Hamburger Michel

Fürchtet euch nicht! – oder: Sag mal, schluckst du?

Veröffentlicht: Freitag, 25. Dezember 2015

Die Frage kam nicht unvermittelt, aber überraschend. Überraschend, weil wir uns den ganzen Heiligabend über die absurdesten Dates unterhalten hatten, die wir in Hamburg miteinander durchleiden, seit wir uns kennen. Gegen Mitternacht verließen wir die Christmette des Hamburger Michels, als sie mich plötzlich ansah: „Glaubst du an Gott?“ Da habe ich nachgedacht.

Wir wollten erst eines dieser kitschigen “Pärchen stehen vor einem Baum” -Fotos nachstellen. Fanden wir aber voll Neunziger. Deshalb kurz und knapp: Wir sind schwanger! Merry Christmas aus Hamburg

Posted by BradSticks – Lifestyle-BLOG on Donnerstag, 24. Dezember 2015

 

In unseren Zeiten sind wir zugegeben schnell dabei, Freunde zu fragen, wie sie‘s mit SM haben, oder ob sie beim Oralverkehr schlucken. Die Gretchenfrage dagegen schlucken wir meistens runter: Wie hast du’s mit der Religion?

Tatsächlich war es das erste Mal überhaupt, dass wir beide über Religion sprachen. Im Grunde ist es ja so: Wenn aktuell nicht irgendjemand gerade die Islamisierung Deutschlands befürchtet, ist Religion ein Thema, das im Alltag entweder keine Relevanz besitzt, oder bewusst ausgeklammert wird. Man fragt einfach nicht danach, man könnte ja jemandem auf die Füße treten.

Ich schwieg betreten. Für mich ist Religion eigentlich etwas ganz Natürliches. Meine Mutter war Küsterin, weshalb ich im Haus direkt an einer Kirche aufwuchs. Später ging ich auf eine franziskanische Klosterschule und über Jahre fast jeden Sonntag in den Gottesdienst, auch weil mir meine Oma danach immer meine Leibspeisen servierte, Sauerbraten oder Rouladen.

Hamburger Michel

Hamburger Michel

Liturgie finde ich bis heute faszinierend, auch das erhabene Gefühl, in einem Gotteshaus zu stehen, begeistert mich. Im Kölner Dom oder dem Petersdom.  Aber wie viele Teenager, die ihre eigenen Wahrheiten suchen, fiel ich irgendwann vom Glauben ab. Beziehungsweise verfiel ich dem egoistisch ausgelegten Glauben, den Stoßgebeten. Immer, wenn es zählte: Lass mich bitte diese Klausur bestehen! Lass diesen Typ bitte auf mich stehen! Mach bitte, dass der jetzt wieder einen Ständer bekommt, sonst kotze ich! Echt mal!

Ich habe den Heimweg von den Landungsbrücken bis zu mir nach Hause noch lange über die Frage nach meinen Glauben und den gerade erlebten Gottesdienst nachgedacht. Den Hamburger Michel im Festbetrieb zu sehen, den Chor und die Orgel zu hören, war ein tolles Erlebnis. Auch die Predigt von Pastorin Julia Atze, die die frohe Botschaft, „Fürchtet euch nicht“, in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen zur Weihnachtsgeschichte gestellt hatte, berührte mich.

Ich verließ die Christmette mit dem alten Gefühl aus Kindertagen: Dass das Haus Gottes ein Ort der Liebe, der Vergebung, des Mitleids und der guten Hoffnung für die Zukunft ist. Als ich später mit einem Drink auf der Couch saß, konnte ich ihre Frage beantworten: Ja, ich glaube an Gott. Ich glaube, dass da etwas ist, das uns leitet und behütet, auch wenn das zuerst vielen Ereignissen, die sich aktuell auf der Erde abspielen, widerspricht. Aber da ist eben diese frohe Botschaft: Fürchtet euch nicht!

Ich war schon immer der „Fürchtet euch nicht“-Typ, und wer mich kennt, weiß, dass ich zusätzlich in vielen Bereichen sehr konservative (deutsche) Werte vertrete. Nicht immer Moralvorstellungen, aber eben Werte und Tugenden. Und ich habe schon geschluckt. Diesmal meinen langjährigen Zweifel, ob ich ein guter Christenmensch bin. Wegen meiner Lebensführung vielleicht, vor allem, weil ich inzwischen so selten in die Kirche gehe.

Ich glaube, dass ich wirklich glaube – an Gott. Und ich glaube, dass ich bald wieder einen Gottesdienst im Hamburger Michel besuchen werde. Weil ich dieses Gefühl, gut aufgehoben zu sein, diese frohe Botschaft, schon lange nicht mehr so schön zusammen gefasst gehört habe.

Und ich meine, dass ich in meinem Leben bereits Hunderten Predigten beiwohnte.

Fröhliche Weihnachten,

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