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Ich habe Angst vor diesem Krieg

Veröffentlicht: Dienstag, 17. November 2015

Ich habe mich gestern gefragt, was wirklich als offizielle Kriegserklärung gilt. Die Franzosen befinden sich im Krieg. Das haben wir gehört. Aus dem Mund des Staatspräsidenten. Das hat etwas Bedrohliches. Heute frage ich mich, ob das nicht sogar lebensbedrohlich ist. Für mich. Seit Frankreich in Berufung auf Artikel 42, Absatz 7, des EU-Vertrags militärische Hilfe der Bündnispartner gefordert hat – ein Novum, das ganz neue Gedanken fördert. In einem Land, von dessen Boden nie wieder Krieg ausgehen dürfe, wie Willy Brandt einst forderte.

Ich frage mich derzeit öfter, wie Krieg wirklich aussieht. Wie viele andere habe ich wahrscheinlich nur eine vage Vorstellung davon. Wir kennen den Krieg. Aus Erzählungen unserer Großeltern, auch aus den Nachrichten. Aber wir sind uns nicht sicher, was das Eingreifen Deutschlands im Zweifelsfall bedeuten könnte. Dass deutsche Kampfjets an der Seite der Franzosen Richtung Syrien flögen? Oder doch eine direktere Bedrohung für uns, die Zivilisten. Auf deutschem Boden.

Vielleicht ist uns der Krieg gerade wirklich näher als zuvor. Vorerst nur gefühlt. Als er in den 90ern in Ex-Jugoslawien wütete, sagte mir mein Vater, dass er wieder mitten in Europa angekommen sei, dass ich nett zu den Kindern sein soll, die plötzlich in unserer Klasse standen. Kinder aus Serbien oder Kroatien. Das hat mich betroffen gemacht. Bedroht habe ich mich nicht gefühlt. Übrigens auch nicht am 11. September 2001.

Damals schon war, wie aktuell nach Paris, überall zu lesen, dass sich der Anschlag nicht nur gegen die USA, sondern gegen die gesamte westliche Welt richte. Gegen ihre Werte und ihre Lebensweise, ganz allgemein gesagt. Ehrlich gesagt war der Krieg damals gefühlt trotzdem sehr weit von uns weg. Selbst noch im Moment, als wir hörten, dass Frankreich sich im Krieg befinde, war er woanders. Bis heute Morgen.

Das Bitten Frankreichs um Unterstützung im Kampf gegen den Terror kam per Push-Nachricht auf mein Handy. Und erstmals hatte ich wirklich Angst vor dem, was da draußen gerade passiert. Obwohl nicht einmal klar ist, wie eine Unterstützung der europäischen Bündnispartner aussehen könnte. Dennoch ist die Vorstellung von Krieg plötzlich präsenter als zuvor. Im Netz lese ich von Menschen, die ein Umdenken fordern. In verschiedensten Formen. Dann frage ich mich: Was zählen die Worte Brandts, wenn bereits Bomben fallen, und Bündnisse greifen sollen?

Es fällt mir wirklich schwer, mir vorzustellen, was es heißt, im Krieg zu leben. Ich bin mir nicht mal sicher, ob wir uns nichts bereits im Krieg befinden. Fest steht, dass über Krieg und Frieden sicherlich nicht per Volksentscheid entschieden wird. Ich persönlich könnte nicht einmal abwägen, ob die Notwendigkeit dazu überhaupt besteht. Umso mehr hoffe ich einfach, dass die, die darüber entscheiden werden, wissen, was sie tun.

Gefühlt ist ein Krieg noch immer weit weg von uns, obwohl die Anzeichen, in einen hineingezogen zu werden, seit ich mich erinnern kann, nie konkreter waren. Seit Wochen leben wir alle mit latenten Ängsten. Die einen vor Flüchtlingen und Islamisierung, die anderen vor Neo-Nazis und Pegida. Und heute eint viele von ihnen die Angst vor einem Krieg, obwohl hierzulande niemand Hochrangiges offen von Krieg spricht. Noch ist die Angst, die wir haben, die vage Angst vor weiteren punktuellen Terror-Anschlägen in Großstädten oder an Großereignissen. Was könnte danach kommen? Die tägliche Angst beim Blick in den Himmel?

Seit Tagen lesen wir im Minutentakt Statements von Menschen, die mehr Entscheidungsträger sein werden als wir, sollte es wirklich um Krieg oder Frieden gehen. Die Fragen nach Krieg, wie er aussehen könnte, und ob er wirklich nötig wäre, gehen trotzdem nicht an uns vorbei. Sie drängen sich nahezu auf. Gefühlt ist ein Krieg zum Glück noch immer weit genug weg, um nicht in Panik zu verfallen. Ich hoffe, dass mich dieses Gefühl nicht trügt. Heute nicht, morgen nicht, auch nicht nächste Woche.

Vorerst erfahre ich, dass in Brüssel diskutiert wird, dass Nationen wie Frankreich, Russland und die Vereinigten Staaten eine gemeinsame Linie finden wollen. Was bleibt ist die Angst, dass es wirklich Krieg gibt. Was immer das bedeutet – vor allem, für jeden Einzelnen von uns.

J’ai peur de cette guerre,

kurz-unterschrift11

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