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In Wahrheit ist Heimat etwas Großes

Veröffentlicht: Freitag, 21. Oktober 2016

Wir passieren Hannover noch im Dunkeln. In der Scheibe rechts vor mir spiegelt sich dieser unglaublich schöne Mann, der vor etwa einer Stunde ebenso übermüdet in den Sprinter gestiegen ist. Tatsächlich ist es sein Anblick, der mich um diese frühe Stunde des Tages überhaupt am Leben hält.

Während weitere neunzig Minuten später Kassel an uns vorbeirauscht, beginnt es zu dämmern. Langsam verschwindet das Gesicht in der Scheibe, die mit der aufgehenden Sonne immer mehr von dem Preis gibt, was ich als Heimat bezeichne. Der große Zug hält aber nicht an den kleinen Bahnhöfen, die ich kenne, seit ich klein bin, zu denen ich kleine Geschichten zu erzählen hätte. Von ausgetretenen Straßenlaternen, verpassten Anschlüssen oder traurigen Abschiedsszenen am Bahnsteig.

Je näher wird Gleis 6 des Frankfurter Hauptbahnhofes kommen, desto wacher werde ich, desto mehr beginnt mein Herz zu springen. Nicht weil ich weiß, dass Max morgen in einem Flieger von Hamburg nach Frankfurt sitzen wird. Vielmehr, weil mir alles, was ich in den letzten 45 Minuten durch das Fenster sehe eine vertraute Geschichte erzählt. Als sich rechts langsam die Skyline vor meinen Augen hochfährt, bin ich der glücklichste Mensch der Welt.

Eigentlich komisch. Früher bin ich eher auf Touren gekommen, wenn ich den großen Sackbahnhof in irgendeine Richtung verließ, oder am Frankfurter Kreuz auf eine der Autobahnen abbog, die nicht zu denen zählen, auf denen ich meinen Führerschein gemacht habe. Schon in der Oberstufe musste ich eigentlich immer raus aus dem, was ich für kleingeistig hielt. Warum auch auf einer Dorfdisco Shots für zwei Mark trinken, wenn du dich in Berlin von irgendjemandem auf einen Drink einladen lassen konntest, in Köln Karneval feiern, oder im alten Hamburger Mojo-Club Musik hören, die es nie in die Dorfdiscos schaffte?

Inzwischen hat sich das geändert. Ich merke das immer, wenn ich in einem dieser Sprinter sitze, die viel zu schnell an dem vorbeifahren, was ich aufzusaugen versuche so gut es eben geht: die alten Fachwerkhäuser, die Apfelbaumwiesen, die kleinen Bahnhöfe mit ihren kleinen Geschichten, die ich lange für irrelevant hielt. Damals als mich hier wenig hielt.

In den letzten Monaten habe ich gerade hier Halt gefunden. Ich bin zu Hochzeiten, Lesungen und zuletzt zur Buchmesse nach Frankfurt gefahren. Aber ich bin seit März auch mehrmals „heimlich“ nach Hause gekommen. Freitags nach Feierabend direkt in den Zug, vier Stunden später aufs Gästebett, um das ganze Wochenende zu dösen und Serien auf Netflix zu schauen. Sonntags dann zurück nach Hamburg, ohne besondere Erlebnisse, dafür mit vollen Batterien und voller Katzenhaare.

#frankford #home

Ein von Maryanto Fischer (@maryanto_fischer) gepostetes Foto am

Schon schräg irgendwie. Andererseits aber gar nicht. Gestern blieb ich auf dem Weg zu einem Empfang kurz am Mainufer stehen und habe mir angeschaut, wie sich die Lichter der Hochhäuser im Wasser spiegeln. Als Kind fand ich das spannend, mit Mitte 20 langweilig, und heute herzergreifend. Weil es Heimat ist. Etwas, von dem ich in den letzten Jahren viel zu wenig hatte.

Und alles, was ich lange für kleingeistig hielt, fühlt sich heute so großartig an: Die Sonntags-FAZ im Briefkasten, den Süßgespritzen im Sommer, der Club  auf der Partymeile, die ich schon seit 20 Jahren kenne – gerade deshalb. „Das macht das Alter“, schrieb mir Max gerade vom Hamburger Flughafen. Das stimmt. Aber nicht, weil wir mit den Jahren melancholischer werden. Manchmal ist es einfach so, dass wir das Wahre, das Schöne und das Gute in vielen Dingen erst wirklich sehen, wenn wir so weit über sie hinausgewachsen sind, dass sie sich nicht mehr wie „hineingeboren“ anfühlen, sondern wie frei gewählt.

Ich habe mich dazu entschieden, Max heute ein paar dieser wieder liebgewonnenen Dinge zu zeigen, Dinge, die ich in den letzten Monaten erstmal neu entdecken musste, um sie wieder im Herzen zu tragen. Gefühlt kommt jeder irgendwann an den Punkt, an dem ihm die Heimat zu klein wird. In Wahrheit ist Heimat das Größte.

There’s no place like home,

kurz-unterschrift11

 

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