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Worthülsen & Hassbotschaften: Warum ich den Eiffelturm nicht weiter teile

Veröffentlicht: Samstag, 14. November 2015

In den Kommunikationswissenschaften sprechen wir von Ereignissen mit Integrationspotenzial immer dann, wenn sie groß genug sind, um ein kollektives Erleben zu ermöglichen. Eines, das uns in gemeinsamen Werten bestätigt. Klassischerweise.

Früher meinte das zum Beispiel sportliche Großereignisse. Olympische Spiele – unter Umständen auch Länderspiele. Die Fußballweltmeisterschaft in Frankreich 1998 zählt zu diesen Events, die kommende Fußballereuropameisterschaft in Frankreich ist als ein solches angelegt. Das gemeinsame Erleben, das Menschen vereint – wenn ihre Mannschaft auf dem Platz steht, wenn sie sich bei einem Tor in den Armen liegen – egal, wie viel Geld sie verdienen, in welcher Stadt sie leben, wie alt sie sind.

Der Terroranschlag auf Paris gestern ist unfreiwillig zu einem Ereignis mit großer integrativer Kraft geworden, völlig vorbei an der klassischen Betrachtungsweise. Denn dieses Ereignis ist negativ besetzt. Und trotzdem erleben wir es heute ganz bewusst und kollektiv mit ganz Europa. Über die sozialen Netzwerke, die für das kollektive Erleben immer wieder eigene Sprachen, vor allem Bildsprachen finden, die scheinbar alle vereinen, zumindest auf den ersten Blick. „Je suis Charlie“, vielleicht, heute der Eiffelturm. Überall. Zumeist zu einem Peace-Zeichen stilisiert.

Wenn wir an die Bombenanschläge in der Londoner U-Bahn oder die Todesflüge in das World Trade Center denken, merken wir, dass sie schon damals da war, die kollektive Betroffenheit, die schon immer auch Pseudo-Betroffenheit war; dass sie trotzdem nie die Art der Integration erreichte, wie wir sie gerade in Bezug auf Paris auf Facebook oder Twitter finden. Wenn Symbole weitergeteilt, oder Hashtags gesetzt werden, mit denen wir unsere Verbundenheit zu bestimmten Werten demonstrieren. Aktuell Liberté, Égalite, Fraternité. Und immer wieder sehe ich den Eiffelturm. Das Symbol der Stadt der Liebe, die derzeit ein Symbol des Hasses ist, der Gewalt.

Die sozialen Netzwerke haben es möglich gemacht, dass auch Katastrophen plötzlich ureigene integrative Kräfte nach kommunikationswissenschaftlicher Definition besitzen. Das klingt zuerst toll, denn wenn Millionen Menschen ihre Empathie zu Opfern oder Hinterbliebenen ausdrücken, oder ihre Verpflichtung zu Werten wie Menschlichkeit oder Frieden demonstrieren, ist das etwas Gutes. Ohne Frage.

Die sozialen Netzwerke haben aber noch einen zweiten Effekt auf die Wahrnehmung unserer Welt. Sie integrieren nicht nur, sie beginnen in starkem Maße zu differenzieren. Gerade im Fall dieser wenig klassischen „Integrations-Events“, der neuen, der negativen. Als die ersten Eiffeltürme auf meiner Facebook-Timeline auftauchten, dachte ich zuerst „Scheiße!“ – und dann gleich: „Scheiße, das werden die wieder für sich ausschlachten.“

„Die“, das meint in diesem Fall diejenigen, die in der aktuellen Flüchtlingsdebatte Angst vor der Islamisierung Deutschlands machen, vor mehr Kriminalität, vor Gewalt. Und das ist nicht mal wertend gemeint. Ich hatte schon im Fall von „Je suis Charlie“ den Eindruck, dass kollektives Trauern, kollektive Empathie und vor allem das kollektive Erleben über die sozialen Netzwerke mehr und mehr zu „Events“ verkommen, an denen jeder teilnimmt, als handelte es sich um eine Facebook-Veranstaltung.

