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Knall mich! – Über den Zustand der Thirty-Something-Singles

Veröffentlicht: Sonntag, 11. Oktober 2015

Würden wir nur die Tonspur unserer Sextapes veröffentlichen, könnten wir meiner Meinung nach bis ans Ende aller Tage von den GEMA-Tantiemen allein leben. Ich bin mir sicher, wir hätten die Sexweltmeisterschaften gewonnen. Zu jedem Zeitpunkt. Nach einem Zwölf-Stunden-Arbeitstag, ebenso wie um 12 Uhr mittags oder um Mitternacht. Es gab schon einen Grund, warum es jedes Mal knallte, wenn wir gemeinsam in einem Raum waren, uns ansahen und all unsere Energien für einen Moment völlig gleichgerichtet waren. Jenem Moment, an dem wir immer festhielten bis zum allerletzten. Meistens bis zum Morgengrauen. Vielleicht war dieser Zustand ein Grauen. Vielleicht aber auch nicht…

Am Höhepunkt

Letztendlich musste diese Beziehung auf ihrem Höhepunkt enden, oder besser: mit einem Höhepunkt. An einem Freitag im Hochsommer, der so heiß war, dass wir nicht wussten, ob die Hitze letztendlich von uns oder von außen kam. Wir kamen gegen Viertel vor Neun, ich kam zu spät ins Büro und seither kamen wir nie wieder zusammen. Psychologich nicht, persönlich nicht, schon gar nicht physisch.

Für meinen Teil war lange die Frage, ob ich diese Zeit bereuen sollte. 32 Monate, auf einem Energielevel, das permanent so hoch war, dass es mich verzehrte wie Drogen, dass es an mir zehrte wie Durst, und gegen das ich mich trotzdem nie wehrte – weil es knallte. Bis es Knall auf Fall am Nullpunkt ankam.

Nach einer ähnlich gelagerten Trennung sagte mir ein Freund, 30, letztens, er meine, den besten Sex seines Lebens bereits gehabt zu haben – und er sei froh darüber, vor allem über diese Erfahrung. Weil es ihm den Druck nehme, noch einmal auf Weltmeisterniveau kommen zu müssen. Ich musste schmunzeln und kam nicht umhin mich zu fragen: Was macht ausgerechnet die schlechtesten Beziehungen unseres Lebens zu den besten? Oder wie es Charles Dickens in „Eine Geschichte aus zwei Städten“ ausdrückte: „Es war die beste Zeit, es war die schlechteste Zeit. Es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Torheit…“

Es muss rocken

Diese Geschichte spielte in Hamburg auf ständigen Umwegen auf der geraden Linie zwischen der Süd- und der Oststadt und irgendwie trotzdem in zwei Welten, wenn nicht Universen. Doch statt euch auf die Folter zu spannen, die Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“, wie es mir immer wieder durch den Kopf kreiste, nehme ich vorweg: Weil es knallte.

Bäm!

Nur wenige Tage nach dem großen Knall saßen wir in einer Bar und spielten das Spiel „Mit wie vielen Typen, die vorbei gehen, würdest du knallen?“ Nach fünf, sechs mächtigeren Drinks war ich noch immer bei einer mageren Nullrunde. „Vielleicht ist die Lösung ganz simpel“, sagte sie, 36. „Es muss einfach knallen. Und wenn es dich nicht rockt, reduziert es den Effekt aller anderen Faktoren auf null.“

Ich wusste, was sie meinte. Entweder es knallt, oder nicht. Alles andere ist eine Lüge, bestenfalls ein Kompromiss. Deshalb möchte ich diesen Wechsel zwischen der besten und der schlechtesten Zeit auch gar nicht missen. Ich bin ohnehin zu alt für Lügen und Kompromisse.

Das Prinzip der Katrastrophenvermeidung

Die meisten meiner Freunde sind Thirty-Somethings, etwa die Hälfte davon Singles. Und alle haben etwas gemeinsam: Wir sind über den Punkt hinweg, an dem wir Beziehungen brauchen, um uns vollständig zu fühlen, vollwertig, oder – verstanden. Denn nach all den Traumdates und albtraumhaften Desastern verstehen wir heute vor allem eins, uns selbst. Wie es ein anderer Kumpel, 35, letztens am Telefon zusammenfasste: „Wir wissen nicht wirklich genauer, was wir von der perfekten Beziehung erwarten. Allerdings wissen wir ganz genau, was wir nicht mehr wollen.“

Das heißt übrigens nicht, dass wir unseren träumerisch-romantischen Idealismus verloren haben. Heute sind wir lediglich realistisch genug, um Katastrophenvermeidung zu betreiben, die Geister, die wir einst riefen, nie wieder in unser Leben zu lassen. Das ist das sprichwörtliche Päckchen, das wir mit uns herumtragen, das, in der Folge von 20 Jahren gesehen, zwar jede neue Beziehung besser machte als die letzte, aber eben auch dazu führte, dass Thirty-Somethings in ihren Vorstellungen von dem, auf das sie sich einlassen, immer spezifischer werden.

