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Im Namen der Exupéry-Rose: Von Menschen, die gewinnen

Veröffentlicht: Dienstag, 13. Oktober 2015

In einer Zeit, in der wir 1000 mögliche und mindestens genauso viele unmögliche Möglichkeiten pro Minute haben, doch der Tag noch immer nur 24 Stunden zählt, verbringen wir mehr und mehr Zeit damit, Dingen eine Bedeutung zuzuweisen. Meistens mehr Zeit, als sie mit Bedeutung zu füllen.

So kommt es, dass, während wir all diese Dinge, die großen und die kleinen, kategorisieren, skalieren und schließlich priorisieren, wir mehr und mehr den Blick dafür verlieren, was wirklich wichtig ist.

Nicht für die große Welt, sondern für die kleinen Welt, die sich mehr in unseren Köpfen abspielt als in den großen Konferenzräumen, Kneipen, Clubs und Kaffeerunden, in denen wir Bedeutungen gemeinsam definieren. Mit gewichtigen Blicken und großen Gesten mitunter.

Doch sind die Kameras der anderen aus, schmeißen wir den Bedeutungskonsens meistens wieder über Bord. Dann kommen wir nach Hause, landen kaputt auf der Couch und dann wieder in der kleinen Welt in unserem Kopf. Dort, wo Dinge Gewicht haben, die da draußen unwichtig erscheinen, und oft nichtig, was da draußen wichtig ist.

Für viele Monate war ich da draußen der, der die Prioritäten ständig falsch gesetzt hatte. Dachte ich. Immer dann wenn meine Prioritäten mit denen der anderen zusammen prallten, beziehungsweise Welten zwischen dem lagen, was ich tun musste, oder wollte – und dem, was ich sollte. Gemessen an den Maßstäben der anderen.

In den Köpfen der anderen war ich immer der, der zu viel wollte. Oder besser gesagt: der, der immer bereit war, mehr dafür zu geben. Für Dinge, die ihm wichtig sind; für Aufgaben und sicherlich für Menschen. Und manchmal hat es mich verletzt, dass die anderen in den Dingen nicht sehen wollten, was in ihnen sah. Dann sagte ich:

„Es ist nicht die Zeit, die du mit etwas, oder mit jemandem verbringst, die deine Welt erhellt, solange diese Dinge da sind, und die sie zusammenbrechen lässt, wenn sie wegbrechen. Es ist das, was du in ihnen siehst, oder sehen könntest, in Dingen wie in Menschen, was sie dir so wertvoll macht – oder schmerzvoll.“

Als ich vorhin in „Kann ich Pflaster für mein Handy, Frau Steinbeck“ stecken blieb, kam ich an jene Stelle, an der sie, also ich, einen Teil des Dialogs zitiert, der „Der kleine Prinz“ für viele Menschen so besonders macht:

„Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

„Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.“

„Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe …“, sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

„Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen”, sagte der Fuchs. „Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich…“

Plötzlich fiel mir auf, warum ich mich selbst jahrelang an dieser populären Passage gestoßen hatte. Es war das Wort „verlieren“. Denn wenn wir priorisieren, verlieren wir nie. Weil, um beim Kitsch zu bleiben, nur werden kann, was wir sehen, oder zu sehen bereit sind. In Dingen und in Menschen.

Ich habe in den letzten Wochen viel Zeit damit verbracht, mir darüber klar zu werden, ob ich zweieinhalb Jahre meines Lebens sinnlos verloren habe, nur weil ich konsequent konterte, wenn jemand meinen Prioritätenkatalog kritisierte. Von außen gesehen.

Oder von innen: Weil ich den Dingen glaubte, die ich sah. Vor allem dann, wenn kein anderer im Raum war. Und ihnen dann eine eigene Bedeutung zuwies. Die Antwort: Nein! Weil ich sie gleichzeitig mit etwas füllte.

Gelegentlich ändert sich unser Blick auf die Welt, auf uns selbst und auf die Dinge, gerade auf die, die sich nicht da draußen, sondern an verregneten Abenden auf der Couch in unserem Kopf abspielen. Genauso ändern sich auch Bedeutungen, die wir den Dingen zuweisen.

Was wir außer Weisheit trotzdem gewinnen, wenn wir gar nichts mehr sehen, ist die Einsicht, dass es richtig war, sie so lange zu betrachten, bis wir ein klares Bild von ihnen hatten. Selbst wenn sich dieses Bild letztendlich nicht mit dem unseren deckte. Nur wurde vom Wegsehen noch nie jemand wissender.

Verloren ist diese Zeit nie, egal, in welche Dinge wir sie investieren, oder Menschen. Denn solange wir die Dinge im hellen Licht sehen dürfen, ist die Welt da draußen immer ein wenig heller. Und wer lebt schon gern im Dämmerlicht? Ich nicht.

Zuletzt habe ich merklich häufiger als sonst mit anderen über Prioritäten diskutiert. Darüber, wie man Zeit miteinander verbringen sollte, oder nicht. Und in einem Fall war ich vorhin vielleicht etwas hart. Von außen gesehen. In der kleinen Welt in meinem Kopf allerdings, ist es mir allerdings noch immer so wichtig, mir Zeit für die Dinge zu nehmen, in denen ich etwas sehe, oder die Menschen.

Denn bei genauerer Betrachtung ist es doch immer so: Wenn dir jemand wirklich etwas bedeutet, nimmst du dir die Zeit, ihn außerhalb großer Konferenzräume, lauter Kneipen, überfüllter Clubs oder beiläufigen Kaffeerunden zu sehen.

Bei genauerer Betrachtung verlieren bedeutsame Dinge manchmal an Glanz, andere dagegen gewinnen. Jeden Tag ein bisschen mehr.

In einer Zeit, in der wir 1000 mögliche und mindestens genauso viele unmögliche Möglichkeiten pro Minute haben, sind genau diese Dinge und Menschen die wirklich bedeutsamen. Denn der Tag hat nur 24 Stunden, um sie mit Bedeutung zu füllen. Dafür bist du selbst verantwortlich.

Ich habe in den letzten zwei Wochen so viel Schönes gesehen, dass ich mir unbedingt die Zeit nehmen möchte, genauer hinzuschauen. Weil ich mehr sehen will. Von diesem Menschen. Und ich hoffe, dass ich sie bald bekomme.

Herz drum, fertig.

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