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Ich bin dann mal weg?!

Veröffentlicht: Mittwoch, 20. Juli 2011

Wenn sich schlechte Momente nahtlos aneinanderreihen, kommt irgendwann der Moment, in dem man einfach abhauen möchte. So wie damals als wütendes Kind, als man aus Rebellion gegen doofe Eltern mit Rucksack, Regenschirm und ein paar Scheiben Nutella-Brot so lange lief, bis die Einsicht kam, dass das Einschlafen auf einer Parkbank ohne Decke und das Sandmännchen wenig attraktiv ist. Zumeist war das bereits zwei Straßen später der Fall. Bei Dorfkindern spätestens am Ende der Hauptstraße, wenn der durchgestrichene Ortsnamename auf dem Ortsschild die ganze Tragweite des stets von Astrid Lindgrens „Lotta zieht um“ inspirierten Unterfangens verdeutlichte. Now or never! Dann lieber doch die Elternhölle.

So wie Lotta zu einer Ikone wütender Kinder wurde, ist Bridget Jones eine Ikone wütender Singles. Und das Kurzzeitabenteuer mir Regenschirm und Rucksack kommt uns übrigens immer dann in den Sinn, wenn sich Bridgets nihilistisch formulierte Regel von ausgleichender Gerechtigkeit nicht bewahrheitet: „Sobald ein Bereich deines Lebens gut läuft, verwandelt sich ein anderer in eine völlige Katastrophe.“ Je älter wir werden, desto größer ist nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass sich auf der Waagschale des Lebens nicht cool und kacke, sondern Katastrophe und Katastrophe gegenüberstehen.

Think big!

Der Anspruch ist dann der gleiche wie in Kindertagen: Think big – wenn schon weg, dann richtig. Die Frage ist nur, ob das Leben am erklärten Ziel, einem anderen Ende der Welt, wirklich besser ist. Gegen Australien beispielsweise spricht neben dem Ozonloch vor allem die Existenz riesiger Spinnen. In China gefallen mir die Jungs nicht und in Grönland würde ich mir schon nach zwei Tagen die dauerharten Nippel wund laufen. Für manche Länder gibt es ohnehin keine Member-Card. Zum Beispiel das Gelobte. Und ehrlich: Singles würden nicht wirklich 40 Jahre durch die Wüste laufen, um es zu finden und dann auf U60-Partys zu tanzen. Bridget hat im thailändischen Knast außerdem sehr hart gelernt, dass das Leben an einem anderen Ende der Welt nicht wirklich cool ist…

Wirklich: Alles bleibt anders!

So endet die Geschichte heute wie damals: Wir gehen nicht. Glücklicherweise hat sich das Reflexionsvermögen zwischen der Lektüre von „Lotta zieht um“ und der 500. Wiederholung von „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ erweitert. Denn spätestens nach einer kalten Dusche und vier Cosmopolitans können wir unser Bleiben auch rechtfertigen: Am anderen Ende der Welt sind zweifellos andere Idioten mit anderen komischen Frisuren unterwegs. Aber nicht unsere Freunde, das große Kapital von leiderprobten Singles und Feierabendalkoholikern.

Bridget, Jean-Paul und echte Freunde

Gestern Nacht saßen Jan und ich in einer kleinen Kneipe fast in unserer Straße um uns sinnlos zu betrinken – was mir zumeist kostengünstiger gelingt als ihm. Und als wir die kleinen und großen Katastrophen aus allen erdenklichen Lebensbereichen addiert hatten, kamen wir zu folgendem Ergebnis: Wir sind fabelhaft! Denn nur fabelhaften Menschen wie Bridget Jones gelingt es überhaupt, katastrophenrelevant zu sein. Und weil Staranwalt Marc Darcy Bridget genauso liebt, wie sie ist, geben wir die Hoffnung nicht auf.

Was die anderen Lebensbereiche betrifft halten wir uns fortan an Sartre: L’enfer, c’est les autres (Die Hölle sind die anderen). Nur betrachten wir diesen Zustand jetzt einfach nicht nur im literarischen Sinn als Geschlossene Gesellschaft. Viel Spaß beim Schmoren. Wir haben keine Member-Card… Wir sind dann mal weg!

Und für alle, die mal weglaufen wollten und doch geblieben sind, Madonnas „Live to tell“ (Video HIER).

I know where beauty lives,

Siehe auch: Der Arsch der Welt HIER!

Kommentare

  1. Gepostet von Follower am Donnerstag, 28. Juli 2011

    Einer deiner besten Texte bisher wie ich finde

  2. Gepostet von Brad am Donnerstag, 28. Juli 2011

    Vielen, vielen Dank! Lag mir sehr am Herzen!

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