verlobt

Großstadt-Singles & Zynismus: Der Beziehungssimulator

Veröffentlicht: Freitag, 21. Oktober 2016

Wenn ich die letzten zehn, 15 Jahre Revue passieren lasse, frage ich mich manchmal, ob Dating, besonders digitales Dating, ganz speziell in Großstädten, Menschen zuerst zynisch oder zielsicher macht – zielsicher durch zügellose Schizophrenie.

Diese lässt sich vor allem auf eins zurückführen: Je längere wir daten, desto leichter fällt es uns, Wünsche und Erwartungen der anderen nicht nur zu antizipieren. Vielmehr perfektionieren wir unsere Mittel, um diese zu erfüllen, wenn nicht sogar zu übertreffen. Dabei knipsen wir, je nach individueller Bedürfnislage, Teile unserer Persönlichkeit aus, um andere besonders deutlich strahlen zu lassen.

Wenn wir davon ausgehen, dass das initiale Kennenlernen zuerst darauf beruht, dass beide Seiten etwas in der jeweils anderen zu sehen meinen, ist das zu geben, was verlangt wird, die zielsicherste Methode, um genau das zu bekommen, was man will. Im hedonistisch bis egozentrischen Zeitalter von Streaming-Diensten und Lieferando geht es eben mehr denn ja um das Erfüllen von Wünschen auf Knopfdruck. Und wer dann noch mit einem Augenaufschlag ganze Fantasien zu erfüllen weiß, braucht sich in den „Ich bin gerade lieber allein“-Phasen des Lebens trotzdem nicht wegen ausbleibender Nähe sorgen.

Das klingt zynisch, allerdings ist Kalkül der beste Weg, um für einen mehr oder weniger definierten Zeitraum Nähe zu bekommen, wenn man tunlichst vermeiden möchte, in einer Beziehung zu landen. In Zeiten, in denen wir nach Feierabend eigentlich nichts hören wollen außer Stimmen aus dem Fernseher und niemanden sehen außer den Pizzaboten.

Tatsächlich wirkt die zielgerichtete Schizophrenie dann wie ein Beziehungssimulator oder ein Liebesfilm, der einen beim Anschauen glücklich macht. Was den akuten Zustand betrifft: Bisher war ich gespalten, ob ich mich wieder in einer Nicht-Beziehung befinde, oder bereits in ihrer verbesserten Form: der simulierten Beziehung, die alles ausblendet, was die Geigen vom Himmel holen könnte.

Seit gestern weiß ich: Ich bin tatsächlich auf dem nächsten Level angekommen. Im Grunde brauchen wir zum perfekten Dauerdate nämlich nicht mehr als drei Kurznachrichten: „Sex? / Kuscheln? / Drinks?“ – „9 bei dir?“ – „Check!“ Geplant war das nicht. Eigentlich wollten wir nur mal vögeln. Irgendwann fingen wir an, zusammen zu essen, Filme zu schauen, und über unser Leben zu sprechen. Ganz unverbindlich.

„Ich muss dir was sagen“, schrieb ich ihm vor ein paar Wochen trotzdem. „Ich heiße gar nicht Sebastian. Normalerweise wäre das auch egal. Aber inzwischen komme ich mir jedes Mal, wenn wir auf dem Sofa liegen, so vor, als würde ich dir ins Gesicht lügen. Und irgendwie mag ich dich ja.“ – „Das habe ich mir gedacht, kam zurück. Ich heiße auch nicht Max.“ – „Dachte ich mir“, antwortete ich. – „Wollen wir es einfach so lassen, wie es ist?“

„Unbedingt“, tippte ich erleichtert in mein Handy, „dann hätten wir das ja geklärt.“ Denn wenn man sich schon was vormacht, dann doch bitte mit viel Win-Win und ohne Drama. Seither hängt der Himmel immer öfter voller Geigen. Wenn er geht, schalte ich die Musik aus und gerade ausgeblendete Teile meiner Persönlichkeit wieder an.

Im Gegensatz zur völlig personalisierten Nicht-Beziehung ist die völlig anonymisierte Beziehung im Simulator das Beste seit Erfindung von Liefer- und Streaming-Diensten. Man fährt seinen Film, isst gut und hat zwischendurch hervorragenden Sex. Zwischendurch berät man sich in dringenden Lebensfragen, ohne jemals Umstände erläutern zu müssen. Später geht man völlig entspannt zum Tagesgeschäft über.

„Möchtest du uns Max nicht mal vorstellen?“, meinte letztens ein Kumpel. Nein, möchte ich nicht. Weil das potenziell der Anfang einer dieser Beziehungen werden könnte, die mich schon auf Facebook-Fotos zu Tode langweilen. Dann lieber die Simulation von Perfektion auf Knopfdruck. Denn so bleibt nach dreieinhalb Jahren des An-jemanden-Denkens endlich wieder genug Zeit, mich ausschließlich mit mir selbst zu beschäftigen. Mit Dingen, die mich happy machen.

„Man nennt das Zynismus“, schrieb Oscar Wilde, „ein Ding zu betrachten wie es wirklich ist, nicht wie es sein sollte.“ Insofern bin ich gerade der glücklichste Zyniker der Welt. Das bedeutet vielleicht, für den Moment allen Idealen abzuschwören. Aber ist es nicht besser, sich die perfekte Glückssimulation zu schaffen, als jenen ständig  hinterher zu rennen?

I’m in heaven,

kurz-unterschrift11

Mehr aus meinem Tagebuch – HIER!

Antworten

Teil mir Deine Meinung mit. Ich freue mich über Feedback!