Frankfurt Skyline

Held II

Veröffentlicht: Samstag, 31. Oktober 2015

Es gibt diese bestimmten Momente, in denen wir an Menschen denken, die wir lieben. An dich denke ich immer im Juli und im Dezember. An jenem Juli-Tag, der immer dein Geburtstag bleiben wird, den wir immer gefeiert hätten, wenn du an diesem Tag im Dezember nicht für immer in den Tod gefahren wärst.

„Warum dann jetzt, Dude?“, wirst du dich verwundert fragen, während ich auf der Tastatur zu unseren Beats trommele wie du damals auf dem Lenkrad, während wir im Sommer mit offenem Fenster zu irgendeiner Party gefahren sind. Mit Druck auf den Füßen, einer Kippe in der Hand und einem Song in den Ohren, den wir immer lauter stellten als die Motoren auf der A3 jemals werden könnten.

Vorbei am Flughafen und dann irgendwann rechts rein in die Stadt. Das Waldstadion links liegen lassen, weiter Richtung Rotlichtviertel und dann immer auf die Skyline zu. Zumeist an Freitagabenden übrigens, was allerdings nicht der Grund ist, warum ich gerade an dich denke. Denn heute, 14 Jahre später, verbringe ich die Freitagabende anders.

Wobei der Gipfel der Scham an der Supermarktkasse an frustrierten Freitagabenden erreicht wird – Wiener Würstchen plus…

Posted by BradSticks – Lifestyle-BLOG on Freitag, 30. Oktober 2015

 

Aber diesen Song höre ich immer noch. Ab und zu, zugegeben nur, wenn er irgendwo gespielt wird. Dann denke ich an dich.

Wie heute Abend. Im Fernsehen. Als ich auf der Couch saß, Wiener Würstchen aß und eigentlich gerade ausschalten wollte. Und plötzlich war ich wieder wie angeknipst. Ich schloss die Augen und versuchte, mich daran zu erinnern, wie das war. An all den Abenden, an denen wir in die Stadt gefahren sind, um abzufahren. Irgendwo zwischen Wodka-Bar und Privatpartys bei wahnsinnigen Leuten, die wir nicht wirklich kannten. Gut genug allerdings, um auf ihren Tischen zu tanzen. Zu Hip-Hop-Beats aus den Boxen – aber zu unserem Lied in unseren kranken Köpfen.

Lass uns Liebe machen. Putzen, oder so!

Posted by BradSticks – Lifestyle-BLOG on Samstag, 31. Oktober 2015

 

Tatsächlich bin ich nie wieder auf Privatpartys gefahren, zu denen wahnsinnige Leute im Radio einladen, seit du tot bist. Wie ich so viele andere Dinge nicht mehr getan habe, oder nur noch halbherzig. Zum Beispiel über die A3 in die Stadt rasen, vorbei am Flughafen und irgendwann rechts Richtung Wäldchen.

Wenig später ergab es sich nämlich, dass mein Weg Richtung Rock’n’Roll über die 66 führte, vorbei an den großen Clubs auf der Hanauer Landstraße, geradeaus auf die Skyline zu und dann erst rechts Richtung Parkhaus an der Hauptwache.

Ich saß auch nicht mehr in Papas blauem Nichtraucher-Golf, in dem wir drei Mal mit Zigaretten geblitzt wurden, sondern in einem schwarzen Alfa. Mit fettem Sportauspuff, gegen den Musik keine Chance gehabt hätte. Cooler Typ halt. Doch die Fenster blieben fortan zu.

Im Nebel der abgebrannten Kippen habe ich gelegentlich nach rechts geschaut und mir gewünscht, du würdest da sitzen. Mit den Füßen auf den Armaturen und sowas sagend wie: „Alter, ich hoffe, du hast morgen früh keinen scheiß Pressetermin. Sonst musst du wohl müde hin.“

Hin und wieder habe ich traurig an diese Freitagabende gedacht, wenn die bunten Lichter Frankfurts an meinem Fenster vorbeigerast sind. Die Stadt, die wir uns immer Rock’n’Roll gemacht haben, egal was war: Liebeskummer, verhauene Statistik-Klausuren oder einfach gar nichts Besonders.

Scheiß egal. Freitagsabends haben wir uns ins Auto gesetzt, sind Richtung Stadtmitte gerast und haben den dunkelsten Tag zur hellsten Nacht gemacht. Bis du einmal falsch abgebogen bist.

Zwei Dinge vor dem Schlafen: Erstens, ganz oberflächlich: Danke für die vielen netten Reaktionen auf den Text „Held“ auf…

Posted by BradSticks – Lifestyle-BLOG on Sonntag, 29. Juni 2014

 

Bis heute frage ich mich, warum ich dich allein habe fahren lassen und lieber lernen wollte. In dieser Freitagnacht, an deren Ende du nicht die vielen bunten Lichter der Stadt gesehen haben musst, sondern nur ein einziges helles Licht. Falls es stimmt, was sie sagen. Über den Tod. Normalerweise tötet es mich fast, wenn ich daran denke, was wir noch alles zusammen hätten reißen können.

Aber da war nichts mehr. Außer einem großen Riss in meinem Herzen. Sowas wie ein Filmriss nach 100 Episoden, wenn noch 100.000 hätten erzählt werden können. Epische. Über ziemlich beste Freunde in Feierlaune freitagabends auf der A3. Oder selten zusammengekuschelt auf der Couch mit Wodka und Wienern, was meinen heutigen Abend ganz gut trifft.

Außer, dass ich nichts und niemanden getroffen habe – außer die Entscheidung, dieses Lied wieder und wieder zu hören. Nicht um zu weinen, sondern um die Augen zu schließen, um mich nochmal zu fühlen wie mit 20 auf der Autobahn. Als alles, was wir wollten, war, dass uns die Stadt richtig rockt. Und das hat derbe gebockt.

Du hast meinen 21. noch erlebt, ich deinen 22. nicht mehr. Ich muss nicht mehr überlegen, was ich dir zum Geburtstag schenke, oder zu Weihnachten. Während ich mir noch ein Glas Wodka einschenke, muss ich lächeln. Weil ich bald nach Hause fahre. Ich werde mir Papas Touran leihen, heimlich eine Kippe anmachen und unsere alte Tour fahren.

Von Mainflingen über die A3 zum Flughafen, dann irgendwann rechts Richtung Waldstadion – immer zu auf die bunten Lichter der Skyline auf der anderen Mainseite. Immer mit Fenster offen, damit der Rauch rausgeht. Dabei werde ich dieses Lied hören, an dich denken und singen: „We built this city on beats – and Rock’n’Roll.“

Und rate mal, welchen Pulli ich gerade an habe. An diesem Freitagabend. Und ich SCHWÖRE, ich habe ihn nicht nur für dieses Foto angezogen, sondern, wie immer, zum Schlafen!

tot

Jan, ich vermisse dich. Noch immer so, Bro! In jedem Beat, in jeder Freitagnacht mit Wodka.

MARY

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