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Generation X: Es wurde Zeit, wieder politisch zu werden!

Veröffentlicht: Samstag, 24. Oktober 2015

Manchmal kommen mir die Tage, die gerade an uns vorbeiziehen, in bewegten Bildern, bewegenden Radioreportagen, oder Zeilen in Zeitungen vor wie ein Albtraum. Denn wir haben das alles schon gesehen. Die brennenden Asylantenheime, die Springerstiefel. Wir standen in den Lichterketten gegen das Vergessen, und wir vergaßen trotzdem wieder, wie die verschüchterten Kinder aus Ex-Jugoslawien bei jedem Krach vor dem Klassenzimmer verschreckt zusammen zuckten. Weil sie nicht vergessen hatten, wie es sich anhört, wenn Bomben vom Himmel fallen.

Wir alle sind zurückgefallen in den letzten Wochen. In die Ängste, in die Ohnmacht, die wir schon damals spürten. Als Teenager. Als wir die Bilder aus Mölln sahen. Als unsere Eltern uns besorgt erklärten, dass der Krieg wieder mitten in Europa angekommen sei. Dann haben wir das alles wieder verdrängt, genauso wie die Erinnerung an unsere Schulhoffreunde, die irgendwann wieder abgeschoben wurden. Jetzt ist alles wieder da. Nur größer und gewaltiger: die Gewaltbereitschaft, die Anschläge, die Flüchtlingsströme. Die Dimensionen haben sich geändert.

Aber wie war das damals? Irgendwann haben wir uns nicht mehr „Nazis raus!“ auf die Fahnen geschrieben, auch nicht auf die Ledermäppchen. Irgendwann sind wir wieder nach Kroatien in den Urlaub gefahren, weil es da billig war. Das in den neunziger Jahren omnipräsente Peace-Zeichen entdeckten wir erst im Selfie-Zeitalter wieder.

Die Leiden der “Generation X”

Wir, das meint die letzte von vielen „Generation X“. Die „Null-Bock-Generation“ – keine Lust auf nix. So nannte man uns damals. Dieser Begriff grenzt uns ab. Früher von der materialistischen „Generation Golf“, heute von den Internet-Natives, der „Generation Y“, die uns lange überall zu überholen schien – mit ihrem kurzen Abitur, ihrem kurzen Studium und ihren Abkürzungen in Kurznachrichten. Dann kam die Flüchtlingsdebatte.

Gerade habe ich den Eindruck, dass die „Generation X“ wieder erwacht. All die, die das Wort „Nazi“ zwanzig Jahre lang nur noch am Rande gehört, und unterschätzt hatten, wie viele davon noch immer unterwegs sind. Nur, weil wir nichts mehr Bedeutendes von ihnen mitbekamen. Außer in Nachrichten über geduldete Demonstrationen in kleineren Städten irgendwo. Wir begannen, über Hitler zu lachen – in Kinofilmen und Fernsehserien. Und wir waren froh, endlich mal locker mit der Vergangenheit umgehen zu können, von der wir dachten, sie wäre vorbei, die sowieso nie unsere war, sondern die unserer Großeltern.

Wisst ihr, die Leute haben nie viel von unserer Generation gehalten. Wir waren die ersten, die angeblich vor dem Fernseher verblödeten, die Ego-Shooter sozialen Kontakten vorzogen, die sich mit chemischen Drogen in den Clubs den Rest Gehirnzellen wegbliesen. Angeblich.

Wir sind angekommen

Jetzt sehe ich, wie sich all diese “Null Bock”-Leute bewegen. Zu Demonstrationen, zu Kundgebungen, wie sie ihre Meinungen im Internet teilen. Meinungen, die ich nicht alle teile, aber wohl wertschätze, wie sie wieder anfangen, zu diskutieren. Viele auf Grundlage dessen, was sie schon kennen, was wir kennen. Aus den neunziger Jahren. Alle spüren sie wieder diese Angst. Und alle schauen sie abends Nachrichten und fragen dann: Wo leben wir hier eigentlich?

Auf den sozialen Netzwerken habe ich immer den Eindruck, dass gerade die, die heute zwischen 30 und 40 sind, in der Frage nach Hilfen für Flüchtlinge und Widerstand gegen die Stimmen des Hasses, besonders aktiv sind. Sie erheben ihre Stimme wieder. Nicht mehr in Schweigeminuten, sondern laut. Nicht mehr in Lichterketten, sondern in Gegendemonstrationen. Meine Facebook-Timeline ist voll von den Rufen derer, die heute, 20 Jahre später, endlich alle Mittel haben, um zu helfen.

Debby sammelt Brote und Kuchen für Flüchtlinge, Jennifer sammelt Kleider, Marvin bittet um Bettwäsche für die Notunterkünfte und Niklas gibt Kindern Deutschunterricht. Nix ist ein Satz mit X? Aus der „Generation Nix“ ist eine ganze Menge geworden, meine ich.

Wir wollten Rafael und Sabia mal um nichts nachstehen. +++ Ernst: Debby hat so viele tolle Sachen für die Hamburger Flü…

Posted by BradSticks – Lifestyle-BLOG on Montag, 20. Juli 2015

 

Und dann sehe ich uns alle wieder in den Lichterketten gegen das Vergessen der Anschläge auf Asylantenheime, die wir dann doch wieder vergaßen. Zwanzig Jahre lang. Bis wir einen Denkzettel bekamen. Bis „Schrei nach Liebe“ wieder an der Spitze der deutschen Charts stand, und wir wussten, dass die Neunziger zurück sind.

Nix mit Love Parade

Nur anders als wir dachten. Nicht als Love Parade. Sondern als Parade all der Ängste und Sorgen, die unsere Eltern damals hatten, als die Asylantenheime brannten, der Krieg wieder mitten in Europa war und sie uns sagten, wir sollten nett zu den Kindern aus Ex-Jugoslawien sein. Weil sie es nicht leicht gehabt hätten in ihrer Heimat.

Viele der Kids von damals haben ihre Eltern offensichtlich verstanden. Wo sie sich früher das hippe Peace-Zeichen auf Mäppchen schrieben, schreiben sie sich heute „Refugees welcome“ auf die Fahnen und überall hin, zumindest den Anspruch auf eine faire, fruchtbare Diskussion über die Herausforderungen unserer Zeit. Dafür wurde es Zeit. Weil die “Generation X” schon immer besser war als ihr Ruf.

Der Nazi-Vater mustert mich von oben bis unten. Schließlich schüttelt er den Kopf: „Frau Steinbeck, Sie gehören doch…

Posted by BradSticks – Lifestyle-BLOG on Mittwoch, 21. Oktober 2015

 

Mich ganz persönlich berührt es, wenn ich sehe, wie wir uns wieder einsetzen, wie wir uns wieder stark machen. Gegen Rechtsradikalismus. Nicht, weil wir das Dritte Reich erlebt haben, sondern die Neunziger. Und weil es uns reicht! Weil wir so etwas nicht mehr wollen. Weil das unsere Heimat nicht schöner macht.

Refugees welcome,

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