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Herbstrasen: Das perfekte Date

Veröffentlicht: Sonntag, 25. Oktober 2015

Der Herbst hat diese zwei Gesichter. Er kann dich anstrahlen, so heiß und herzlich, dass dir noch einmal die Haut verbrennt, als wäre es tief im Hochsommer. Aber er kann auch kalt sein wie der Winter. So kalt, dass du vom Kopf bis zu den Füßen frierst wie der Boden darunter. Außer, es ist irgendetwas da, das dich wärmt. Vielleicht ein letzter Sonnenstrahl, oder eine leichte Wolldecke, die irgendjemand irgendwann über dich legt. Wenn du deine Übergangsjacke an der Garderobe abgegeben hast.

Ich sah in ein Gesicht, das, irgendwo zwischen Mütze und Schal gequetscht, gerade noch genug strahlen konnte, um mich vom erstarkenden Herbstwind abzulenken. Und vom Hunger. Wahrscheinlich waren wir zwei Stunden lang gegangen. Durch Parks vorbei an kleinen Seen, auf denen sich die letzten Wildgänse tummelten, über Wiesen ohne Wege und die scheinbar endlosen Straßen Eppendorfs.

Von zwei Welten

Während er von den Orten seiner Kindheit erzählte, musste ich an meine auf dem Dorf denken. Er zeigte mir die Hänge, die er früher mit dem Schlitten heruntergefahren sei, wie wir damals die an den Mainwiesen. Er zeigte mir seine Lieblingsplätze und seine Grundschule, die in lebhaften Erinnerungen an meine aufging. Zumindest namentlich taucht sie ja noch in meinem Buch auf. „Geschwister-Scholl-Schule?“, fragte er. „Hier gibt es eine Geschwister-Scholl-Straße!“

Ich lächelte in mich hinein. Mag sein, dass sie gar nicht so weit auseinander liegen, diese Welten im Herbst: das mainfränkische Dorf, in dem ich groß geworden bin, und Eppendorf, der Stadtteil Hamburgs, in dem jene Reichen und Prominenten wohnen, die sich als nicht zu cool, oder viel zu cool für die Schanze empfinden.

Ich empfand den ausgedehnten Spaziergang am anderen Ende der Stadt als reichhaltig. An Informationen. Denn während ich einfach nur in die Linie M25 Richtung Altona gestiegen war, war er auf eine Reise in seine Vergangenheit gestartet: Spielplätze, ein Kiosk, eine Pizzeria. „Hier rüber müsstest du mal scheiben“, sagte er hier und dann mit leuchtenden Augen, zeigte hier auf ein Fischgeschäft oder da auf ein abrissreifes Hospiz.

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„Ich kann gar nicht glauben, wie sich alles hier verändert hat“, stellte er schließlich fest. Ich zuckte mit den Achseln. Aber zumindest vor meinem geistigen Auge sah ich die Plätze, Straßen und Gebäude vielleicht ein bisschen so, wie er sie in seiner Erinnerung sah. „Wenn ich dir doch das Bild, das ich gerade habe, in den Kopf projizieren könnte.“

Doch das war gar nicht nötig. Ich sah eine Menge. Vielleicht nicht, wie der Schulspielplatz aussah, der heute nur noch eine überwucherte, eingezäunte, dunkle Fläche ist, auch nicht das Restaurant, das dort mal stand. Bevor es gegen den Protest vieler Eppendorfer abgerissen worden sie, wie er bemerkte.

Ich sah ihn, das reichte für den Moment. Ich war ja nicht wegen der Straßenzüge hier, sondern seinetwegen. Um ihn Zug um Zug ein wenig mehr zu sehen. Mehr von all dem hinter dem Schal und der Mütze, oder den müden Augen, die er manchmal abends vor dem Fernseher bekommt.

Das perfekte Date

Ich dachte früher immer, der ideale Ort für fortgeschrittenes Dating wäre eine Galerie. Weil ich fest davon überzeugt bin, dass Menschen zwischen den Zeilen viel von sich fallen lassen, wenn sie ihre Meinung zu Kunstwerken kundtun. Zu Skulpturen und Gemälden; wenn sie dir beschreiben, was sie sehen, oder was sie sich gar nicht gern anschauen. An diesem Nachmittag hatten die Bilder seiner Vergangenheit einen ähnlichen Effekt, sogar einen größeren.

Konfrontiere die Menschen mit Bildern in einer Galerie, und sie sagen dir, was sie sehen, und warum. Konfrontiere die Menschen mit Bildern ihrer Kindheit, und sie erzählen dir, wer sie sind, und warum. Und das weniger akademisch verklausuliert wie vor Kunst mit Alarmsicherung. Sondern frei heraus: daher komme ich, dorthin ging ich, hier stehe ich heute.

Wäre es Sommer gewesen, hätte man sich nach so einem Spaziergang sicherlich noch irgendwo an die Alster gesetzt und den Abend mit einem kühlen Bier ausklingen lassen. Doch es war Herbst – und kalt.

Ich habe noch nie jemanden im Herbst kennen gelernt. Niemanden, der mich längerfristig beschäftigte. Ich glaube, ich bin der typische Frühlings- und Sommerkennenlerner. Das mag an den Hormonen liegen, die ab März angeblich heftiger durch den Körper zirkuliere, als in Monaten, in denen du bereits damit beschäftigt bist, dir das Blut nicht an den Adern gefrieren zu lassen.

Als er mich später mit seiner grauen Wolldecke zudeckte, war ich weit davon weg, mir zu wünschen, es wäre Hochsommer. Denn das ist das Schöne an den zwei Gesichtern des Herbstes. Nachmittags ist es im Oktober gerade noch warm genug für einen Ausflug zu den Bildern der Vergangenheit, und abends schon kalt genug, um sich auf dem Sofa zusammen zu kuscheln und sich von den Bildern aus dem Fernseher berieseln zu lassen.

Als ich kurz nach oben blickte, sah ich sein Sommergesicht. Und dachte: Was für ein perfekter Tag. Und irgendwie bekam ich Herbstrasen.

Herz drum, fertig.

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