maryanto fischer

Die rechte Ecke: Über die Bedeutung der Dinge

Veröffentlicht: Freitag, 23. Oktober 2015

Manchmal musst du den Dingen Bedeutungen geben, um sie dir zu eigen zu machen. Manchmal musst du ihnen ihre Bedeutung nehmen, um wieder eins mit ihnen zu werden; dich weit von ihnen entfernen, um wieder zu lernen, sie für das zu lieben, was sie wirklich sind. Und nicht für das, was sie für dich waren.

Ich war inmitten eines frustrierten Freitagabends auf der Couch. Die Coke schmeckte nicht, auch nicht die Zigarette, die ich immer nach Feierabend an genau dieser Stelle rauche, um runterzukommen, wieder in meine Mitte. Jetzt wieder, weil ich keine Phantombilder mehr neben mir sitzen sehe, wenn ich nach rechts schaue. Wo immer jemand anderes saß, an Wochenenden wie diesen. Vielleicht in Mondnächten. Ich habe selten aus dem Fenster gesehen.

Ich kam nicht umhin mich zu fragen: In prähistorischen Zeiten, also vor Erfindung des Fernsehers, haben sich Singles wie…

Posted by BradSticks – Lifestyle-BLOG on Freitag, 23. Oktober 2015

 

Nicht diesmal. Ich zündete noch eine Zigarette an, zog mir die Decke höher und „The Voice of Germany“ rein. Reiner Zufall eigentlich. Weil ich den Abend eigentlich anders geplant hatte. Wie so vieles in diesem Jahr.

Obwohl ich eigentlich nur nebenbei zusah, wie Menschen um ihre Träume kämpften und hofften, erhört zu werden, sah ich trotzdem wieder in ein Gesicht, dem ich lange ausgewichen war. Kurz hatte ich einen kleinen Kloß im Hals, als Stefanie Kloss zu sprechen begann. Den schluckte ich mit der nächsten Coke runter und drehte stattdessen die Lautstärke hoch.

Tatsächlich konnte ich dieses Lied wieder hören, ohne mich tief in mir drin weinen zu hören. Weil ich dieses Lied so oft hörte, wenn alle um mich herum nein, aber jede meiner Faser in mir ja sagte. Zu dem Typ, der da mal auf dem Sofa saß. Rechts neben mir. Vielleicht hatten sie immer Recht. Inzwischen ist mir das egal.

Das Lied, das da aus den Kopfhörern knallte, wieder und wieder, hatte keine tiefergehende Bedeutung mehr. Ich konnte es einfach wieder lieben – für das, was es ist: gut getextet. Von irgendjemandem, der Pop-Songs schreiben kann.

Zwischen den Zeilen hörte ich keine Botschaften mehr, in den Strophen referierte keiner mehr meine Tagträume. Ich verstand den Song nicht mal mehr als Referenz zu irgendetwas, das mal war. An Freitagabenden, Samstagabenden. Weil wir immer Hip-Hop hörten, nie Silbermond; weil wir sowieso nie mitbekamen, wann die Sonne wieder aufging.

Diesen Song aber hatte ich immer allein gehört. Er gehörte mir und meinen Hoffnungen.

Wenn du dich trennst, beginnst du, Dinge zu meiden. Orte, Rituale und Lieder, sogar silberne Mondnächte, selbst wenn der Baum vor deinem Schlafzimmerfenster sowieso immer verhinderte, dass du die Gestirne überhaupt sahst. Doch irgendwann siehst du wieder klar. Dann holst du dir die Dinge zurück, die dir gehören, indem du ihnen die Bedeutungen nimmst. DVDs, Klamotten, und Bücher, aber eben auch Orte, Rituale und Lieder – sogar Freitagabende.

So saß ich an diesem Freitagabend nach vielen, vielen Monaten wieder allein auf dieser Couch, trank Coke und hörte dieses Lied, das noch immer meins war, und das ich endlich wieder lieben konnte, für das, was er war, nicht für das, was ich in ihm sah, oder hörte. Ich hörte in mich, und jede meiner Fasern sagte: „Ja, rück endlich zurück in die rechte Ecke!“ Ich rückte. Denn die rechte Ecke bedeutet den besten Blick auf den Fernseher.

Es fühlte sich fantastisch an.

Du darfst den Dingen, die dir wichtig sind, Bedeutungen geben, du musst es sogar. Du darfst diese Bedeutungen nur nie größer werden lassen als die Dinge selbst. Selbst wenn es manchmal anders scheint: Es gibt nichts Größeres, als die Dinge für das zu lieben, was sie wirklich sind. Nicht für das, was sie sein könnten.

Alle wirklich bedeutsamen Dinge in deinem Leben werden dir das beweisen, sobald du wieder fest in deiner Mitte stehst und nicht verloren in der von irgendetwas anderem. Für diese Dinge darfst du atmen, brennen und leben. Jeden Tag.

Think about it,

kurz-unterschrift11

Mehr aus meinem Tagebuch – HIER

Antworten

Teil mir Deine Meinung mit. Ich freue mich über Feedback!