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Wenn die Bitch nicht zum Baum kommt…

Veröffentlicht: Donnerstag, 22. Oktober 2015

Ich wusste, dass er schweren Herzens gekommen war. Ich kam wie immer: mit geballter Faust und schweren Geschützen. Den Waffen, die ich meinem Kopf meistens so scharf geladen habe, dass ein Auslösen Dinge fest zusammenschweißen, aber eben auch völlig zerstören kann. Er nannte mich „besonders anstrengend in letzter Zeit“. Ich nannte die Dinge beim Namen. Weil genau jetzt die Zeit war, nicht gleich zurückzuschießen.

„Ich weiß, dass ich eine Bitch sein kann“, sagte ich. Und das war genauso gemeint. Weil ich in diesem Moment nur gewinnen konnte, wenn ich meine stärkste Waffe einmal gegen mich selbst richtete. Im Leben läuft das nämlich so: Manchmal schießt du und triffst genau den Punkt – und manchmal schießt du über das Ziel hinaus – und triffst gelegentlich jemand anderen. Deinen besten Freund.

Unter unglücklichen Umständen also den, der es nicht verdient hat, verletzt zu werden, wenn du wild um dich schießt. Zum Beispiel, weil du unter Tränen abgeschossen auf seinem Sofa rumhängst, wenn dich jemand verletzt hat. Aber auch, weil du weißt, dass er der erste ist, der morgens auf dem Weg zur Arbeit deine Texte liest, weil es ihn interessiert, wie es dir geht. Obwohl ihr euch sowieso jeden Tag seht.

Ich sah irgendwo hin. Irgendwie ironisch, dass ich mich mitten Hamburger Regen irgendwann dazu hinreißen ließ, folgenden Satz zu sagen: „Weißt du, in Freundschaften ist nicht immer alles nur Sonnenschein.“

Im Leben läuft das nämlich so: Je näher dir jemand steht, desto nachhaltiger trifft dich manchmal der Blitz. Deshalb wirst du in vielen Lebenslagen leichter vom Blitz erschlagen, wenn du Schutz unter einem Baum suchst, und dich eben nicht allein auf weiter Flur bewegst. Ich sah, dass ihn die Situation bewegte.

Freunde verhalten sich in wechselseitigen Beziehungen nämlich immer so, wie Menschen und Bäume: Wenn am Horizont des einen die großen Gewitter aufziehen, sucht er Schutz beim anderen. Genau das führt zur Distanzlosigkeit, aus der du gar nicht wirklich weit über dein Ziel hinausschießen musst, um jemanden dramatisch zu treffen. Weil du dich eben nicht allein auf weiter Flur befindest, wenn du vor Wut wild um dich schießt.

Aber wer ist so dumm, und schießt seinen besten Freund um, oder fällt seinen Baum?

Obwohl ich mit geballter Faust ankam, war mir der Weg zum Treffpunkt nicht leicht gefallen. Weil ich wusste, dass er in mir wie in einem offenen Buch lesen kann – und erst recht zwischen meinen Zeilen. Weil er die Techniken kennt, mit denen ich scheinbar allgemein verfasste Texte zu Tretminenfeldern mache, manchmal zu Liebeserklärungen, aber eben auch zu Kriegserklärungen.

Ich hatte es dabei belassen, die Bombe, die unter einem einzigen Wort, in seinen Wiederholungen und Variationen lag, liegen zu lassen: Im Verb „laufen“. Langsam lief ich Gefahr, Zeuge einer heftigen Explosion zu werden, oder, schlimmer, Gras über einen potenziellen Blindgänger wachsen zu lassen, der irgendwann hochgehen würde. Weil zwischen ziemlich besten Freunden nichts stehen sollte, schon gar nichts Hochexplosives. Weil die Wege zwischen ihnen zu kurz sind, um Tretminen ausweichen zu können.

Ich rette meine Haut mit: „Ich war vielleicht etwas hart, das weiß ich, aber…“. Da er aber weiß, dass ich in Tagen des Donners nur schwer aus meiner Haut komme, beließ er es dabei. Als ich zuhause ankam, fühlte ich mich mies. Weil ich weiß, dass ich ihm in manchen Dingen haushoch überlegen bin. Zum Beispiel im Schießen. Mit Worten. Er hatte sich für die Ohrfeige bedankt, ich hatte drauf geschissen.

Im Leben läuft es glücklicherweise auch manchmal so: Wenn die Bitch nicht zum Baum kommt, dann muss der Baum eben zur Bitch kommen. Gerade bei Gewitter. In diesem Fall war der Hamburger Regen ein reinigendes Gewitter.

In den Medien läuft es übrigens so: Eine Richtigstellung muss immer dort erfolgen, wo der Fehler begangen wurde. Deshalb die Entschuldigung an gleicher Stelle wie die Schelte, die über ihr Ziel hinaus schoss.

Aber… Aber du weißt ja jetzt, wie’s gemeint war, und warum. Und weil ich weiß, dass du weißt, wie ich bin, war das sicherlich nicht das letzte Donnerwetter zwischen uns, unter unserem Baum, irgendwo in dieser Stadt.

Also nenn mich ruhig „Bitch“. Ich weiß schon, wie ich das zu nehmen habe. Ich nenne laufend Leute „Bitch“. Die wenigsten von ihnen sind mir wirklich egal. Du auch nicht. Weil du mein Baum bist. Und das Leben da draußen ganz schön stürmisch sein kann. Und hart.

Tut mir leid, ich wollte dich nicht verletzen.

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