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Heimweggefährte

Veröffentlicht: Mittwoch, 14. Oktober 2015

„Bist du bekifft?“, fragte ich, fast rhetorisch, während es am anderen Ende der Leitung grinste. Zumindest meinte ich, es grinsen zu hören, beziehungsweise wusste ich ganz genau, dass er grinste. Wie in all den Jahren, wahrscheinlich den letzten zehn: ich beschäftigt auf dem Heimweg, er breit zuhause auf dem Sofa.

Der Wind im Norden kann grausam sein. Ich zog mir die Kapuze tiefer ins Gesicht und erhöhte meinen Schritt. Von rechts peitschte mir der Wind ins Gesicht, links blendeten mich die Scheinwerfer der Autos, während ich die große Ampelkreuzung überquerte. Keine schöne Gesprächssituation. Ich begann zu rennen. Er war die Ruhe selbst.

„Was beschäftigt dich?“, fragte er, wahrscheinlich rhetorisch. Weil ich meine, nein, ich weiß, dass er ganz genau wusste: dieser Anruf war kein Zufall – falls überhaupt jemals eines unserer Gespräche auf dem Heimweg zufällig stattfand, nach dieser einen Nacht in einer anderen Stadt vor vielen Jahren. Seit Jahr und Tag hatte meine Hand den Weg zu meinem Handy seither wie von selbst gefunden. In ganz bestimmten Gemütslagen. Auch diesmal gab ich dem Bedürfnis nach.

Statt mich lange mit den Wiesos, Weshalbs, Warums aufzuhalten, gingen wir gleich zu den Fakten über. Wie wir das immer tun. Immer auf Heimwegen, aber in den unterschiedlichsten Zuständen. Sternhagelvoll morgens beim Verlassen einer Party, total ernüchtert nachts nach grauenvollen Dates, liebestrunken oder von Liebeskummer geplagt, verunsichert oder todsicher, das Richtige getan zu haben – und trotzdem auf der Suche nach Absolution, mindestens Verständnis.

So erzählte ich ihm, was mich gerade beschäftigte, hörte ihn grinsen, nicken und mir verständnisvoll auf die Schulter klopfen. Schließlich ließ ich ihn weiter breit sein, als ich, jetzt ruhiger, durch die breite Einfahrt zu meinem Haus lief. Nass, aber nicht mehr nachdenklich. Noch bevor ich durch die Tür im ersten Stock kam, war das Gespräch scheinbar schon wieder beendet.

Tatsächlich aber endete es erst wirklich an der Tastatur. Zwei Stunden später. Wie so oft, weshalb sich inzwischen so viele dieser herrlich philosophischen Heimweg-Telefonate auf diesem Blog wiederfinden.

Ich fand, dass es höchste Zeit war, mich zu bedanken. Für all die hochtrabend-geistreichen Bemerkungen, all die druckreifen Einwürfe, die ich häufig noch während des Heimlaufens schnell in mein iPhone-Notizbuch tippe, für die totale Empathie und oft einfach fürs Zuhören, gelegentlich mitten in der Nacht. Besonders in den Zeiten, zu denen ich zumeist zu den unmöglichsten Zeiten auf Heimwegen war.

Im übertragenen Sinne bedeuten Heimwege immer, zurück zu sich selbst zu kommen. Und dabei haben all diese Gespräche mir immer geholfen. Oft waren sie das Zünglein an der Waage, Dinge zu beginnen, oder zu beenden, Dinge anzunehmen, oder zu kündigen, Texte zu veröffentlichen, oder lieber wieder zu löschen. In vielen Fällen waren sie vor allem Anlass, Dingen noch eine Chance zu geben.

Du kannst tun, was du fühlst, aber du fühlst dich sicherer, wenn Freunde mit dir fühlen. Wenn sie es schaffen, sich in deine Haut zu versetzen, obwohl sie nie näher waren als 250 Kilometer und meistens weiter weg. Mehr noch: Wenn sie dir nicht nur zuhören, sondern du ihnen wirklich alles sagen kannst.

All die fiesen, freakigen, versauten oder auch verkitschten Dinge, für die dich andere abstempeln oder verurteilen würden. Wenn sie gerade jene Gespräche suchen, die andere vermeiden, obwohl sie wissen, wie sehr du sie brauchst.

Mir wurde mal gesagt, meine Stärke sei es, die Dinge beim Schreiben neu zusammen zu setzen. Du kannst sie herrlich auseinander nehmen, wenn du bekifft bist. Und meistens muss ich dann über dich grinsen. Weiß nicht, ob du das hörst… Wahrscheinlich schon.

Es ist ein gutes Gefühl, jemanden an deiner Seite zu wissen, wenn du auf dem Heimweg bist. In den verschiedensten Situationen, vor allem im figurativen Sinn. Gerade wenn du mal wieder der Meinung bist, auf dem Holzweg zu sein, dir kalter Wind ins Gesicht peitscht, oder du völlig verblendet bist.

Ich hoffe, du weißt das,

kurz-unterschrift11

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