down

Für unsere Träume zu wenig Zeit?

Veröffentlicht: Mittwoch, 11. Dezember 2013

In jeder Freundschaft kommt irgendwann der Punkt, an dem der Schongang durchgelaufen ist und zwei Menschen ehrlich zueinander sind. Schonungslos ehrlich. Wir standen uns gegenüber. Im Regen vor einer Bar, diesmal fern von Hamburg. Ehrlich gesagt war bereits klar, dass wir weit entfernt am jeweils anderen Ende der Skala standen – bevor überhaupt ein Wort gesagt war. Ich brannte wie die Zigaretten in unseren Händen, dein Kopf war kühl wie der Wind, der uns den Regen ins Gesicht peitschte, der unaufhörlich an der Glut nagte.

Die Zigaretten gaben nach, mein Herz brannte weiter. „Ich bin eben ein Träumer“, durchbrach ich das Schweigen schließlich. Dann fiel der Satz, vor dem ich mich den ganzen Abend gefürchtet hatte: „Ich weiß, und ich bin Realist.“ Es gibt Punkte, an denen wir auf unsere Freunde hören. An anderen nicht. An Schmerzpunkten. Irgendwie war klar, dass du nicht applaudieren würdest. Ich sprach es trotzdem aus. Fast trotzig: „Ich bin nicht bis hierher gekommen, um jetzt umzukehren.“ Denn zu oft ist das Leben eine Ansammlung nackter Posten auf Kosten-Nutzen-Rechnungen.

Doch manchmal trotzt das Leben dem Erwartungsgemäßen und macht uns einen Strich durch die glatte Rechnung. Immer dann, wenn wir alle Alltagsarithmetik mit unseren Träumen vermischen und eine Milchmädchenrechnung wagen. Nicht alles ist berechenbar. Das wissen auch Ingenieure. Ich wusste, dass du das weißt. Und ich glaube, du hast mich verstanden, obwohl du am anderen Ende der Skala standest. Denn in Wahrheit stand gar nichts zwischen uns – außer, dass du mich beschützen wolltest, während ich mit Träumen kalkulierte.

Dieser Abend endete mit der Gewissheit, dass Freundschaften an dem Punkt wichtig werden, an dem sich Freunde retten. Manche Freunde retten andere davor, ganz in ihren Träumen aufzugehen. Andere Freunde retten andere davor, ihre Träume ganz aufzugeben. Sie versuchen es zumindest. Die einen wie die anderen. Vielleicht versteht nicht jeder Freund deinen Traum, aber jeder Freund wird versuchen, dich ihm näher zu bringen so gut er kann. Selbst wenn er auf einer Milchmädchenrechnung fußt.

[youtube_sc url=”http://www.youtube.com/watch?v=2RvOm2IbyUU”]

Zurück in Hamburg. Der gleiche Standpunkt, ein anderer Abend, ein anderer Freund. Einer, der ebenfalls endlich eine Entscheidung treffen muss. „Wenn du hoffst, und etwas wirklich willst, und du wirklich etwas dafür tust, dann tut sich auch ein Weg auf“, sage ich. Er denkt nach. Laut: „Vielleicht stehe ich schon zu lange an der Kreuzung und sollte mich endlich entscheiden.“

Auch er hat Angst, eine endgültige Entscheidung zu treffen. Weil bereits klar ist, dass der sichere Weg nicht dorthin führen wird, wo er eigentlich hin will. Und so lasse ich mich zu einer Phrase aus der Alltagsarithmetik hinreißen: „Mach die Entscheidung nur von deiner eigenen Rechnung abhängig.” Und dann laut: „Und deinem Traum.“

In jeder Entscheidungsphase kommt irgendwann der Punkt, an dem der Schongang durchgelaufen ist und wir eine ehrliche Entscheidung treffen. Eine schonungslos ehrliche. Und in den wenigsten Fällen verlassen wir uns an genau diesem Punkt auf unser Gefühl allein, aber eben auch nicht allein auf die Mathematik. Denn zwischen all den nackten Posten ist immer ein wenig Platz für unsere schön verpackten Träume. „Lass dir vom Leben nicht deine Träume nehmen“, höre ich mich denken. Lauter: „So naiv das jetzt klingt: beziehe sie mit ein, bevor du umkehrst – oder nicht!“

Zum Glück ist gerade die Zeit des Jahres, in der das Wünschen wieder hilft. Schreibt eure Träume auf einen Zettel, einen Wunschzettel. Zeigt sie euren Freunden und lasst sie retten – euch, oder eure Träume. Übrigens träumten wir beide von einem sicheren Hafen. Einem anderen.

Träumt schonungslos,

kurz-unterschrift11

Mehr aus meinem Tagebuch – HIER!

Antworten

Teil mir Deine Meinung mit. Ich freue mich über Feedback!