Genau das wird ihnen oft zur Last. Außer sie sind smart genug, um Menschen nicht miteinander zu vergleichen. Und jedem die gleiche Chance einräumen, zu knallen. Und das ist kein Widerspruch, nicht nach dem Prinzip der Katastrophenvermeidung. Es verlangt lediglich, die Raster im eigenen Kopf zu killen.

Diamonds are forever. Feuerwerke nicht

Genauer gesagt teilt sich mein engerer Freundeskreis übrigens in Menschen, die bereits einen mit Diamanten besetzten Ring haben, beziehungsweise sicher kurz davor sind, und Menschen, die es knallen lassen, die ständig mit dem Feuer spielen, beziehungsweise mit dem Knall. Meint, die ständig die Gefahr des Falls vor Augen haben. Manchmal, wenn sie aufeinandertreffen, denke ich: „Diamonds are forever. Feuerwerke nicht.“ Und trotzdem blicken alle immer fasziniert in den Himmel, wenn es da oben knallt. Wahrscheinlich gerade deshalb. Wie viele Heiratsanträge mögen sich wohl unter einem Feuerwerk ereignet haben?

Eine meiner beiden besten Freundinnen ist mit ihrem heutigen Mann seit der Schule zusammen. Sie, 34, ist der Meinung, sie könne heute gar nicht mehr daten. Weil sie es seit den Neunzigern verlernt habe. Ich hoffe, dass sie nie wieder in die Verlegenheit kommt. Denn Dating ist als Thirty-Something noch immer so grausam wie mit thirteen. Genauso prickelnd, aber eben auch so perfide.

Die Unsicherheiten sind die selben, nur ist die Sicht auf die Dinge eine andere geworden. Sobald du nicht mehr aus Spaß, eventuell an Sex, datest, sondern aus ernsthaftem Interesse, macht dich das zwar ehrbarer, aber eben nicht über Enttäuschungen erhaben. Nach dem Prinzip der Katastrophenvermeidung meinst du dann gelegentlich, es lieber zu lassen, als dir eine verpassen zu lassen.

Imperfect Perfections

Falls ihr es verpasst habt: Ich hatte die perfekte Beziehung. Mit dem perfekten Familienleben, dem perfekten Freundeskreis, dem perfekten Partner. Wir wären trotzdem nie zusammen gezogen. Weil wir wussten, dass es früher oder später, eher früher, richtig gekracht hätte.

Inzwischen denke ich, wir hätten es drauf ankommen lassen sollen, es mal richtig knallen lassen sollen. Bis heute meine ich, dass diese Beziehung endete, weil wir uns in all der Postkartenperfektion zu Tode langweilten. Den wirklich perfekten Sex hatten wir perverserweise ein halbes Jahr nach unserer Trennung – als wir in einer denkwürdigen Samstagnacht zufällig in einem Club aufeinander prallten.

Am nächsten Morgen sprachen wir beim Frühstück über die Möglichkeit, eines Beziehungsrevivals. Weil wir aber aus den Fehlern der letzten Jahre gelernt hatten, beließen wir es einfach beim Knallen. Bis wir uns unabhängig voneinander neu verliebten. Und jedes Mal, wenn wir wieder sehen, wissen wir, dass das genau das Richtige war.

Mit vier Promille gegen die Wand

Denn so ist das mit Thirty-Somethings. Die Frage, was wir wollen, beantworten wir wirklich immer häufiger mit der Frage, was wir nicht mehr wollen. Oder brauchen, um glücklich zu sein. Mag sein, dass Folgendes nach den letzten Monaten komisch klingt, doch das Geheimnis meiner letzten Beziehung war vor allem, dass alles genauso war, wie es eigentlich keiner will. Das allerdings auf einem derart hohen Adrenalin-Level, dass es stets so gut reinknallte wie vier Promille.

