Freunde

Nicht aufzuwiegen

Veröffentlicht: Donnerstag, 19. Mai 2016

Manchmal gewinnen die Dinge erst wirklich an Gewicht, wenn wir sie gegen andere abwägen. Wenn wir sie aufwiegen. Gegen alles, was wir haben könnten, wären wir bereit, sie aufzugeben.

Ich war bereits viel zu sehr in das Gedankenspiel abgerutscht. Weil ich mich haltlos fühlte. Wie aus dem Leben gerissen. Aus dem, das ich wollte. Privat war das letzte Jahr sicherlich nicht leicht. Da fiel es schwer, die Gelegenheiten, einfach abzuhauen, nicht zu nutzen – bis das Abwägen begann.

Es gab sie, die Chancen, wegzugehen. Nach Köln, nach Düsseldorf, nach München, nach Berlin. Städte, die lange von meinem Radar verschwunden waren. Wahrscheinlich war das Schlimmste, was ich mir in dieser Zeit leistete, meinen Freunden zu sagen, dass mich hier sowieso nichts mehr halte.

Denn Freundschaften zählen zu den Dingen, die erst wirklich an Gewicht gewinnen, wenn wir sie abwägen. Wahrscheinlich, weil sie uns im Alltag so selbstverständlich erscheinen. Gerade an Tagen, an denen wir uns einfach mit unserer Welt drehen – und nicht versuchen, ihre Umlaufbahn zu verlassen. Dann merken wir gar nicht, wie sehr sie uns wirklich erden und verwurzeln.

So wog ich sie wieder und wieder ab, die Freiheit, gehen zu können. Gegen die Freundschaften, die eben nicht kamen und gingen, sondern blieben, die Gewicht hatten. Und haben. Also blieb ich. Vor allem auf Linie mit mir selbst.

Es wird sie immer geben, diese Zeiten, in denen dir irgendjemand den Boden unter Füßen wegreißt, in denen du dich entwurzelt fühlst oder heimatlos. An diesen Tagen sollten wir fälschlicherweise gerade die nicht aufgeben, die aus einem Tag einen schönen Tag machen, aus „Liebeskummer“ „Lohnt sich nicht“, aus einer Stadt eine Heimat.

Weil das Leben durch sie an Leichtigkeit gewinnt, wenn alle anderen Gewichte abfallen.

Aufwiegen kannst du Freunde nie. Aufgeben vielleicht – aber nur mir dem Versprechen, zurück zu kommen.

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