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“Das, was sie auch Entschleunigung nennen”

Veröffentlicht: Dienstag, 27. Mai 2014

Irgendwas treibt mich voran. Ich beschleunige. Schritt für Schritt. Immer schneller. Von der U-Bahnstation St. Pauli die Reeperbahn runter. An der Davidwache vorbei links Richtung Elbe. Vorbei an Nutten und Nerds, an Touristen und Polizisten. Mit Headphones auf den Ohren und Scheuklappen vor den Augen. Einfach geradeaus. Da halte ich plötzlich an – und inne. Einen Augenblick, gefühlt eine ganze Weile. Genauer gesagt im Augenblick, in dem mir dämmert, dass ich Stress nicht abschütteln kann, indem ich ihm hektisch enteile.

Die letzten Meter gehe ich langsamerer, zünde mir eine Zigarette an und schalte mein iPhone aus. Endlich stehe ich gegenüber Dock 10. Mit Blick auf Blohm + Voss und die Queen Mary. Für einen kurzen Moment bin ich froh, geeilt zu sein. Weil die Abenddämmerung hier immer noch etwas schöner scheint als an den anderen Orten, die ich so liebe in dieser Stadt. Als die Sonne ihre letzten Strahlen auf das Wasser wirft, bin ich längst versöhnt.

Es gibt Orte, die wir vorsätzlich aufsuchen, wenn wir auf der Suche nach irgendetwas sind. Zum Beispiel das, was sie auch Entschleunigung nennen. Wenn sie eloquent klingen wollen. Meine Tendenz geht weg von Eloquenz Richtung Ruhe. Ich stelle meine Sporttasche an einen der großen, rostigen Poller, lehne mich dagegen und schaue aufs Wasser. Weil mich Wellen beruhigen.


Im letzten Sommer habe ich oft hier gesessen und Wellen beobachtet. Oder Möwen. Oder Schiffe. Sicherlich kein Geheimplatz. Zumeist wird er von knutschenden Pärchen bevölkert, von Kiffern, Touristen und bekifften Pärchen aus der Pfalz. Und trotzdem strahlt dieser Ort am Ende der Landungsbrücken eine unglaubliche Ruhe aus – irgendwo zwischen der Silhouette der Hafencity auf der linken, und den Hafenkränen auf der rechten Seite.

Seit Tagen habe ich mich darauf gefreut, wieder hier zu sitzen und zu schreiben. Ins Blaue hinein sozusagen. Mit Blick auf die Elbphilharmonie. Auf weißes Papier unter weißen Wolken. Und nicht zu kommunizieren. Außer mit Blicken. Blicken, die wir Vögeln zuwerfen, wenn wir ihnen sagen wollen, dass wir gern ihre Flügel hätten. Um mal kurz weg zu sein. Für einen Augenblick oder auch eine ganze Weile. Weg von der Eile, mit der ich gerade die Reeperbahn herunter gerannt bin. Oder hoch. Je nachdem aus welcher Perspektive betrachtet.

Nüchtern betrachtet war die Perspektive an diesem Abend, viel Text zu schaffen und mindestens ein Interview. Das hätte auch gut funktioniert, wäre nicht dieses Mädchen interveniert. „Das ist mein Lieblingsplatz“, sagt sie, lacht mich mit blutrot geschminkten Lippen an, bevor sie eine blaue Decke ausbreitet und ihr Bier an den Kai stellt. „Ich komme oft abends hier her, um runter zu fahren.“

Während ich noch weiter Wellen zähle, fängt sie an zu erzählen. Von Schiffen, von Reisen, von ihren Träumen: einfach mal kurz weg zu sein. Oder auch eine ganze Weile. Am liebsten viermal im Jahr mit dem Schiff irgendwo hin. Vielleicht Miami, vielleicht die Dominikanische Republik.

Für einen Augenblick fühle ich mich verstanden, dann für eine ganze Weile. Eine Weile, in der wir uns erzählen, was wir gemacht haben, was wir machen, und was wir machen müssten. Dann steht sie auf und geht. „Wir sehen uns bestimmt mal wieder hier.“ Während ich mir wieder die Headphones aufsetze, höre ich noch das Klackern ihrer Absätze auf dem Asphalt. Mir wird langsam kalt. Es ist windig hier am Wasser. Ich hole die wärmende Decke aus meiner Sporttasche und fange an zu schreiben.

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Eine halbe Stunde später gehe auch ich. Ganz langsam die Landungsbrücken entlang Richtung U-Bahn. Zuhause schaue ich mir meine Notizen an. Zwischen angefangenen und abgesetzten Absätzen steht einer, der mir besonders ins Auge sticht:

Es gibt Orte, die wir vorsätzlich aufsuchen, wenn wir auf der Suche nach irgendetwas sind. Zum Beispiel das, was sie auch Entschleunigung nennen.“

Ich fahre den Computer hoch, zünde mir eine Zigarette an und beginne, einen Text um diesen Satz zu herum schreiben – oder über meinen Abend an Dock 10. Je nach dem aus welcher Perspektive:

“Irgendwas treibt mich voran. Ich beschleunige. Schritt für Schritt. Immer schneller. Von der U-Bahnstation St. Pauli die Reeperbahn runter. An der Davidwache vorbei links Richtung Elbe. Vorbei an Nutten und Nerds, an Touristen und Polizisten. Mit Headphones auf den Ohren und Scheuklappen vor den Augen. Einfach geradeaus. Da halte ich plötzlich an – und inne. Für einen Moment. Genauer gesagt im Moment, in dem mir dämmert, dass ich Stress nicht abschütteln kann, indem ich ihm hektisch enteile. Die letzten Meter gehe ich langsamerer, zünde mir eine Zigarette an und schalte mein iPhone aus. Endlich stehe ich gegenüber Dock 10.”

Als die Straßenlaternen vor meinem Schlafzimmerfenster angehen, bin ich längst versöhnt. Der Computer ist runter gefahren – und ich entschleunigt.

Gute Nacht,

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