Nennt es paradox, doch witzigerweise war unser größter gemeinsamer Nenner, dass wir nichts gemeinsam hatten, außer Energie – in unterschiedliche Richtungen gelagert, aber immer aufeinander zu. Also knallte es zumeist schon an der Tür.

Die Leute sagen, dass sich eine Tür öffnet, wenn sich eine andere schließt. Ich beschloss meine vorerst dicht zu machen. Jeder Thirty-Something würde das tun. Erst einmal seine Wunden vom „Mit vier Promille gegen die Wand“ lecken, statt irgendetwas anderes. Denn wenn du nicht mehr weißt, was du willst, sondern vorerst nur noch, was gerade nicht, verpasst du auch nichts. Und dann öffnete ich sie eben wieder. So einfach ist das manchmal. Irgendwann denkst du sowieso nur noch: „Leck mich!“ Wenig später ist die Wut draußen, auch das Vermissen und das Bedauern. Dann bist du wirklich drüber weg.

Die Komödie in jeder Tragik

Ich meine, we’ve been there, liebe Thirty-Something-Singles. Wir hatten die große Liebe mit soul mates und großartigen Sex mit Fremden; wir haben über das Zusammenziehen gesprochen und später darüber, wer sich aus welchem Freundeskreis zurückziehen muss; wir haben es krachen lassen, und manchmal hat es sogar geknallt. We screwed, and then we screwed it – up to the most perfect imperfections. Deshalb kann die Unterhaltungsindustrie mit Geschichten über uns so viel Geld verdienen, weil Klischees bedienen – in Beziehungskomödien oder Serien, die simulieren, dass die Tragödien unseres Alltags wirklich komisch sind.

Ist es nicht so? In den wirklich erfolgreichen Liebeskomödien geht es entweder um Teenager, oder um Menschen um die Dreißig. Also Menschen, die in ihrem jugendlichen Leichtsinn genau zu wissen scheinen, was sie wollen, oder solche, die definitiv wissen, was sie nie wieder wollen – an Tagen, an denen sie sich schmunzelnd fragen, ob sie mit Vierzig immer noch mit ihren Single-Freunden in Bars abhängen, um über Beziehungen zu reden. Manchmal vergleichen wir uns dann mit unseren „Ring am Finger“-Freunden und fragen uns, was wir falsch gemacht haben – oder besser: wann.

Ich glaube ja, wir haben gar nichts falsch gemacht, sondern alles richtig. Vielleicht haben wir gelegentlich unkonventionellere Entscheidungen getroffen. Weil das Balancieren zwischen dem Knallen und dem großen Knall nur eine Gratwanderung ist, auf der wir uns irgendwann für eine Seite entscheiden. Manchmal für die unsichere.

Sparbuch oder Börse?

Im Sommer schwor ich mir, ab sofort nur noch auf Nummer sicher zu gehen, und nur noch dann zu investieren, wenn ein Gewinn quasi garantiert ist. Bin ich aber nicht. „Sicherheit ist wie ein Sparbuch, du gehörst an die Börse“, hat mir ein Freund, 36, kürzlich gesagt. Das stimmt. Weil du als Thirty-Something-Single entgegen der allgemeinen Meinung von Menschen mit Ring eben keine Kompromisse eingehen oder Abstriche machen musst.

Ganz im Gegenteil. Wenn du deine Linie durch dein Beziehungsleben zwanzig Jahre lang gefahren bist, ohne dich umzubringen, bringt dich das in die glückliche Situation, viel glücklicher mit dem zu sein, was du hast. Nämlich dich selbst. Vielleicht auf legendären Sextapes, vielleicht auch ganz ernsthaft gesagt.

Trage dein Päckchen mit Stolz

Und so vergehen sie, die Herzschmerztage, die Hangover-Tag, vor allem die Hasstage. Und plötzlich wachst du an einem herrlichen Herbsttag in Hamburg auf und stellst fest, wie glücklich du eigentlich bist mit deinem Päckchen. Weil es dich ausmachst. All deine Erfahrungen. Die Glücksmomente und die Todesmomente. Vor allem all die Knaller, die Begegnungen zwischen Menschen so einzigartig machen.

Ich habe gestern meine Profile auf sämtlichen Dating-Plattformen gelöscht. Denn Katastrophenvermeidung im Thirty-Something-Stil heißt vor allem, keine Dinge mehr zu tun, die dir nicht gut tun. Dann bin ich eben fucking thirty-four and single. Mit 30 war das cool, heute bin ich cool.

Hört niemals auf zu investieren. Nicht in Feuerwerke, außer an Silvester. I will never stop.

Herz drum, fertig,

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