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Kinderland: Wohin dich Trennungen bringen

Veröffentlicht: Montag, 15. August 2016

Irgendwann wachst du morgens auf und stellst fest, dass du ein Jahr ohne den überlebt hast, ohne den du nie leben konntest. In diesem Fall auf St. Pauli neben Lasse, der es in der sehr kurz geratenen Nacht trotzdem geschafft hat, die Bettdecke mindestens fünf Mal komplett an sich zu reißen. Besser als allein zu schlafen, war es auf jeden Fall. Deshalb erspare ich ihm das laute Brummen der Nespresso-Maschine, ziehe mich schnell an und lasse die Haustür schließlich leise ins Schloss fallen.

Als ich fünf Minuten später mit einem Kaffee to-go links auf die Reeperbahn abbiege, hat das Treiben auf der Vergnügungsmeile längst wieder an Fahrt aufgenommen. Es ist kurz nach zwölf, selbst das wolkengetrübte Licht setzt noch frei, was unsere Augen zwischen den glitzernden Lichtern auf dem samtenen Mantel der Nacht nicht gesehen hatten:

Nüchtern betrachtet ist die Reeperbahn nicht mehr als eine lange, schmutzige Straße, auf der fertige Menschen feuchtfröhliche Distraktion vom Alltag suchen, was ihrer Faszination allerdings keinen Abbruch tut. Weil funkelnd verpackter Mist manchmal mehr Anziehungskraft auszuüben vermag als lupenreine Diamanten. Weil es Spaß macht, sich in Dreck zu suhlen, bevor wir uns wieder im arielgebleichtes Leben reinwaschen.

Der Regen spült den Schmutz der Nacht rechts in den Rinnstein. Eine trübe Brühe. Passt zu meiner Stimmung. Okay, es ist der Tag, von dem alle sagten, dass er irgendwann kommen wird, unbemerkt, der gut sein würde. Das war eine doppelte Lüge. Ich hatte meinen Trennungsjahrestag die letzten 365 Tage permanent auf dem Schirm, hatte mich sowohl in der Nacht davor, als auch in der danach ganz bewusst mit Freunden verabredet. Nur um zu verhindern, einen weiteren Abend heulend zuhause zu sitzen. Damit habe ich im März aufgehört. Punkt.

Die Reeperbahn erinnert mich heute an mein letztes Jahr: Ein langer, schmutziger Weg, dessen Realität ich nur durch unterschiedlichste Distraktionen ausblenden konnte. Genau 356 Tage später ziehe ich folgende Bilanz:

  • Rund sechs Kilo mehr
  • drei Rebound-Guys
  • fünf paar Schuhe
  • 150 verheulte Abende
  • gefühlt 5643 Stunden Netflix
  • im Schnitt etwa drei Drinks zu viel
  • im Schnitt etwa vier Stunden Schlaf zu wenig
  • etwa 30 unnötige Dates
  • vier mal ebenbürtiger Sex

Im vergangenen Jahr war ich so sehr damit beschäftigt, mich zu fragen, was er gerade macht, dass ich irgendwann vergaß, mich zu fragen, was ich eigentlich gerade mache: Ich war wegen der Kritik anderer mit Typen essen, die ich eigentlich nie daten würde – nur, weil ich irgendwann selbst meinte, ich müsse aus meinem strikten Beuteraster ausbrechen; ich habe mir geduldig angehört, dass es nicht normal sei, so lange um ein Arschloch zu trauern – an Tagen, an denen ich mir vor lauter Liebeskummer am liebsten die Kugel gegeben hätte; irgendwann habe ich aufgehört, zu erzählen, wie es mir wirklich geht, sondern nur noch das gesagt, was alle hören wollten: „Es geht mir gut.“

Wenn du dich trennst, meinen alle um dich herum, sie müssten dich beschäftigen, dich in irgendetwas drängen: ein neues Hobby, das Fitnessstudio, eine Party, auf die eigentlich gar nicht willst. Fühlt sich an wie im Ikea-Kinderland abgegeben zu werden. Mit folgendem Unterschied: Wenn du loslässt, landest du nicht in einem Bad bunter Bälle, sondern noch tiefer in der Scheiße. Die Folgen im Hinterkopf, würde dir niemand raten, mit einem gebrochenen Bein Skifahren zu gehen. Warum raten dir alle, mit einem gebrochenen Herzen auf die Piste zu gehen?

Unten an der Elbe liegen noch ein, zwei Hühnerknochen, die Lasse gestern Nacht nicht ins Wasser geschnickt hat. Ich setze mich mit meinem Kaffee auf einen nassen Poller und schaue auf die Wellen. Mir kommt die Flaschenpost in den Sinn, der Sex am Ufer, die gemeinsamen Wege durch St. Pauli. Und plötzlich kommen die Tränen, die ich zwei Nächte und einen Tag lang bewusst unterdrückte.

Heute wieder weniger nüchtern betrachtet als nach mindestens zwei Gin Tonic zu viel gestern Nacht, ist das Leben doch scheiße. Oder fühlt sich zumindest so an. Wie das gesamte letzte Jahr, das irgendwie an mir vorbei geplätschert ist. Mehr oder weniger belanglos. „Dabei war Wut mal dein Motor“, hat mich ein alter Freund letztens erinnert. Ich musste ihn korrigieren: „Wenn dir jemand das Herz rausreißt, ist Wut allerdings nicht das dominante Gefühl.“

Klar, komme ich klar. In den letzten Wochen kommt auch langsam wieder der Antrieb zurück, etwas für mich zu machen, nicht gegen ihn. Zum Beispiel das Schreiben. Ich habe in den letzten Monaten sogar ziemlich viel getextet – und entgegen meiner Gewohnheit nicht veröffentlicht. Vor allem um zu verhindern, dass mich wieder irgendjemand im Kinderland abgibt, wo ich erst ganz langsam wieder in meinem ganz normalen Alltag ankomme. Als nächstes müssen die sechs Kilo wieder runter kommen.

Herz drum. Fertig.

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