Und auch das ist nicht wertend, schon gar nicht negativ gemeint. Nur bringt diese Art des „Flagge-Zeigens“, wenn wir ehrlich sind, nicht viel. Denn die wenigstens von uns, mich eingeschlossen, machen sich im Alltag wirklich für den Frieden stark – wir teilen eben nur ein Bild des Eiffelturms durch das Netz. Das ist besser als gar kein Beitrag zum Bisschen Frieden. Aber er wiegt nicht viel.

Nicht im Vergleich zu den Beiträgen derer, die bereits begonnen haben, Paris für sich auszuschlachten.

Und so kommt es, dass die neuen integrativen Ereignisse, die wir vor allem über die sozialen Netzwerke erleben, nur oberflächlich integrieren. In Wahrheit sorgen ihre Verteiler, die Anonymität des Internets und die neue Online-Hemmungslosigkeit der Deutschen dafür, dass sie uns immer deutlicher spalten. Über die sozialen Netzwerke werden Symbole wie Worthülsen geteilt und Hass-Botschaften verbreitet – in gleichem Maße.

Das macht es schwerer und schwerer, das zu definieren, was gerade die vorherrschende öffentliche Meinung ist. Zum Beispiel zu Paris. In Zeiten, in denen jeder alles und nichts auf Facebook sagt, beziehungsweise zu sagen wagt, verlieren die Mechanismen der Schweigespirale mehr und mehr an Kraft. Wer heute ins Internet schaut, wird wirklich sehen, dass uns Paris nur noch im Sinne des kollektiven Erlebens integriert. Tatsächlich werden noch gemeinsame Werte kollektiv bestätigt. Aber eben anders als früher.

Zwischen Worthülsen-Symbolen und Hass-Botschaften zeigen sich vor allem die großen Unterschiede zwischen uns. Zwischen all denen, die zwar den Eiffelturm teilen, aber sich am Montag nicht merklich dafür engagieren werden, die Welt wirklich besser zu machen. Und denen, die, ganz neutral gesagt, diese Stunden nutzen, um ihre Meinungen kundzutun. Meinungen, die ich nicht teile. Aber ich habe auch nicht den Eiffelturm weiter geteilt. Ich fände es nicht gerecht, ganz für mich persönlich gesprochen. Weil ich bisher an keiner Demonstration für den Frieden teilgenommen, oder zum Abbau der Vorurteile gegenüber Flüchtlingen aus islamischen Ländern beigetragen habe.

Versteht das nicht falsch, ich finde es toll, dass ihr mit dem Eiffelturm Flagge für den Frieden zeigt und Betroffenheit ausdrückt. Vielleicht, weil heute überall zu lesen ist, dass uns Paris alle trifft – und betrifft. Dennoch frage ich mich gerade heute, ob es noch reicht, Symbole weiter zu teilen, wenn gerade im Netz so viele konkurrierende Symbole und Meinungen aufeinander treffen, wenn das neue kollektive Erleben zwar Werte bestätigt, aber vor allem unsere Unterschiede hervorhebt. Derzeit nutzen vor allem Menschen, deren Meinung ist nicht teile, die Betroffenheit für ihre Sache. Der Eiffelturm wird weiter geteilt. Fast mechanisch, als müsse man ihn heute teilen. Ich bin erschüttert und ratlos. Mehr erstmal nicht.

Ergänzung: Ein paar Monate nach “Je suis Charlie” kursierte nach der Bombendrohung auf das Finale von “Germany’s next Topmodel” in Mannheim “Je suis Heidi” durchs Netz. Das passiert, wenn Worthülsen nicht mit Inhalten gefüllt werden, sondern zur Karikatur werden.

„Moins de paroles et de symboles, plus de tendresse, moins de promesses“,

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