besonders in denen, die uns akut langweilen. Und wenn wir irgendwo angekommen sind, wollen wir zumeist irgendwo anders hin. Es ist das Ego, das uns voran und zu Höchstleistungen treibt, manchmal zu mittleren bis schweren Katastrophen mit kraftraubenden Kollateralschäden wie Liebeskummer. Wir nehmen diese Herausforderung an und alle Gefahren in Kauf, denn wir kennen das Spiel: No risk, no fun – eben in allen Lebenslagen. Denn wir sind Zocker. Und wir pokern gern – hoch.

 

Mein Inner Circle in Hamburg besteht aus acht Jungs, mich eingeschlossen, mit denen ich mich die meiste Zeit des Tages in permanentem Austausch über eine WhatsApp-Gruppe befinde. Das Interessante: Drei der anderen haben wie ich diesen Hunger auf Höhenflüge, während die anderen vier sich in bestechender Gleichförmigkeit parallel zum Erdboden bewegen und dabei eine unbestechliche Zufriedenheit ausstrahlen. Ich dagegen brauche die schönsten Schuhe und die stärksten Männer und seine Hand, die immer an mir festhält.

Ich bewundere diese vier sehr. Und oft wünsche ich mir, ihre Gelassenheit würde etwas auf mich abfärben. Zum Beispiel, wenn es um Zwischenmenschliches geht. Gestern las ich in der FAZ online Markus Günthers „Plädoyer gegen die Liebe“. Hier wird der „Mythos Liebe“ als Ersatzreligion beschrieben, die wie aller ihrer Art Erlösung und Heil für bedingungslose Unterwerfung verspreche: „Das einzige Ziel des Lebens ist es, Mr. oder Mrs. Right zu finden. Was für ein Irrtum. Zweisamkeit ist nichts anderes als die Fortsetzung der Ich-Bezogenheit mit anderen Mitteln.“ Nur dieser Mythos sei Schuld daran, dass uns das Leben als Single heute als defizitär erscheine.

 

Ich habe lange über diesen Text nachgedacht und vorerst fürwahr für wahr befunden. Umso mehr, nachdem ich gestern mit einem der anderen Sieben bei einem Drink über meinen Gemütszustand gesprochen habe. Dieser lässt sich durchaus auf die Formel „Unglücklich verliebt und auf der Suche nach Erlösung“ runter brechen.

„Wahrscheinlich habe ich viel mehr Verständnis für dich als die anderen“, sagte er. „Weil ich diesen Kampf um Menschen kenne, und weil ich ihn immer wieder eingegangen bin. Wenn ich genauer darüber nachdenke, haben mich die meisten Menschen, die heute zu meinen engsten Freunden zählen, am Anfang überfordert.“

Da war sie wieder, die Kampfmetapher, und damit auch die Bestätigung des „Plädoyers gegen die Liebe“, das gegen Ende erschreckend entwaffnende Züge annimmt: „(…) die Triebkraft, die wirkt, ist ja, wenn man ehrlich ist, gar nicht der Wunsch zu lieben, sondern der, geliebt zu werden.“ Die Vergötterung des Anderen gehe Hand in Hand mit der Vergötterung des eigenen Ich, das immerzu gepflegt und in seinem Marktwert erhalten werden müsse. Das erfolgreiche Objekt einer Liebe bestätige nur die eigene Großartigkeit.

Ich fühlte mich ertappt. Denn das inzwischen 19 Monate lange Ringen um den einen, den ich wirklich will, ist nicht nur ein Kampf gegen seinen Widerstand, sondern vor allem ein Kampf für mein Ego. Es ist die Herausforderung, die mich motiviert. Und jedes Mal, wenn wir uns sehen, streichelt er in Wahrheit nicht nur meinen Körper, sondern auch mein Ego. Und das kickt mich. So kämpfe ich weiter um ihn. Mit dem Kapital des Körpers, mit den Referenzen aus dem Leben, mit den Traumbildern aus seiner Fantasie – und meiner.

Dennoch habe ich dem Beitrag in der von mir hoch geschätzten Frankfurter Allgemeinen letztendlich nicht zugestimmt, zumindest nicht in seinem radikalen Anspruch. Ganz allgemein gesagt, weil der Autor neben dem selbstherrlichen Zweck der Liebe einen anderen völlig unter den Tisch fallen lässt: den Wunsch, jemand anderem alles zu geben. Wie herzlos wäre das Leben ohne das Versprechen auf die Liebe – und wie ungeformt wären wir ohne die Spuren, die sie auf uns hinterlässt? – Die Sorgen- und die Lachfalten.

 

Das Leben ist ein Kampf, glücklicherweise nicht nur um Jobs und Anerkennung, sondern auch um die Liebe. Letztendlich streben wir alle glücklicherweise nach der total Liebe, nicht nach dem totalen Krieg. Und wenn diese Suche, wie von Günther beschrieben, heute religiöse Züge annimmt, dann bin ich der erste, der sich zum Hohepriester weihen lassen will – weil Weihrauch kickt, und weil wirklich stimmt, was er schreibt: „Wer den Gott Liebe für sich in Anspruch nimmt, hat immer recht.“ Ich formuliere das meistens so: „Am Ende wird die Liebe immer gewinnen.“

Und genau für diese Hoffnung, für das Recht auf den Kick durch die totale Liebe, nehmen Menschen wie ich die Herausforderung an, den Kampf auf sich und alle Kollateralschäden in Kauf.

Let love be your energy,

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