Am Ende der U1: Großhansdorf

Tief aus dem Spießerherz: Havarie in Großhansdorf

Veröffentlicht: Sonntag, 6. April 2014

Am Samstagabend habe ich getan, was man im Regelfall nicht tut. Zumindest nicht, wenn man im „Bezirk Mitte“ einer Großstadt lebt – und schon gar nichts samstagabends: Ich bin aufs Land gefahren. Genauer gesagt eine Stunde Richtung Nordosten nach Großhansdorf. Um festzustellen, dass die Endstation der U1 sowas ist wie meine Endstation Sehnsucht. Weil ich meine, dass meine Suche nach dem Schönen, dem Wahren und dem Guten irgendwann genau hier enden wird: unter einem Reetdach in Schleswig-Holstein!

Regelmäßige Lesern meines Blogs wird dieser fromme Wunsch wenig überraschen. Allen anderen sei gesagt: Ich bin weitaus spießiger als ich auf den ersten Blick wirke. Ich habe nur aufgehört, das ständig jedem zu zeigen. Aus ähnlichen Gründen, aus denen ich irgendwann aufgab, ständig zu beweisen, dass man sich mit mir sogar über Literatur unterhalten oder schlechten Sex haben kann. Wenn ich will.

Am Ende der U1: Großhansdorf

Am Ende der U1: Großhansdorf

Gestern zumindest wollte ich nicht mehr weg. Denn im Grunde ist ein grundspießiges Leben mit Kindern auf einem Grundstück mit Reihenhaus und Garten genau das, was ich eigentlich will.

Bei Britta und Marc habe ich Pasta mit Pesto gegessen, Drinks mit von Lametta gezierten Strohalm getrunken und bin dabei in Gedanken versunken: Wäre es nicht toll, wenn mein nunmehr 14-monatiges Dating-Drama mit Mr. Bigger irgendwann in genau so einem Reihenhaus enden würde – mit regelmäßigen Ausflügen ans Meer?

Mehr noch: Ich begann, die beiden tierisch zu beneiden. Spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem ihre zauberhaften Kinder im Bett waren und Wörter wie „Beischlaf“ nicht mehr mit „Ausmalen“ chiffriert werden mussten. Jetzt mal Tacheles, ne!

Zugegeben bin ich bisher weiter von Schleswig-Holstein entfernt als jemals zuvor. Im „Bezirk Mitte“ zu leben, bedeutet vor allem: In Sachen Dating flexibel zu sein, lokal gesehen – und damit auch moralisch flexibel. Ihr werdet verstehen, dass ich in einem Wohnumfeld von Prostituierten, Alkoholikern und Getunter-Polo-Fahrern nicht wirklich anfangen kann, in Karohemden rumzulaufen und selbst gebackene Muffins unter die Nachbarn zu bringen. Ich bin doch nicht lebensmüde! Nur des Lebens ohne Haus, Hund und dem herrlichsten Hanseaten müde.

Back to Reality in Hamburg Mitte

Back to Reality in Hamburg Mitte: Nuttenfrühstück

Aber ganz ehrlich: Am liebsten würde ich noch heute mit aller Spießigkeit anfangen. Und am liebsten würde ich ihn anrufen und sagen: „Du spinnst doch! Heirate mich endlich!“

Tue ich aber nicht. Aus ähnlichen Gründen, aus denen ich irgendwann aufgehört habe, mich für jede SMS, die ich ihm schreibe, mit einer Ohrfeige zu strafen: Weil er sowieso weiß, was ich denke. Weil es mir bei jedem Kuss so scheint, als könnte er sowieso ganz tief in mein Herz sehen. In mein Spießerherz. Dort, wo zwei Dinge wohnen – er und mein Traum vom Leben unter dem Reetdach in Schleswig-Holstein.

So ist Großhansdorf irgendwie so etwas wie eine Chiffre für die Havarie meiner Beziehung zu Mr. Bigger und gleichzeitig mein Herzenswunsch. Tief aus dem Spießerherz.

Herz drum. Fertig,

Brad Unterschrift

Mehr aus meinem Tagebuch – HIER!

Antworten

Teil mir Deine Meinung mit. Ich freue mich über Feedback!